Hannover. Wer sich im Vortragssaal des Sprengel Museums so gesetzt hat, dass er direkten Tasteneinblick hat, kann sich freuen. Trotzdem muss man auch bei so komfortablen Sichtverhältnissen bisweilen sehr genau hinschauen, um die dahinfliegenden Finger überhaupt noch wahrnehmen zu können. Ja, das ist mal wieder einer dieser Abende, an denen man das ganz naive Staunen über musikalische Virtuosität wieder lernen kann, an denen einem der Atem stockt, weil Finger solche Kunststücke vollbringen können und das klangliche Ergebnis zugleich so aufwühlt.
Die Finger gehören zu Yeol Eum Son, von der das Programmheft gewohnt vollmundig behauptet, sie sei „eine der talentiertesten Pianistinnen ihrer Generation“. Das ist offenkundig aber sehr viel mehr als eine Phrase, wie die 1986 geborene Südkoreanerin spätestens mit der Liszt-Bearbeitung von Gounods Faust-Walzer beweist. Hier wechselt sie in tollkühnen Kontrasten zwischen stampfender Tanzparodie und gewitzter Ironie, zwischen feinster Lyrik und gewittrigem Eifer hin und her, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt.
Es ist ein ganzer Liszt-Abend, den die Chopin-Gesellschaft der Weihnachtshilfe der HAZ geschenkt hat – ein großes Album rauschhafter Extreme. Schließlich ist Liszt nun ein 200-Jähriger, was Moderator Erwin Schütterle, Initiator der Kanapee-Konzerte, zu der Bemerkung veranlasst: „Ganz schönes Alter, aber nicht mal doppelt so alt wie Jopie Heesters.“ Es wird gelacht, und das ist gut so, denn ansonsten herrscht über zwei Stunden lang anhaltende Hochspannung. Yeol Eum Son, die zurzeit an der Musikhochschule Hannover studiert, viele Wettbewerbe gewonnen und 2009 bei der renommierten Van Cliburn Competition in Texas einen zweiten Preis errungen hat, wirft sich mit Feuereifer in zahlreiche von Liszts Transkriptionen: weich, warm und hypnotisch in Bachs Präludium und Fuge a-Moll, mit garstiger Schärfe in den „Danse Macabre“ von Camille Saint-Saëns.
Und schließlich zeigt sie den ganz großen Atem und ausgereifte interpretatorische Abstufungskunst mit Liszts komplizierter Sonate h-Moll. Hier wandelt sich die flinke Farbenzauberei, das Auskosten agilster Effekte in eine brodelnde, bisweilen verstörend drängende Seelenerkundung. Es ist ein großer Abend, der das Staunen nahelegt. Und dann, natürlich, auch das Jubeln.
Stefan Arndt
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