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Kandidatin für „Held des Nordens 2012"

„Ami“ verabschiedet sich von ihrem Lebenswerk


Die Art wie Annemarie „Ami“ Dose im Herbst dieses Jahres aus dem Rampenlicht verschwinden wollte, passt so gut zu ihr. Die Verantwortung der Geschäftsführung hatte sie bereits an ihren Nachfolger abgegeben. Eine Feier kam ihr gar nicht in den Sinn. Leise und unauffällig wollte sie sich verabschieden – verabschieden von ihrem Lebenswerk: Der Hamburger Tafel.
Foto: Annemarie Dose hat ihr Leben in den Dienst der Hamburger Tafel gestellt.

Annemarie Dose hat ihr Leben in den Dienst der Hamburger Tafel gestellt.

© dpa

Hamburg. 1994 – Dose war damals bereits 66 Jahre alt – gründete sie den Verein, der inzwischen mehr als 20.000 Bedürftige mit Lebensmittel- und Sachspenden versorgt. „Ich wollte mich selbst retten“, ist einer ihrer Sätze, der häufig zitiert wird und der schon beim ersten Mal Hören so tief ins Herz geht, dass er nie vergessen wird. Doses Mann war gerade gestorben und der Schmerz groß. Zu groß. Die früher leidenschaftliche Mutter und Hausfrau suchte nach einem neuen Lebensmittelpunkt. Bridgen, Golfen, Kaffeekränzchen – das alles war nichts für sie. „Ich brauche die Resonanz“, sagt Dose. „Das Gefühl von anderen gebraucht zu werden.“

Im Fernsehen sah sie einen Bericht über die Tafel in Berlin. „Das brauchen wir in Hamburg auch“, dachte sie. Dose fing klein an. Nach Ladenschluss fragte sie in Bäckereien nach unverkauftem Brot und verteilte es in den sozialen Einrichtungen der Stadt. Medien wurden auf sie aufmerksam und berichteten. Neue Spender und ehrenamtliche Mitarbeiter tauchten auf. „Auf einmal ging die Post ab“, sagt Dose. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Mit zehn Kühlwagen werden mittlerweile mehr als 100 Einrichtungen in der Stadt durch die Tafel versorgt. „Das traurige ist, dass es ja nicht besser wird“, sagt die 84-Jährige. „Sondern immer schlimmer.“ Als Kind der Kriegs- und Nachkriegszeit wisse sie nur zu gut, was Not und Hunger bedeuten. Nudeln, Socken, ein altes Handy oder schon mal ein ganzes geerbtes Haus – für alles findet Dose eine nützlich Verwendung. Verschwendung geziemt sich nicht. Dose war es wichtig, rechtzeitig an einen Nachfolger abzugeben, bevor die Arbeit für den guten Zweck unter ihrem Alter leidet. Leicht ist ihr das nicht gefallen. „Loslassen tut immer weh“, sagt sie. Aber mit der Zeit werde sie sich daran gewöhnen. Die 84-Jährige geht offensiv mit ihrem Alter um. Sie könne doch schließlich an fünf Fingern abzählen, wie viele Weihnachten sie noch erleben werde. 

Der unauffällige Abgang ist Dose übrigens nicht gelungen. Ihre Mitstreiter hatten zu einer Abschiedsfeier im November geladen – eine Überraschungsfeier. 400 Gäste kamen, um ihrer „Ami“ gebührend Tschüss zu sagen. Wobei für die meisten ohnehin klar war: So richtig die Hände in den Schoß legen wird Annemarie Dose wohl nicht. Das würde sie nicht ertragen.

Von Jenny Bauer

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