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Hannover HAZ-Forum: Die Digitalisierung im Krankenhaus hat gerade erst begonnen
Hannover HAZ-Forum: Die Digitalisierung im Krankenhaus hat gerade erst begonnen
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00:17 18.03.2019
Wie digital sind unsere Krankenhäuser bereits? Wo hapert es? Diese Fragen diskutierten Dr. Thomas Vorwerk (von links), Dr. Jürgen Peter, Barbara Schulte und Prof. Andreas Franke am Donnerstag beim HAZ-Forum zum Thema "Gläserner Patient? So verändert die Digitalisierung Kliniken". Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Digitale Patientenakten, der Mutterpass auf dem Smartphone und Ferndiagnosen über den Monitor. Die Digitalisierung der Krankenhäuser hat in der Region Hannover begonnen. Während in einigen Häusern bereits der Monitor bei der Visite die Akte ersetzt, kämpfen Pflegekräfte und Mediziner andernorts mit langsamen Netzwerkverbindungen und Medikationsplänen, die vom Scanner nicht eingelesen werden. Fehlende Standards und datenschutzrechtliche Hürden hemmen die Digitalisierung an vielen Stellen. Dass sie so schnell wie möglich auch in den Kliniken der Region gelingen muss, ist nach Ansicht der Experten auf dem Podium des ersten HAZ-Gesundheitsforums am Donnerstag alternativlos. Sie sind sich einig darüber, welche Hemmnisse die Entwicklung bislang am stärksten aufhalten und welche Veränderungen bereits in Kürze jeden Krankenhausaufenthalt radikal verändern.

Zum Auftakt der Gesundheitsforen ging es um die Digitalisierung im Krankenhaus. Hier einige Stimmen der Podiumsteilnehmer und aus den Zuschauerreihen.

Über diese Schwierigkeiten und Chancen der Digitalisierung im Krankenhaus diskutierte HAZ-Redakteurin Jutta Rinas mit Barbara Schulte, der Geschäftsführerin Infrastruktur im Klinikum Region Hannover (KRH), dem Kardiologie-Chefarzt am Klinikum Siloah Prof. Andreas Franke, dem KRH-Chefapotheker Dr. Thomas Vorwerk und dem Vorstandsvorsitzenden der AOK Niedersachsen, Dr. Jürgen Peter. Das Forum war das erste in einer Reihe von fünf Veranstaltungen, die noch bis zum 21. März stattfinden.

Visite ohne Akten

"Wir müssen verhindern, dass im Krankenhaus jeder Mitarbeiter nur noch auf den Monitor guckt, statt mit den Patienten zu reden." - Andreas Franke, Kardiologie-Chefarzt am Klinikum Siloah. Quelle: Mario Moers

Wenn Professor Franke am Morgen zur Chefarztvisite im Krankenhaus Siloah aufbricht, muss er die Patientenakten nicht lange suchen. Seit der Eröffnung vor fünf Jahren werden alle wichtigen Daten, Röntgenbilder und andere wichtige Gesundheitsdaten in einer elektronischen Patientenakte gespeichert – auf freiwilliger Basis. Zeitaufwendiges Suchen nach Laborberichten oder Anmerkungen der Kollegen entfällt damit. Dafür kann Franke seinem Patienten direkt am Krankenbett ein Video der gerade abgeschlossenen Katheteruntersuchung zeigen. „Durch diese Umstellung auf das Digitale hat man mehr Zeit, der Patient profitiert davon und viele Mitarbeiter können es sich inzwischen auch nicht mehr vorstellen, wieder mit Akten und Papier zu arbeiten“, sagt Franke.

Nach dem Pilotprojekt in Linden wird die elektronische Patientenakte in Kürze in allen zehn Krankenhäusern des KRH eingeführt. Nach den Plänen des Bundesgesundheitsministeriums soll sie bis spätestens 2021 allen gesetzlich Versicherten zur Verfügung stehen. Sie ist damit aktuell der vielleicht wichtigste Baustein bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland – und bedeutet möglicherweise das Aus für schnell hingeschmierte Notizen. „Die typische unlesbare Arzt-Handschrift geht so nicht mehr. Es muss alles digital erfasst werden, damit es funktioniert“, sagt Franke.

Problematischer Spagat

„Wir brauchen die digitale Medikation, aber wir müssen es schaffen, dabei Fehler zu verhindern." - Thomas Vorwerk, KRH-Chefapotheker. Quelle: Mario Moers

Wie sehr der derzeitige Spagat zwischen Altbewährtem und neuer Technik die Digitalisierung aufhält, schilderte KRH-Chefapotheker Vorwerk an einem Beispiel. „Zehn Prozent der Medikationspläne können derzeit nicht vom Computer eingelesen werden, obwohl es technisch eigentlich längst funktionieren sollte“, sagt er. Laut E-Health-Gesetz haben Versicherte, die mindestens drei verordnete Arzneien nutzen, seit 2016 Anspruch auf einen solche Plan. Den soll, so die Theorie, jeder Arzt schnell mit einen Barcode-Scanner einlesen können. „Weil aber weiterhin handschriftliche Vermerke von Pflegekräften oder Ärzten auf das Papier nachgetragen werden, funktioniert das nicht richtig“, sagt Vorwerk.

