Hannover. Melf, das jüngste ihrer drei Kinder, ist von Geburt an schwerstbehindert. Der Neunjährige ist gelähmt, kann nicht sprechen, geistig ist er auf dem Stand eines Kleinkinds. Manchmal setzt seine Atmung aus. Aber als Margarethe R. die Hilferufe von Alexander hörte, ihrem ältesten Sohn, da konnte es nicht um Melf gehen. Sie war ja gerade dabei, ihn in die Wanne zu heben. Ihm, so viel stand fest, ging es gut.
An jenem Abend im Juli waren die R.s gerade von der Nordsee zurückgekommen. Sie hatten ihren Urlaub verkürzt. Matthias, der Vater, hatte sich unwohl gefühlt. Ihm war schwindlig, er hatte Kopfweh. Nichts Ernstes, dachte Margarethe R. Bis sie jetzt ins Wohnzimmer kam und ihren Mann sah. Er war auf der Couch zur Seite gekippt, aus seinem Mund drang unverständliches Lallen. Im Rettungswagen, der nach wenigen Minuten eintraf, konnte sie nicht mitfahren. Sie konnte ja Melf nicht allein zu Hause lassen. Nach zwei Stunden jedoch rief ein Arzt an. Sie müsse sofort ins Hospital kommen. „Ihr Mann wird die Nacht wohl nicht überleben“, sagte er. Da musste es dann doch irgendwie gehen.
Als klar war, dass Melf mit vielen Behinderungen zur Welt kommen würde, haben sich die R.s gegen das klassische Rollenmodell entschieden. Margarethe arbeitete weiter als Krankenschwester. Matthias, ihr Mann, gab seine Tätigkeit als Versicherungskaufmann auf. Die R.s hatten sich zwei Dinge vorgenommen. Melf sollte überall dabei sein. So oft es geht. „Wir wollten ihn nicht verstecken, sondern ihn an unserem ganz normalen Leben teilhaben lassen“, sagt die Mutter. Und zweitens: Ihre anderen beiden Kinder, Alexander und Marie, sollten nicht darunter leiden, dass sie einen behinderten Bruder haben. „Sie sollten genauso viel Aufmerksamkeit bekommen.“ Wenn beide arbeiteten, das war ihnen klar, würden sie dies nicht schaffen. So war Matthias R. daheimgeblieben.
Entgegen der Prognose der Ärzte überlebte er die Nacht nach seinem Zusammenbruch. Manchmal, wenn sie ihn auf der Intensivstation besuchte, gab es Zeichen, dass er sie wahrnahm. Schwach, kaum fühlbar, drückte er ihre Hand. Oder der Monitor zeigte, wie sein Blutdruck ein wenig anstieg. Zu Bewusstsein kam er jedoch nicht mehr. Nach einer Woche, am letzten Julitag, starb Matthias R. an einer Hirnblutung, mit 46 Jahren.
Wenn Margarethe R. heute von jenen Tagen erzählt, dann spricht sie nicht über den Schreck, das Entsetzen, die Trauer. Für Gefühle, so wirkt es, blieb nicht viel Zeit. Es scheint, als sei damals ein Programm angesprungen, das die Welt sortiert in die Dinge, die nun sofort zu regeln und zu entscheiden sind, und alles andere, das warten kann. Und so erzählt die 42-Jährige, wie sie Melf nach wenigen Wochen im Heim nach Hause zurückholte, wie sie den Schichtdienst gegen feste Arbeitszeiten tauschte, ihre Stelle reduzierte und die beiden älteren Kinder bald wieder zur Schule schickte. „Ich wollte, dass wir rasch wieder zur Normalität zurückkehren.“ Es ist ihre Art, mit dem Schrecken umzugehen.
Margarethe R. hatte Angst, dass die beiden älteren Kinder in der Schule schlechter würden. Aber so kam es nicht. Wenn sie mal später von der Arbeit kommt als Melf aus seiner Schule, dann bezahlt sie Betreuer, die die Zeit überbrücken. Und wenn sie zum Beispiel in der Küche ist und Melf an seinem Lieblingsplatz im Wohnzimmer, dann ruft sie ab und zu „Melf, bist du noch da?“ hinüber. Als Antwort kiekst er – das Zeichen, dass er atmet. Sie hat gelernt, dass sich vieles organisieren lässt. Aber es gibt auch Dinge, die sich nicht mit Willen und Geschick regeln lassen. Eigentlich, sagt Margarethe R., müsste sie umziehen. Jedenfalls, wenn es nur nach dem Finanziellen ginge. Mit der reduzierten Stelle verdient sie weniger, die Rente ihres Mannes ist minimal und die Miete im Grunde zu hoch.
Nur weiß sie eben auch von ihrer früheren Suche, dass es in dem Ort im Umland Hannovers, in dem sie lebt, kaum andere behindertengerechte Wohnungen gibt. Und was ihr genauso wichtig ist: „Ich will den Kindern jetzt wenigstens die vertraute Umgebung erhalten.“
Genau dieser Wunsch nach Kontinuität ist auch der Grund für ihren Wunsch. Früher, erzählt die Mutter, hätten sie mit den beiden Kindern immer Radtouren unternommen.
Das ging dann so: Einer, Mutter oder Vater, blieb mit Melf zu Hause, der andere fuhr mit den beiden älteren Kindern los. Diese Zweiteilung war Margarethe R. schon früher nicht ganz recht. Deshalb hatten sie auf ein teures Spezialfahrrad gespart, mit dem sie Melf in seinem Rollstuhl mitnehmen können. Das zurückgelegte Geld haben sie jedoch für die Beerdigung des Vaters verwenden müssen. Jetzt hoffen sie, über Spenden an ein solches Rad zu kommen. Die R.s nehmen Melf sogar mit ins Theater. Wenn sie nun wieder, wie früher mit dem Vater, gemeinsam Radfahren könnten, wäre dies für sie ein weiterer Schritt in Richtung Normalität. „Es wäre“, da ist sich Margarethe R. sicher, „ganz in seinem Sinn“.
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