Krimiautor Michael Bresser und seine Ehefrau Stephanie Ristig-Bresser: Er schreibt Krimis, sie schreibt für Zeitschriften.
Die erste E-Mail von Stephanie Ristig an Michael Bresser zählte nicht zu den Beiträgen einer hohen Flirt-Schule. „Ich hab' gehört, du schreibst, und Bekannte meinen, ich soll mich mal bei dir melden — bilde dir bloß nichts darauf ein!“, schrieb sie dem Unbekannten. Der Unbekannte antwortete vor drei Jahren trotzdem, schließlich verbindet ja beide eine Vorliebe für das geschriebene Wort, auch wenn dieses mitunter etwas derber ausfällt. Man verabredete sich, ging schwimmen, spazieren - und heiratete im vergangenen Jahr. Bresser zog nach Hannover, Ristig hieß von nun an Ristig-Bresser, und an der Podbielskistraße besteht seitdem eine Art Schreibzentrale, ihr Wohnzimmer.
Dort geht das Paar zwischen hohen Bücherregalen zumeist seinen Leidenschaften nach: dem Finden und Erfinden von Geschichten. Mit Erfolg, denn der 38-Jährige Bresser hat gerade seinen dritten Krimi im Ullstein-Verlag veröffentlicht, seine gleichaltrige Frau hat den diesjährigen „MediaAward“ für ihre Schreib- und Kommunkationsagentur „ars scribendi“ gewonnen.
Dabei ließ der Erfolg lange auf sich warten. Michael Bresser wuchs in Bottrop auf und spielte mit Anfang zwanzig in einer Rockband. „Als unser damaliger Schlagzeuger Martin Springenberg und ich einmal mehr von den Musikerkollegen versetzt wurden, überlegten wir, wie wir uns sonst noch künstlerisch verwirklichen können“, erzählt Bresser und fährt sich grinsend über die kurzen Haare. Weil beide kein Talent zur bildenden Kunst hatten, begannen sie mit dem Schreiben von komischen Krimis, in denen ein Detektiv aus der Stadt mitten im Münsterland Morde aufklären muss. „Wir haben für unsere Manuskripte nur Absagen erhalten“, erzählt Bresser. Nur ein Verlag meldete sich und verlangte 3000 Mark für die Veröffentlichung. Das Paar lieh sich das Geld von Bressers Oma, und die Staatsanwaltschaft teilte ihnen ein paar Monate später mit, dass der Verlag lange pleite und das Geld verloren war.
Doch Springer und Bresser gaben nicht auf. Und plötzlich begeisterte sich der Ullstein-Verlag für die Krimis. Drei Romane haben sie veröffentlicht, den vierten hat der gelernte Industriekaufmann Bresser gerade fertig, Nummer fünf schon im Kopf. „Wir haben uns nie Gedanken gemacht, ob wir damit mal Geld verdienen können. Wir haben es einfach gemacht“, sagt Bresser und lächelt schulterzuckend seine Frau an.
Die hatte einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Zunächst arbeitete sie in der PR-Abteilung von VW. „Ich war dafür zuständig, die Projekte von Ingenieuren zu erklären — eine Art Übersetzungsarbeit“, sagt Ristig-Bresser. Dabei fielen ihr die vielen Geschichten auf, die die Arbeiter und Angestellten zu erzählen hatten. Sie suchte ohnehin nach einer neuen Herausforderung und verließ den Konzern, um eine eigene Kommunikations- und Schreibagentur zu gründen. Noch immer arbeitet sie ab und zu für VW, aber hauptsächlich kümmert sie sich um eine Vielzahl von Schreibarbeiten: Firmennewsletter, Internetseiten, Flyertexte. Sie schreibt Kundenzeitschriften und betreut den Werbeauftritt eines orientalischen Partyservice. „Ich hab' auch mal für ein Hochzeitsbuch die Geschichte einer Liebesbeziehung aufgeschrieben“, erzählt Ristig-Bresser. „Die Kundin kam mit fünf Aktenordnern, hatte Restaurantrechnungen und viele abgetippte SMS dabei — daraus hab ich dann die Geschichte gemacht“, sagt die 38-Jährige. Aus den vielen kleinen Ideen hat sie ihr Agenturkonzept entworfen, für das sie nun den Preis bekam. „Ich glaube, dass es überall Menschen mit interessanten Geschichten gibt - die möchte ich gern aufschreiben“, sagt Ristig-Bresser.
Stilistisch unterscheidet sie sich dabei sehr vom Schreibstil ihres Manns. „Michael schreibt eher ironisch und witzig, ich eher emotional und gefühlvoll“, sagt Ristig-Bresser und lacht ihren Mann an, der betont ernst bleibt. Auch sonst ist es eher Ristig-Bresser, die schnell und begeistert über ihre Arbeit spricht, während Bresser nur ab und zu eine lakonische Bemerkung macht. Trotz der Unterschiede redigieren sie gegenseitig ihre Texte. „Stephanie hat manchmal einfach die passenden Wörter“, sagt Bresser. „Wenn ich eine Vokabel für Menschen suche, die alles schon erlebt haben und schon überall waren, spricht sie von Lebensabschnittsabhakern — das ist genial“, sagt Bresser, und seine Frau lächelt ihn verlegen an. „Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, mal ein Buch mit ihr zusammen zu schreiben“, schiebt Bresser brummend-augenzwinkernd hinterher. Dafür seien ihre Stile zu unterschiedlich.
Der Umstand, dass beide größtenteils vom Schreiben leben, hat aber nicht nur finanzielle Vorteile: „Wenn einer von uns schreibt, wird dem anderen nicht langweilig - er schreibt dann einfach auch“, sagt Ristig-Bresser. Und wenn die beiden mal ein freies Wochenende haben? „Dann freuen wir uns auf ein Wochenende zum Schreiben“, sagt die 38-Jährige.
Manchmal ist es gut, eine E-Mail einfach abzuschicken — auch wenn sich die Empfänger nichts darauf einbilden sollen.
von Jan Sedelies