Volltextsuche über das Angebot:

32 ° / 14 ° Gewitter

Navigation:
Was lehren die anderen?

Schulabschlüsse auf verschiedenen Schulen Was lehren die anderen?

Der Schulabschluss ist das Ziel, doch der Weg dorthin kann auch auf alternativen Pfaden verlaufen. Ein Seitenblick zur Waldorfschule.

Voriger Artikel
Wie wichtig sind gute Noten?
Nächster Artikel
Wie antiautoritär kann Schule sein?

Den Namen und auch sonst manchmal aus der Reihe tanzen: So ein T-Shirt verrät eindeutig den Waldorfschüler.

Quelle: Kristoffer Finn

Hannover. Manchmal sieht man Menschen in T-Shirts mit merkwürdigen Aufdrucken. „Ich kann meinen Namen tanzen“ zum Beispiel. Mit einiger Sicherheit kann man vermuten, dass Waldorfschüler drinstecken. Was beim ersten Lesen als ziemlicher Unsinn erscheint, ist aber ein selbstironischer Hinweis auf eine Schulform, die sich von staatlichen Einrichtungen deutlich unterscheidet. Seinen Namen tanzen, das kann man ja tatsächlich, wenn man weiß, wie Eurythmie, eines der Unterrichtsfächer, funktioniert: Zu jedem Buchstaben gehört eine bestimmte Geste mit den Armen (so ein bisschen wie „YMCA“ von den Village People). So ist alles tanzbar, auch Rudolf Steiner, an dessen Philosophie sich die Waldorfpädagogik orientiert.

Auch an der Schule in Bothfeld läuft vieles anders. Wenn Klaus Walther, Mitglied der Schulleitung, Eltern knapp erklären müsste, was den Unterschied zu staatlichen Schulen ausmacht, sagt er es so: „Unser Lehrplan orientiert sich nicht an dem, was das Kultusministerium vorgibt, sondern zunächst gucken wir, was für die seelische und ganzheitliche Entwicklung eines Kindes notwendig ist.“ Ein Prinzip, das für jedes Alter gilt. Und damit keiner auf den Gedanken kommt, es gehe allein um Spiel und Spaß, schiebt er noch eine Ergänzung nach. Das Zentralabitur, das für alle Schulen maßgeblich ist, müssen auch Waldorfschüler bestehen, staatlich geforderten Stoff müssen sie draufhaben.

Nur der Weg der Vermittlung, der ist ein anderer. Es gibt die Fächer Mathematik, Physik, Geschichte und Deutsch, aber diese klassischen Disziplinen werden ergänzt durch Kunstbetrachtung, Formenzeichnen und Gartenbau. In der Bothfelder Schule am Rande der Grasdachsiedlung helfen Esel, Enten und Hühner auf einem Schulgelände, das ohnehin eher einem kleinen Dorf gleicht.

Von der ersten Klasse an lernen Schüler Englisch, ein Jahr später kommt Französisch hinzu. Der Unterricht in vielen Fächern findet in Epochen statt. Der Begriff, der sonst für eine historische Zeitspanne steht, bezeichnet in Waldorfschulen drei bis vier Wochen, in denen täglich in den ersten zwei Unterrichtsstunden ein Fach wie etwa Erdkunde, Deutsch oder Geschichte intensiv bearbeitet wird. Dann verschwindet es wieder. Zunächst. „Es darf vergessen werden, später kommt es wieder hervor“, sagt Walther. Eine Methode, die dem Rhythmus des „dreigliedrigen Menschen entspricht, seinem Denken, Fühlen und Wollen“. Womit sich Walther auf eine Idee des Anthroposophen Steiner bezieht.

Waldorfschüler bekommen bis zum Beginn der Oberstufe keine Noten. Ihnen droht auch nicht, wegen schlechter Noten eine Klasse wiederholen zu müssen, die Schmach, ein Sitzenbleiber zu sein. Diese Einstufungen lehnen Waldorflehrer ab, weil es darum gehe, alle Fähigkeiten, Stärken und Schwächen, zu fördern. Und die Schüler bleiben zusammen, von der ersten Klasse bis zum Abschluss.

Schulleiterin Inge Hornbostel erzählt von Eltern, die beobachten, wie ihre Kinder „aufatmen“, nachdem diese an staatlichen Schulen Leistungsdruck ausgesetzt gewesen seien und nach dem Wechsel zur Waldorfschule den Luxus freieren Lernens erlebten. In Bothfeld soll Schule kein „Feindesland“ sein. Ein Ziel, das indes engagierte Lehrer öffentlicher Schulen gleichfalls anstreben dürften. Sie bemängeln ihrerseits, dass Waldorfschulen im Grunde das 100 Jahre alte und weit in die Esoterik hineinreichende Welt- und Menschenbild aus den Schriften Rudolf Steiners zum Maßstab des Unterrichts machten.

Stimmt ja; doch die Nachfrage ist trotzdem groß. In Bothfeld gibt es mehr Interessenten als Plätze. Und da Waldorfschulen private Einrichtungen sind, können sie sich unter den Bewerbern die gewünschten Schüler auswählen. Ein Aufnahmegremium führt Gespräche mit Eltern und Kind, und scheint es gut integrierbar in den Unterrichtsbetrieb, wird ein Vertrag geschlossen. Waldorf ist nicht billig: In Bothfeld kostet ein Monat 245 Euro für das erste Kind, für ein Geschwisterkind 90 Euro. Die Aufnahmegebühr beträgt 500 Euro.

Derzeit besuchen 540 Schüler die Waldorfschule in Bothfeld, in der Waldorfschule am Maschsee sind es deutlich mehr. Aus einer noch unveröffentlichten Studie der Universität Göttingen weiß der Bothfelder Schulgeschäftsführer Bernhard Neuhausen, warum sich Eltern für Waldorfschulen entscheiden. „Sie wollen eine gesunde seelische Entwicklung für ihre Kinder erreichen. Schule soll keine Angst machen.“

In Bothfeld sind sie besonders stolz auf den Förderschulzweig. „Sonderschule hieß das früher“, sagt Neuhausen. Gemeint sind Klassen mit höchstens 15 Schülern, die für den üblichen Waldorf-Unterricht nicht in Frage kommen. Um in eine dieser Kleinklassen kommen zu können, ist ein sonderpädagogisches Gutachten nötig. Das Ziel dieser Schüler ist identisch mit dem vieler anderer: am Ende der zwölften Klasse einen Abschluss zu schaffen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus HAZ-Themenwoche Schule