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So wohnt Hannover Heimat mit Aussicht

Für HAZ.de öffnen Hannoveraner ihre Wohnungstüren. Um in das Reich von Claudia Wilholt in Linden-Nord zu gelangen, muss man zunächst Treppe um Treppe erklimmen. Oben angekommen, erwarten den Besucher ein Gefühl von Freiheit und Anekdoten aus der Familiengeschichte.

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Zwischen Erbstücken und Ikea: In der Dachgeschosswohnung von Claudia Wilholt stehen zahlreiche Möbel mit Geschichte.

Quelle: Insa Hagemann

Hannover. Was zieht die Menschen freiwillig unters Dach? Was lässt einen täglich mehrmals Stufe um Stufe ohne Aufzug in die oberste Ecke des Altbaus steigen, bis man endlich da ist? Antworten findet der Besucher in der Wohnung von Claudia Wilholt in Linden-Nord. Hier oben ist es die freie Sicht: über den Dingen stehen, Freiheit. Das gute Gefühl des Ankommens, wenn sich die Tür öffnet.

Claudia Wilholt hat lange gesucht nach so einer Wohnung, die dieses Angekommen-Gefühl vermittelt. Viel Fantasie haben sie und ihr Mann noch hineinstecken müssen vom Tag der ersten Besichtigung bis zum Einzug vor drei Jahren. Aus vier Zimmern haben sie eines gemacht – besser gesagt, machen lassen. Wände raus, Balken freilegen, Zwischendecken entfernen und neu einziehen, Durchschnittsfenster gegen Panoramablick tauschen, dem Hausschwamm den Garaus machen. So stand es, ganz verkürzt gesagt, auf der To-do-Liste der Handwerker.

Das Ergebnis sind zwei Blickfänge: die Galerie mit den rustikalen Balken und die frei gelegten Backsteine der Brandschutzmauer, die an das Nachbarhaus grenzt. „Durch die fehlende Zwischendecke haben wir etwas an Wohnfläche verloren“, sagt Wilholt ganz ohne Bedauern. Etwas über 100 Quadratmeter sind es auf zwei Etagen verteilt. Der gewonnene Freiraum mit der hohen Decke und der unverstellte Blick aus nahezu jedem Winkel des Raumes sind die Belohnung.

Hier haben die vielen Dinge Platz, die der 43-jährigen Kunstlehrerin wichtig sind. Jedes Teil ihrer Möbelsammlung aus Flohmarktfunden, Sperrmüll, Erbstücken und Ikea soll für sich zur Geltung kommen. Da ist das Klavier, „ein echter Schimmel“ und Erbstück von Wilholts Oma Edith, die ihr immer ein großes Vorbild war. Gleich daneben steht auf einer kleinen Trittleiter das Nähkästchen. Ebenfalls ein Erbstück der geliebten Oma, mit kleinen Döschen und Erinnerungen darin.

Claudia Wilholt öffnet für die HAZ-Serie „So wohnt Hannover“ ihre Haustür und lädt in ihre Dachgeschosswohnung in Linden-Nord ein.

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Erinnerungen an die Familiengeschichte wecken auch die beiden Holzkisten in der Küche. In der einen stapeln sich Handtücher, in der anderen stecken Küchengeräte. „Das sind zwei echte CARE-Pakete“, erläutert Claudia Wilholt. Ihr Vater habe sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Osnabrück von den Amerikanern ergattert. Heute schmücken sie die Küche, genau wie eine Toto-Lotto-Leuchtreklame, die Wilholt auf dem Flohmarkt entdeckt hat. Den Kontrast dazu bildet eine Lithografie von Günther Uecker, die sie aus einer Auflösung einer Kunstsammlung gekauft hat.

Die offene Küche hat die gebürtige Papenburgerin selbst entworfen. „Bei Einbauküchen kriege ich immer ein bisschen Beklemmungen“, sagt sie. Daher hat sie alle wichtigen Teile rund um den alten Hängeschrank aus Studienzeiten ausgerichtet. Die Zementfliesen im Vintagelook hätten früher auch im Original in dem Haus aus dem Baujahr 1906 liegen können, hat Wilholt recherchiert.

Die Recherchen und Inspirationen für die Gestaltung der Wohnung haben sich offenbar auf Wilholts Arbeit als Malerin ausgewirkt. Seitdem beschäftigt sie sich neben ihren abstrakten Farbfeldern auch mit Architekturansichten aus ihrem Stadtteil. Ihr Atelier, die „Werkstatt zur gelben Tasche“, hat sie am Lindener Marktplatz eingerichtet. Im nächsten Jahr will die Gymnasiallehrerin ihre Stunden reduzieren und sich mehr der Malerei widmen. Einige ihrer Stücke schmücken bereits die Wohnung, wie das pastellgrau, fast weiß wirkende, großformatige „Farbfeld“, das einen Kontrast zur roten Backsteinmauer bildet.

Mit Humor in Szene gesetzt hat Wilholt die Einbrecher Ede und Fritz. Das Duo mit Dreitagebart und Taschenlampe hat seinen Stammplatz in den Fugen der Backsteinwand. Und das ist noch nicht alles: Im Modelleisenbahnzubehör hat Wilholt das Set „Wanderer“ entdeckt – mit Bäumen und eben kleinen Wanderfiguren. „Die habe ich überall versteckt“, sagt Wilholt verschmitzt.

Wenn sich Claudia Wilholt einmal zurückziehen will, sitzt sie an ihrem Schreibtisch oben auf der Galerie. Dort hat sie sich einen kleinen Arbeitsplatz eingerichtet. „Hier korrigiere ich Klassenarbeiten und bereite den Schüleraustausch mit den USA vor“, erzählt die Lehrerin. Nebenan befindet sich ein kleines Gästezimmer mit eigenem Bad.

Nach getaner Arbeit genießt Wilholt die Abendsonne auf der knallroten Bank auf der Terrasse. Sie ist die Replik einer Bank, wie man sie im Jardin du Luxembourg in Paris findet. Von der Brüstung fällt der Blick in den Innenhof. „In dem Hinterhaus ist vor Jahren mal ein hannoverscher Tatort gedreht worden“, erzählt Wilholt. Die Folge hieß „Der letzte Patient“ und wurde 2008 erstmals ausgestrahlt. Der Krimi-Mörder wohnte gleich nebenan. Das ist lange her und von krimineller Energie ist, abgesehen von Ede und Fritz, nicht die Spur geblieben. Im Gegenteil. Claudia Wilholt ist ganz in ihrer Maisonette-Wohnung unterm Dach angekommen. „Das ist meine Heimat. Hier bleib' ich.“

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