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HAZ-Weihnachtshilfe

In kleinen Schritten zurück ins Leben

Von Thorsten Fuchs

Er verlor seinen Job, er lebte auf der Straße, er ist schwer krank. Jetzt ordnet Karl-Heinz Mangels sein Leben neu – ein Fall für die Weihnachtshilfe.
Foto: Er verlor seinen Job, er lebte auf der Straße, er ist schwer krank. Jetzt ordnet Karl-Heinz Mangels sein Leben neu – ein Fall für die Weihnachtshilfe.

Er verlor seinen Job, er lebte auf der Straße, er ist schwer krank.
Jetzt ordnet Karl-Heinz Mangels sein Leben neu – ein Fall für die Weihnachtshilfe.

© Rainer Surrey

Hannover. Eine halbe Stunde, mehr hätte er früher nicht gebraucht, dann hätte der Baum gestanden. Stamm in den Ständer, Zweige festgesteckt, Lametta herumgewickelt, ganz schnell wäre das gegangen. 

Karl-Heinz Mangels* sitzt auf seiner Couch und sieht auf den künstlichen Weihnachtsbaum vor seinem Fenster. Das Bäumchen steht auf einer Bank, damit es ein wenig größer wirkt, aber es reicht nicht mal bis zur Unterkante der Scheibe. Einen Tag, sagt Mangels, habe er gebraucht, um es aufzubauen. Einen ganzen Tag. „Ist aber ja eigentlich auch kein Wunder, mit dem gelähmten Arm.“ Er hatte überlegt, den Baum nicht aufzubauen. Aber ein bisschen Schmuck soll es schon sein in dem Raum, den Mangels „mein Gefängnis“ nennt.

„Gefängnis“, das ist, einerseits, nicht richtig. Sein „Gefängnis“, das ist seine Wohnung in Vinnhorst, dem Stadtteil, in dem er von Kindheit an lebt: Schmaler Flur, kleines Bad, die Kochecke mit Glasbausteinen abgetrennt vom einzigen Raum. Ob und wann er abschließt, bestimmt Mangels selbst. Aber ganz falsch ist das Wort vom „Gefängnis“ eben auch nicht. Die Wohnung liegt im dritten Stock. Kein Fahrstuhl. Mangels kann nur mit Mühe gehen. Auf einen Rollator gestützt bewegt er sich in kleinen Abschnitten ruckartig vorwärts. Das Haus verlassen kann der 59-Jährige ohne fremde Hilfe nicht. „Die Treppen sind für mich unüberwindbar.“ Insofern ist das Wort „Gefängnis“ doch auch wieder treffend.

Karl-Heinz Mangels ist ein Beispiel dafür, dass Krankheit einsam machen kann. Und zugleich handelt sein Fall davon, wie übergroße Verletzlichkeit jemanden aus einer geregelten Welt mit fester Arbeit und Wohnung hinaustragen kann. Mangels, den die Krankheit ein wenig ausgezehrt hat, erzählt gern davon, wie er früher Menschen entschlossen seine Meinung gesagt hat, wenn er mit etwas nicht einverstanden war. „Pommerscher Dickschädel“, so nennt er sich, weil sein Vater von dort stammte. Aber vielleicht ist das nur ein Wunschbild. Jedenfalls war er selbst nie dickhäutig genug, um Schicksalsschläge und die Zumutungen der Arbeitswelt einfach an sich abprallen zu lassen.

Es gab eine Zeit, in der sah für Karl-Heinz Mangels alles nach einem sicheren Leben aus. Das war gleich nach der Bundeswehr. Mangels fand einen Job bei der Post. Zuerst als Fahrer, und dann, als es gut lief, als Austräger. Die List und die Oststadt waren seine Bereiche. Stadtteile, in deren Gründerzeitbauten es meist keine Briefkästen unten, sondern nur Briefschlitze in den Wohnungstüren gibt. „Hochlaufhäuser“ heißen sie im Postjargon. „Da habe ich Treppensteigen gelernt“, sagt Mangels. Es war eine gute Arbeit für ihn. „Fürs Büro bin ich sowieso nicht gemacht.“ Mangels ging auf die Postschule in Kleefeld, und weil die Post zu jener Zeit noch die Bundespost war, wurde er Beamter. Einfacher Dienst, aber mehr wollte er auch gar nicht. Karl-Heinz Mangels war nie ein großes Leben gewohnt.

