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So wohnt Hannover Moderne Müllerin

Die Kunsthistorikerin Claudia Condry lebt in einer Mühle aus dem 19. Jahrhundert. Seit fast zwei Jahren restauriert die Besitzerin die historische Kostbarkeit. Bis zur 800-Jahr-Feier des Ortes im kommenden Jahr soll die Mühle gänzlich aus dem Dornröschenschlaf erwacht sein.

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Heimat mit Aussicht

Schon als Kind kletterte Claudia Condry auf dem Kammrad herum.

Quelle: Carola Faber

Schneeren. Wer Claudia Condry besucht, muss erst einmal einen 70 Meter hohen Berg erklimmen. Auf dem zweithöchsten Punkt des idyllisch gelegenen Dorfes Schneeren ragt eine Erdholländermühle weitere 14 Meter in die Höhe. Mühlen wie diese sind vor allem in den Niederlanden und in Norddeutschland verbreitet. Über verschieden große Mühlsteine im Pflaster geht es in das geschichtsträchtige Gebäude. Eine enge Wendeltreppe und steile Leitern führen bis zum Kammrad und zur Flügelwelle, dem Herzen der Mühle. Seit fast zwei Jahren restauriert die Besitzerin die historische Kostbarkeit. Bis zur 800-Jahr-Feier des Ortes im kommenden Jahr soll die Mühle gänzlich aus dem Dornröschenschlaf erwacht sein. „Wenn die Mühle wieder Flügel hat, ist der Anblick perfekt“, sagt Condry.

 

Claudia Condry wuchs mit ihren drei Geschwistern in der Mühle auf. Mehr als 30 Jahre lang pendelte sie zwischen Schneeren und London, um ihre Mutter in der Mühle zu besuchen. Als diese vor einigen Jahren starb, überlegte die Familie, was mit der Mühle geschehen sollte. Schließlich entschied sich Condry gegen das Leben in der Zweizimmerwohnung in London und für das Abenteuer Mühle. Ihre Töchter Olga und Anna blieben in London. „Ich wusste, dass ich mir mit diesem Projekt einen Mühlstein um den Hals hängte“, sagt die promovierte Kunsthistorikerin. „Ich wollte es aber wagen.“

Die Kunsthistorikerin Claudia Condry lebt in einer Mühle aus dem 19. Jahrhundert. Seit fast zwei Jahren restauriert sie die historische Kostbarkeit.

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Ein Rundgang durch die Mühle und ihren Anbau ist auch ein Wandel auf den Spuren der Familienhistorie. Zahlreiche Erinnerungsstücke zieren die Räume und Wände. „Meine Eltern haben Deutsch, Englisch und Geschichte studiert“, sagt Condry. „Sie waren schon immer an Antiquitäten und Kuriositäten interessiert.“ In der blau getäfelten Sitzecke der Küche hängen zahlreiche Familienfotos, Zeitungsartikel, die Aufnahmen der Queen zeigen, und alte Postkarten. Auf dem alten Ofen mit Eisenringen wird zwar nicht mehr gekocht. Beheizt mit Holzscheiten, sorgt er aber in der kalten Jahreszeit für wohlige Wärme. Zahlreiche Kaffeekannen stehen auf den Oberschränken, viele aus Porzellan in Indisch-Blau. Passende Tassen und Teller mit dem blau-weißen Muster hat Claudia Condry auf einem Flohmarkt im Nachbarort Mardorf entdeckt. An den Wänden der Essecke im Wohnzimmer hängt eine Sammlung mit bunt bemalten, antiken Hutschachteln, die aus der Region stammen. Gegenüber stehen auf schweren Eichenschränken imposante Kupferkessel.

 

Vom Wohnzimmer aus bietet sich ein Panoramablick über das Mühlengelände, der bei schönem Wetter bis zu den Rehburger Bergen und dem Deister reicht. An der Grundstücksgrenze des rund drei Hektar großen Geländes weiden Pferde und Ziegen. Die Tiere finden bei Hitze und Kälte Unterschlupf in einem der drei Fachwerkställe. Condrys Eltern hatten die Ställe in den Orten Bolsehle, Metel und Brokeloh abtragen und auf dem Schopelsberg (heute: „Unter dem Mühlenberg“) wieder aufbauen lassen.

 

Noch warten viele alte Möbel darauf, in der Mühle platziert zu werden. In den vergangenen zwei Jahren wurde die Außenfront der Mühle renoviert. Holzwagenräder, gusseiserne Ofenplatten und jede Menge Mühlsteine wie auch ein Grenzstein von König Georg III. aus dem 18. Jahrhundert gehören zu den Blickfängen. Dazu gibt es viele romantisch angelegte Sitzplätze, von denen jeder einen neuen Blickwinkel über das Anwesen bietet. Gern sitzt Claudia Condry auf dem Platz vor dem Küchenfenster. Dabei erzählt sie von der langen Mühlengeschichte, den vielen Anträgen und Formularen sowie den Menschen und der Denkmalpflege, die sie bei den Renovierungsarbeiten unterstützt haben.

 

Auf dem Inschriftstein über der Tür ist zu erkennen, dass die Mühle 1871 für den Müller Heinrich Dettmer gebaut wurde. Um 1890 geht die Holländermühle in den Besitz des Großkötners und Zimmermanns Friedrich Asche über. Schon bald gehört sie Heinrich Asche. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Flügel im Winde gedreht. Dann schlug ein Blitz in das Holz. Ende der fünfziger Jahre wurde die Mühlenruine dann von Condrys Vater Manfred Stumpf gekauft, der sie mit seiner Familie bis 1962 für Wohnzwecke umbaute. „Ich bin froh, dass ich den Schritt   gewagt habe und zurückgekehrt bin“, sagt Condry. „Als Kinder sind wir immer bis zum Kammrand und der Flügelwelle geklettert. Die Mühle ist meine Heimat."

 

Claudia Condry will nun auch eine Homepage erstellen. Sie will die Mühle präsentieren und die Ferienwohnungen bewerben, die noch entstehen sollen. „Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen“ oder  „Where the wild things are“ könnte der Titel lauten. „Wer hier lebt, sollte die Natur mögen. Vom Insekt bis zum Wildschwein gibt es fast alles. Es ist kein Luxus, aber wunderschön", sagt Condry.

 

Von Carola Faber

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