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SPD stärkste Kraft in Hannover, Grüne auf Rekordhoch, FDP erlebt Fiasko

Rat der Stadt Hannover SPD stärkste Kraft in Hannover, Grüne auf Rekordhoch, FDP erlebt Fiasko

Das Endergebnis für den Rat der Stadt in Hannover spricht eine deutliche Sprache: Die SPD ist deutlich vorn, die Grünen erzielen ein Rekordhoch, die FDP erlebt hingegen ein Fiasko an diesem Wahlsonntag. Eine Analyse von Felix Harbart, Thorsten Fuchs und Conrad von Meding.

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Quelle: HAZ

Hannover. Hans Mönninghoff sitzt in der ersten Reihe, direkt vor der Leinwand, und auf seinem Gesicht liegt ein versonnenes Lächeln. Vor ihm steigt die grüne Säule immer höher, sie wächst, bis sie fast so hoch ist wie die schwarze. Die Menschen um ihn herum beklatschen diese Säule, sie johlen und jubeln, und Mönninghoff, der Umweltdezernent, bleibt still, als einer der wenigen. Seit 1986 ist er bei den Grünen. „Das hier“, sagt er, ohne den Blick von der Leinwand zu wenden, „ist der Höhepunkt meines politischen Lebens“.

Nie waren die Grünen in Hannover stärker als diesmal, und hier, in der Warenannahme des Kulturzentrums Faust, feiern sie diesen Triumph. „Hammer“, ruft der Regionsabgeordnete Hinrich Burmeister, als er in den vollen Saal kommt, „Mann, acht Prozent mehr, das ist der Hammer.“ Als Ingrid Wagemann eintrifft, die Ratsfrau, wird sie abgeklatscht wie ein Bastketballspieler nach einem Dunking. Und Jörg Schimke, Bezirksratsherr in Linden, wo die Grünen sogar die SPD hinter sich gelassen haben, findet, dass die Zeit für die historischen Vergleiche gekommen ist. „Ich will jetzt ja nicht großkotzig klingen“, sagt der 53-Jährige mit dem Grünen-T-Shirt unter dem schwarzen Sakko. „Aber früher wurden wir belächelt – und jetzt sind wir der Maßstab.“

Insgesamt waren am Sonntag regionsweit fast 900.000 Menschen zur Wahl aufgerufen. Für Hannover und die 20 Städte der Region geht es bei dieser Wahl um viel.

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Dieser Abend stärkt das grüne Selbstbewusstsein erheblich – und es spricht viel dafür, dass sich dies auch bei Personalfragen auswirken wird. So finden manche Grüne jedenfalls, dass sich die neue Stärke auch in einem zweiten Dezernat ausdrücken könnte. Die Grünen würden sich nicht an der Demontage der umstrittenen Kulturdezernentin Drevermann beteiligen, heißt es. „Das ist Sache der SPD“, sagt dazu jemand aus der Grünen-Spitze. Sollte der Posten aber frei werden, sei es durchaus möglich, dass die Grünen Ansprüche anmeldeten: „Darüber wird geredet.“ Sollte Drevermann wiederum ausharren, wäre auch das Sozialdezernat ein Thema. Das hat momentan der auch von den Grünen geschätzte Thomas Walter inne. Seine Amtszeit läuft bis 2015 – dann aber dürften die Grünen, heißt es, nach einem solchen Ergebnis umso lauter die Frage stellen, warum dieses Dezernat bislang noch die CDU innehat.

Möglich also, dass Umweltdezernent Mönninghoff irgendwann als Ergebnis dieses Abends noch einen grünen Kollegen bekommen wird. Er kommentiert dies nicht, sondern nippt an seinem alkoholfreien Weizenbier. Er muss am nächsten Tag nach Brüssel, „da will ich mit klarem Kopf hin“ – und für Glücksgefühle braucht er an diesem Abend keine Rauschmittel.

Hannover hat gewählt. Das sind die Mitglieder des neuen Rats der Stadt Hannover in der Übersicht.