Auch der Datenaustausch zwischen den Hausärzten und Krankenhäusern sei eine Hürde, an der die effektive Vernetzung derzeit häufig scheitert. „Das grösste Problem im deutschen Gesundheitswesen ist derzeit die fehlende Kompatibilität und der Mangel an Standards“, sagt AOK-Niedersachsen-Chef Peter. Neben der elektronischen Patientenakte entwickelt die AOK derzeit auch Smartphone-Apps, die künftig einen digitalen Impf- und Mutterpass zur Verfügung stellen sollen. Die elektronische Dokumentation von Aufnahmen und Entlassungen soll perspektivisch den Wechsel zwischen Krankenhäusern erleichtern. Nicht übermittelte Röntgenbilder oder Arztbriefe könnten dann der Vergangenheit angehören. Doch auch hier gibt es Hindernisse. „Der digitale Impfpass bieten wir bereits an, aber der Gesetzgeber verlangt noch, dass er weiter auf Papier besteht“, sagt Peter.

Alle vier Podiumsteilnehmer beklagen eine massive Überregulierung. Bürokratische Hürden und die neue EU-Datenschutzverordnung sind aus ihrer Sicht ein großes Hemmnis für die Digitalisierung. Diese Einschätzung teilt auch ein Mediziner der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), der in der anschließenden Diskussion auf die Auswirkungen in seinem Arbeitsalltag aufmerksam machte.

Informationstechnologie als Feind

„Ich sehe die IT in unserem Haus als Feind. Ich hasse den Computer jeden Tag mehr,“ sagt der Arzt, der namentlich nicht in der Zeitung auftauchen möchte. Statt dem erhofften komfortablen Zugriff auf seine Patientendaten, warte er nun regelmäßig minutenlang vor dem Bildschirm, bis die gesuchten Informationen angezeigt werden. Die überlastete informationstechnologischs Infrastruktur treibt ihn in die Verzweiflung. „Es funktioniert überhaupt nicht. Ich hasse es“, sagt er. Seit Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung im vergangenen Jahr bekomme er außerdem kaum noch Akten und Infos von Kollegen oder anderen Praxen zugeschickt. „Seit dem läuft nichts mehr“, so der Arzt. Chefapotheker Vorwerk bestätigt seine Einschätzung. „Die Analyse ist für das Gesundheitssystem in Deutschland absolut zutreffend“, sagt er. Auch die Verantwortliche für die Infrastruktur im KRH, Barbara Schulte, kann den Frust nachvollziehen. Im Zuge der Umstellung gebe es noch viele Hürden zu überwinden. „Es muss uns gelingen, die Systeme schnell und handhabbar zu machen“, sagt sie.

"Cyberattacken sind ein wachsendes Risiko. Hacker haben nicht mehr nur Banken und Militärs als Ziele, sondern zunehmend auch Krankenhäuser." - Barbara Schulte, KRH-Geschäftsführerin Infrastruktur. Quelle: Mario Moers

Schulte wies auf ein weiteres Problem hin, das quasi parallel mit dem Digitalisierungsgrad wächst. „Ein Risiko, dem wir uns alle stellen müssen, sind Cyberattacken“, sagt sie. Nachdem Hacker es aufgrund erhöhter Sicherheitsvorkehrungen immer schwerer haben, in Banken und Systeme des Militärs einzudringen, seien Krankenhäuser zunehmend in das Visier der Angreifer geraten. 2016 legten Hacker in Nordrhein-Westfalen binnen Stunden ein Krankenhaus in Neuss vollständig lahm. Rechner mussten abgeschaltet werden, viele Operationen verschoben. In Stunden musste der gesamte Betrieb wieder auf Papier und Zettel umgestellt werden. In der Region Hannover hat es so etwas noch nicht gegeben. „Wir sind dabei einen Plan B zu erstellen, falls so ein Fall einmal eintreten sollte“, sagt Schulte.

Das nächste HAZ-Gesundheitsforum beschäftigt sich am Montag, 18. März, mit dem Thema „Gesunde Pflegepolitik. Pflegepersonaluntergrenzen: Nur gut gemeint?“. Beginn ist um 19.30 Uhr im Pressehaus, August-Madack-Straße 1. Der Eintritt ist frei.

Von Mario Moers

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