Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Viel Technik, wenig Kraft

Langenhagen Viel Technik, wenig Kraft

„Selbstverteidigung für Kinder und Jugendliche im Rollstuhl“ lautete der Name des Workshops - und 15 Personen im Alter von vier bis 20 Jahren nahmen daran teil.

Voriger Artikel
Präzise Züge und Schläge
Nächster Artikel
Sand und dramatische Felsen

„Ihr müsst euch mit Technik verteidigen“: Workshop-Leiter Nils Thate bringt seinen Schützlingen bei, wie man Angriffe am besten abwehrt.

Quelle: Maike Lobback [Team zur Nieden]

Langenhagen. Die Rollstuhlsportgemeinschaft Langenhagen (RSG) hat mit diesem Angebot dafür gesorgt, dass junge Rollstuhlfahrer mehr Selbstvertrauen bekommen.

Am Anfang stand eine Videobotschaft. Nils Thate, der den Workshop führt und Leiter der Organisation Für Effektive Selbstverteidigung (OFES) ist, begab sich mit den Teilnehmern zunächst in eine benachbarte Sporthalle des Langenhagener Schulzentrums; die Eltern mussten draußen bleiben. Die Kinder und Jugendlichen sollten in etwa 15 Sekunden sagen, warum sie hier sind und was sie sich von dem Kurs versprechen. „Viele sind da noch recht unsicher. Zum Abschluss mache ich mit allen erneut ein Kurzinterview - und dann sieht man erst, wie das Selbstvertrauen nach dem vierstündigen Workshop gewachsen ist“, sagte Thate.

Und dann folgte, zurück in der anderen Sporthalle und wieder unter Beobachtung der Eltern, zugleich die erste Übung. Thate simuliert einen Angriff mit seiner Hand in den Kopf- und Halsbereich der Rollstuhlfahrer. „Wenn ihr euch mit Kraft verteidigen wollt, habt ihr keine Chance. Ihr müsst es mit Technik bewerkstelligen“, erklärte der Coach und sprach von „Umleitung der Kraft“. So soll es aussehen: Beim Angriff eines Gegenübers wird dessen Hand mit der eigenen Hand quasi zur Seite gewischt und am eigenen Kopf vorbei geführt. Das klappte schon ganz gut, aber es war noch nicht alles. Mit der anderen Hand musste der sich Verteidigende das Rad festhalten. „Denn wir müssen verhindern, dass wir mit dem Rollstuhl bei einem Angriff nach hinten rollen. Ebenso darf es nie passieren, dass der Angreifer hinter euch ist. Sonst habt ihr verloren“, sagte Thate.

Aber er wollte die Teilnehmer nicht verängstigen, im Gegenteil. „Was ihr hier lernt, ist keine Zauberei. Habt auch den Mut, selbst anzugreifen - wenn euch beispielsweise niemand mehr helfen kann oder ihr nicht fliehen könnt.“ Wie das gehen soll, war Teil einer weiteren Übung. Thate band sich kleine Schlagpolster, sogenannte Pratzen, an den Unterarm. Die Kinder und Jugendlichen durften, nachdem sie seine Angriffssimulation abgewehrt und umgeleitet hatten, in die Pratzen boxen. Dabei durfte es dann auch mal lustig zugehen. Der kleine Ole schlug mit voller Wucht in die Pratze, zeigte sogar eine klassische Rechts-Links-Kombination. Thate guckte ihn verdutzt an. „Sage mal, was hast du denn gefrühstückt?“

Der OFES-Leiter wusste mit den Kindern und Jugendlichen umzugehen. „Ich habe vor 25 Jahren in Sulingen Erfahrungen gesammelt in einer Behindertenwerkstatt und gemerkt, dass mir das Spaß macht.“ Seit einigen Jahren bietet er zahlreiche Selbstverteidigungskurse für Rollstuhlfahrer an, in Langenhagen ist er mit diesem Kurs einmal pro Jahr zu Gast. Beim aktuellen Workshop hatten die Teilnehmer - die Hälfte kam direkt von der RSG, die andere Hälfte unter anderem aus Berlin und Nordrhein-Westfalen - fast ausnahmslos körperliche Behinderungen.

Blieb nur noch die Frage zu klären: Wie hat es den Teilnehmern gefallen? „Ich spiele bei der RSG Basketball, schwimme auch. Dieser Selbstverteidigungskurs hilft mir weiter, man weiß ja nie, in welche Situationen man so kommt“, sagte der 14-jährige Justin. Die gleichaltrige Johanna ist sogar eine „Wiederholungstäterin“. „Ich war vor zwei Jahren schon mal hier. Es macht Spaß, ich habe wieder etwas Neues gelernt und besitze nun mehr Selbstvertrauen.“ Genau das will die RSG Langenhagen erreichen. Und die erneuten Videointerviews aller Teilnehmer zum Abschluss sprechen genau diese Sprache.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Debatte wurde beendet
Die Debatte zu diesem Artikel ist beendet. Auf HAZ.de können Sie die Themen des Tages diskutieren – hier finden Sie die aktuellen und vergangenen Themen im Überblick.
Mehr aus Langenhagen