Seine Eltern waren Arbeiter in einer Fabrik in Vinnhorst. Dort hatten sie sich auch kennengelernt. Karl-Heinz war das einzige Kind. Ein harmonisches Familienleben jedoch gab es nur in seltenen Momenten. Der Alltag waren Streit und Schläge, und weil seine Mutter das Opfer war, stand er, der Sohn, umso entschiedener auf ihrer Seite. Er und seine Mutter, das blieb eine enge Verbindung. Karl-Heinz Mangels hatte Freundinnen, aber gewohnt hat er mit seiner Mutter. Als sie starb, verlor er viel von seinem Halt.

Dies geschah unglücklicherweise zu der Zeit, im Jahr 2000, als er bei der Arbeit mehr Robustheit gut hätte brauchen können. Die Post war keine Behörde mehr, sondern ein Unternehmen, das ihn spüren ließ, dass man künftig gern mit weniger Mitarbeitern auskäme. Mangels fühlte sich hinausgedrängt, er hatte dem nichts entgegenzusetzen. Und ob es das eine oder andere Bier oder doch schon die ersten Anzeichen seiner viel später entdeckten Krankheit waren, die ihn manchmal eigenartig erscheinen ließen, das ist heute schwer zu klären. Nach der Mutter verlor er die Arbeit, und, weil er sie sich nicht mehr leisten konnte, auch die Wohnung. „Da ist mir“, sagt er, „das Leben irgendwie aus dem Griff geglitten.“

Erst kam er bei seinem besten Freund unter. Als auch der plötzlich starb, landete er auf der Straße. Aber wie die anderen Obdachlosen in der Innenstadt zu übernachten, das wollte er nicht. Er blieb in Vinnhorst. Meist schlief er neben dem Friedhof, aus Angst vor Gewalt. „Der Friedhof ist der sicherste Ort der Welt“, sagt er. Mangels suchte die Einsamkeit, er misstraute jedem.

Dass er nach wirren Jahren zunächst im Fremdenzimmer eines Gasthauses und schließlich in seiner Einzimmerwohnung landete, verdankt er Bekannten und der Einsicht, dass das Leben draußen nichts mit Einsamer-Cowboy-Romantik zu tun hat. Nur war er nun schon längst aus dem normalen Leben herausgefallen. Als die Post keine Adresse mehr von ihm hatte, stellte sie die Rentenzahlungen ein, die Bank löste sein überzogenes Konto auf. „Für die war ich tot.“

Es war der Weg, ins Leben zurückzukehren. Der Moment, in dem er im Supermarkt plötzlich umfiel, ansatzlos, ohne sich abzustützen, spielt dabei eine zwiespältige Rolle. Im Krankenhaus, in das man ihn brachte, diagnostizierten die Ärzte MS. Multiple Sklerose. „Wahrscheinlich wird’s bei dem nicht bleiben“, sagt Mangels und deutet auf den Rollator.

Andererseits vermittelte ihm das Krankenhaus Hilfe. „Er ist auf einem sehr guten Weg“, sagt der Sozialarbeiter, der sich um ihn kümmert. Nur braucht er zusätzliche, auch finanzielle Hilfe – vor allem, um in eine behindertengerechte Wohnung ziehen zu können, nach der er nun sucht. Karl-Heinz Mangels würde sein Gefängnis gern verlassen.

Er schaut viel fern, meist ARD. „Man kann auch ohne RTL II gut leben“, sagt er. Über der Couch hängt der kitschbunte Jahreskalender des Asia-Imbisses um die Ecke. Es ist der einzige Schmuck in der Wohnung, außer den Alpenveilchen, die die Schwestern vom Pflegedienst mitgebracht haben, und dem künstlichen Christbaum. Es werden schwere Tage. Mangels mag das Alleinsein nicht. Sorgen, sagt er, müsse sich dennoch niemand machen. „Dafür hänge ich viel zu sehr am Leben.“

* Name geändert

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