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Aus der Stadt Jenny Erpenbeck liest in der Käthe-Kollwitz-Schule
Hannover Aus der Stadt Jenny Erpenbeck liest in der Käthe-Kollwitz-Schule
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00:21 30.09.2018
Volles Haus: Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck (3. v. l.) liest in der Aula der Käthe-Kollwitz-Schule aus ihrem Buch „Gehen, ging, gegangen". Der Roman ist Thema für das Abitur 2019. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Lessing ist tot, Brecht und Fontane auch, Platon schon seit mehr als 2000 Jahren – Deutschabiturienten haben selten die Gelegenheit, mit den Autoren ihrer Prüfungslektüre zu diskutieren. Am Donnerstag hatten aber rund 500 Zwölftklässler aus Hannover und dem Umland in der Käthe-Kollwitz-Schule die Chance, die Berliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck (51) zu befragen. Ihr Bestseller „Gehen, ging, gegangen“, der sich einen emeritierten Professor und seine Begegnungen mit afrikanischen Flüchtlingen dreht, wird Abiturthema 2019 in Niedersachsen.

Von Erpenbecks Büchern gehe Magie aus, sagt Siegfried Stöbesand, Deutschlehrer an der Käthe-Kollwitz-Schule. Seitdem er ihr Buch „Heimsuchung“ (2008) gelesen habe, sei er ein begeisterter Fan. „Ich bin positiv konditioniert beim Namen Erpenbeck.“

In der voll besetzten Aula liest die Schriftstellerin, der man ihre Berliner Herkunft anhört, über den Flüchtling Awad („Der erste Tag seines Lebens war zugleich der letzte seiner Mutter“), der erst in Ghana und später bei seinem Vater in Libyen lebte. Und sie liest, wie ihr Romanheld Richard ein Grundstück in Ghana kauft, um der Familie eines Flüchtling das Überleben zu sichern.

Aus welchen Leben kommen die Flüchtlinge?

Als eine Schülerin fragt, wie Erpenbeck zu ihrem Buch inspiriert wurde, antwortet diese, 2013 habe sie gehört, dass im Mittelmeer ein Flüchtlingsboot gesunken und Hunderte Menschen gestorben seien. In Deutschland habe man sich nicht für die Geschichte dieser Flüchtlinge interessiert, sondern nur gesagt, dass Europa eben nicht alle aufnehmen könne. „Mir ging es darum, aus welcher Art leben diese Menschen kamen. Flüchtling sein ist ja kein Beruf, es ist nur ein Aggregatzustand.“ Sie habe viel gelernt durch ihre zahlreichen Gespräche mit Geflüchteten: Wie man Fufu, ein Maniokbrei esse. Wie man jage. „Und meinen Postboten kann ich jetzt auch in Hausa, einer nigerianischen Sprache, begrüßen.“ Was ihr berichtet worden sei, habe sie nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Als Autorin müsse man aber beiseite treten und die Sachen von oben betrachten.

Als die stellvertretende Schulleiterin der Käthe-Kollwitz-Schule, Elke Kantian, Erpenbeck fragt, was ihr Heimat bedeute und deren Satz zitiert: „Wer seine Heimat verlässt, der verliert auch sich selbst“, antwortet die 51-Jährige: „Heimat kann ein Ort, die Familie, die Sprache sein, Flüchtlinge haben alles auf einmal verloren, Heimat meint auch, dass man verwurzelt ist.“ Ein Buch aus der Innensicht der Flüchtlinge zu schrieben, habe sie sich nicht zugetraut, sagt Erpenbeck: „In ihren Köpfen kenne ich mich nicht aus, das wäre unseriös.“

Die Abwesenheit von Frauen

In „Gehen, ging, gegangen“ spielen Frauen keine große Rolle. Die Abwesenheit von Frauen sei trotzdem ein Hauptthema des Buches, sagt Erpenbeck. Den männlichen Flüchtlingen fehlten Frauen, denen sie sich öffnen könnten. Sie habe bewusst einen männlichen deutschen Helden und keine Frau gewählt. „Bei einer Heldin hätte man entweder gedacht, die hat ein Helfersyndrom oder die zieht schwarze Männer weißen vor, beide Diskussionen wollte ich nicht haben.“

Ihr Buch handle vom Übergang von dem einen in ein anderes Leben. „Das beste Buch über Übergänge sind Ovids Metamorphosen“, findet die Berliner Autorin. Überhaupt empfiehlt sie den Zwölftklässlern antike Autoren wie Sophokles und Euripides – Latein und Alt-Griechisch seien als andere als tote Sprachen. Es sei bedauerlich, dass nur noch 0,2 Prozent der Schüler überhaupt noch Alt-Griechisch lernten.

Ein Schüler fragt Erpenbeck, wie sie es finde, dass ein Zeitungskritiker ihr Buch als „reflektierte Unterhaltung“ bezeichnet habe. Sie lese nicht alle Kritiken und versuche, die schlechten nicht allzu sehr an sich herankommen zu lesen, antwortet sie. Aber Unterhaltung sei ja ein weiter Begriff und an sich ja auch nichts Negatives.

„Hoffentlich nicht zu Tode analysiert“

Und wie ist es Abiturthema zu sein? „Schon aufregend“, sagt Erpenbeck. Sie hoffe allerdings, dass die gründliche Analyse die Liebe zu dem Buch nicht verleide. „Besser fände ich es, wenn man im Deutschunterrricht das Buch liest, einmal bespricht, es dann zur Seite legt, sich jeder einen Flüchtling als Paten sucht, ihn im Halbjahr sechsmal interviewt und daraus eine Kurzgeschichte schreibt.“ Die Abiturienten und Lehrer im Saal applaudieren.

Von Saskia Döhner

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