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HAZ-Weihnachtshilfe

Die sechsjährige Ella hat Angst um ihre Mutter


Opfer von häuslicher Gewalt und Krankheiten leiden häufig auch unter finanziellen Problemen – wie Rana F. und ihre Töchter.
„Sie soll das normale Leben einer Sechsjährigen führen können“, wünscht sich Rana F. (rechts) für ihre Tochter.

„Sie soll das normale Leben einer Sechsjährigen führen können“, wünscht sich Rana F. (rechts) für ihre Tochter.

© Rainer Surrey

Hannover. Manchmal malt Ella*. Häuser zum Beispiel. Häuser mit starken Wänden und einem Dach. Nur Türen gibt es nicht. Oder sie spielt mit Puppen. Erst sprechen die Puppen miteinander, dann werden sie lauter, und die eine Puppe schlägt die andere, wieder und wieder.
Manchmal, wenn Ella nachts wach wird, stellt sie eine Frage. Was das denn eben für Schritte gewesen seien, will sie wissen. Auch wenn niemand in der Wohnung war, dessen Schritte sie hätte hören können.

Ella ist sechs. Auf den Gardinen in ihrem Zimmer tanzt eine große Prinzessin. Sie trägt ein rosa Kleid, geringelte Strümpfe und eine kleine Krone auf den gelben Locken. Auf dem Boden steht ein buntes kleines Zelt. Ein elektrisches Pferd wiehert auf Knopfdruck. „Das Zimmer“, sagt die Mutter, „soll ein Ausgleich sein.“ Ein Stück heile Welt, wenn Ellas Welt schon sonst so wenig heil war.

Rana F., ihre Mutter, sitzt im Nebenraum, im Wohnzimmer. Sie trägt eine braune Strickjacke, ihr schwarzes Haar schaut unter einer groben Wollmütze hervor. An der Wand hängen Fotos. Rana F. mit ihren beiden Töchtern, Ella und der jüngeren Mia. Man kann die Kinder auf den Fotos wachsen sehen. Nur der Vater ist nirgends auf den Fotos. Sie war jung, als sie ihn kennenlernte, erzählt Rana F., keine 18. Sie kannte ihn nur wenige Wochen, bevor sie geheiratet haben. „Aber ich war mir ganz sicher“, sagt sie. „Ich dachte damals wirklich, dass alles gut würde.“

Was in den folgenden Jahren geschah, darüber gibt es zwei Versionen. Die eine steht in einem Gutachten, das sich in einem grauen Ordner befindet, der vor Rana F. auf dem Tisch liegt. Es ist die Version ihres früheren Mannes, von Ellas Vater. Demnach führten er und Rana F. eine friedliche Ehe, er hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Töchtern, und nur am letzten Tag, unmittelbar vor der Trennung, sei es laut geworden. Das Gutachten vermerkt noch, dass sein Denken sehr von der konservativ-traditionellen Welt in seinem Heimatland, dem Libanon, geprägt sei.

Die andere Version stammt von Rana F. Sie steht auch in dem Gutachten, aber sie kann sie auch erzählen. Demnach begann der Konflikt, als sie entdeckte, dass er eine Geliebte hatte. Als Rana F. erneut schwanger wurde, sei der Konflikt eskaliert. Sie erzählt, wie sie sich manchmal auf der Toilette eingeschlossen habe, um sich zu schützen. Aber dann habe er gedroht, den Kindern etwas zu tun. Deshalb sei sie wieder herausgekommen. Die Episoden, die sie erzählt, handeln von Drohungen, von Tritten, von Schlägen gegen sie – und die Kinder. Es sind sehr konkrete, detaillierte Schilderungen. Und sie erzählt von einem Satz, den sie oft gehört habe. „Er sagte: ‚Du wirst Blut weinen und deine Kinder nie wiedersehen.‘ Immer wieder sagte er das.“

Das ist ihre Version der vergangenen Jahre. Was wirklich geschehen ist, dazu sagt das Gutachten, erstellt für das Familiengericht, nichts. Es stellt nur fest, was mit Ella ist. Dass sie Albträume hat, Verlustphantasien, Angstzustände.
Einmal, während des Gesprächs, kommt Ella ins Wohnzimmer herüber.

„Was ist das für ein Geräusch?“, fragt sie. „Ein Hubschrauber, der über die Stadt fliegt“, antwortet die Mutter. Ella nickt, geht zurück, dreht wieder um. „Was ist das denn?“, fragt sie mit unruhigem Blick. „Ein Hubschrauber. Du brauchst keine Angst zu haben.“
Der Vater, so hat es die Gutachterin dem Gericht empfohlen, darf die Kinder vorerst nicht sehen. Rana F. und ihre Töchter leben an einem geheimen Ort.

Für Rana F. war die Flucht vor ihrem Mann, ermöglicht vor zwei Jahren mithilfe ihrer Schwester und Eltern, eine Befreiung. Sie nahm ihr Kopftuch ab. Es gibt ein Foto von ihr, das hannoversche Zeitungen im vergangenen Jahr groß veröffentlichten: Rana F. während der Fußball-EM vor einer Großbildleinwand, mit schwarz-rot-goldenen Strichen auf den Wangen, um die Schultern gelegter Deutschland-Flagge und mitbangendem Blick. Rana F. war nach Hannover gekommen, als sie zwei Jahre alt war. „Ich hatte mich schon immer deutsch gefühlt. Aber jetzt wurde es noch ein bisschen stärker.“ Einen der Zeitungsberichte hat sie sich an die Wand gehängt. Es hätte jetzt, nach der Trennung, alles gut werden können.

Aber wenn sie nun auf dem Weg zurück zu einem normalen Leben war, dann folgte vor gut einem Jahr der Rückschlag: Die Ärzte entdeckten einen Tumor in ihrer Brust. Für Rana F. folgten eine schwere Operation, Wochen im Krankenhaus, eine Chemotherapie, Bestrahlung. Für Ella folgten Wochen, in denen die Angst zurückkehrte, ihre Mutter zu verlieren.

Die Krankheit hat Spuren hinterlassen. Rana F. trägt eine Perücke. Die schwarzen Haare, die unter ihrer Wollmütze hervorschauen, sind nicht ihre eigenen. Eine Folge der Chemotherapie.

Ella geht in die erste Klasse. Aber sie traut sich nicht, allein in die Schule zu gehen. Sie ist ein ängstliches Kind, unsicherer, zarter als andere in ihrem Alter. „Sie lebt in ihrer eigenen Welt“, sagt die Mutter. Ein wenig mehr Selbstvertrauen: Das wäre es, was sie gut gebrauchen könnte.

Rana F. hat deshalb, zusammen mit Ellas Therapeutin, einen Plan gefasst: Ella geht mit ihrer Schwester zum Kung-Fu-Training. Probestunden hat sie bereits absolviert, deutlich begeistert. Nur fehlt Rana F. das Geld, das Training zu bezahlen. Auch die Zusatzpräparate, die sie auf Rat der Ärzte zur Stärkung nach ihrer Krebserkrankung nimmt, belasten den schmalen Etat. Arbeiten kann sie noch nicht wieder.

So hofft sie nun auf Hilfe, um Ella diese spezielle Form des Aufbautrainings zu ermöglichen: „Ich möchte nur, dass sie das ganz normale Leben einer Sechsjährigen führen kann.“

* Namen geändert

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