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Was sagt man jetzt, wenn man oben auf der Bühne steht, die Wahl gewonnen aber Einfluss verloren hat, weil der kleine Partner sich in Zukunft breiter machen wird in Hannovers Parlamenten? SPD-Stadtchef Alptekin Kirci entscheidet sich auf der Wahlparty der Genossen im Brauhaus Ernst August für die kämpferische Variante. Er spricht von der SPD als „einziger Volkspartei“, erinnert daran, „wo die SPD vor einem halben Jahr stand“, und endet sogar mit einer klaren Ansage an den grünen Koalitionspartner: „Die letzte Koalitionsvereinbarung hatte eindeutig eine sozialdemokratische Handschrift, und die nächste wird auch eine solche Handschrift haben.“

Das als Pfeifen im Walde zu bezeichnen wäre einen Tick zu stark, und doch hat man den Eindruck, da versuche ein Parteichef, eine Schneise der Entschlossenheit zu schlagen in die wattige Unentschiedenheit, die über den Genossen im Brauhaus liegt. Etwas mehr als 37 Prozent in der Stadt sind vier weniger als vor fünf Jahren, und 21 Prozent der Grünen sind eben neun mehr. Da bricht niemand in Jubel aus, und wer nicht gerade auf der Bühne steht, räumt auch ein, dass es keinen Grund zum Jubeln gebe. Man müsse nun damit rechnen, dass die Grünen einen größeren Stück vom Kuchen fordern werden. Und weil es nichts zu jubeln, aber eben auch nichts zu betrauern gibt, dominiert schon vor dem späten Abend ein Genosse die Gespräche, der erst gegen 22.30 Uhr im Brauhaus erscheint. In dieser Woche entscheidet sich die Landes-SPD, wen sie 2013 ins Rennen ums Amt des Ministerpräsidenten schicken will. Und wenn es stimmt, was man aus der Führungsetage der Partei hört, dann kann Oberbürgermeister Stephan Weil seinen Hut in den Ring werfen, wenn er will. Also diskutieren die Genossen, was er wohl wollen könnte – jetzt, wo ihm das solide-mittelprächtige Kommunalwahlergebnis den Raum dazu lässt.

Nach wie vor bewegt sich diese Debatte auf der Ebene der Kaffeesatzleserei. Das Gerücht, Weil habe sich bereits im Vorfeld der Kommunalwahl gegen eine Kandidatur im Land entschieden, wird einigermaßen erstaunt zur Kenntnis genommen. Na ja, sagt ein führender Genosse, was würde man wohl selbst machen als 52-jähriger, erfolgreicher Oberbürgermeister, der von aller Welt gedrängt wird? Und ja, natürlich würde ein Kandidat Weil auch über Hannover hinaus Sympathien ziehen, sagt ein anderer. Und was sagt Weil selbst, als er schließlich kommt? Er spricht von einem „stolzen Tag“, der „unangefochtenen Nummer 1“ SPD und „dramatischen Verlusten der Opposition“. Und sonst nichts.

Überraschung durch die Piraten

Die erst fünf Jahre alte Partei Die Piraten konnte bei der gestrigen Wahl einen Überraschungsstart hinlegen: In den hannoverschen Rat und die Regionsversammlung wird die Partei mit je zwei Mandaten einziehen.

„Wir freuen uns riesig“, sagte Parteichef Dirk Hillbrecht: „Wir werden unsere Forderungen nach mehr Transparenz und der Nachvollziehbarkeit politischer Entscheidungen so gut wie es geht in die kommunalen Parlamente einbringen und versuchen, klare Akzente zu setzen.“ In den hannoverschen Rat ziehen voraussichtlich Jürgen Junghänel, Arzt im Ruhestand, den viele Hannoveraner vom Landtagsprotest kennen, und sein Mitstreiter Thomas Heinen ein. Die Piraten verbuchten ihre stärksten Erfolge den ersten Analysen zufolge insbesondere in den Stadtbereichen Linden-Limmer und Nordstadt, wo sie ein junges, kreatives Publikum ansprachen.

Die Linke, die auch in Hannover auf ein Erstarken gehofft hatte, kann ihr Wahlergebnis von der Kommunalwahl 2006 nicht mehr ganz erreichen. So blieb das Ergebnis um einige Nachkommapunkte unter dem der vergangenen Wahl. „Immerhin haben wir die FDP deutlich hinter uns gelassen“, sagte Parteichefin Maren Kaminski, die mit Parteifreunden im „Gig“ am Lindener Markt feierte.

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