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Der Charme des Unfertigen

So wohnt Hannover Der Charme des Unfertigen

Mit Trend und Tier: Bobo Weinzierl und Maik Pitz haben sich in der Südstadt eine alte Industriehalle umgebaut - mit einem spannenden Designkonzept. Für den vierten Teil der HAZ-Serie "So wohnt Hannover" öffnen sie ihre Türen.

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Zwischen gestern und heute: Ein modernes Sofa kontrastiert die anderen Einrichtungsgegenstände von Bobo Weinzierl (rechts) und Maik Pitz. Auch die Hunde Andar und Eli fühlen sich auf der Sofainsel pudelwohl.

Quelle: Tobias Kleinschmidt

Hannover. „Warnung vor dem Hund“ steht auf dem Schild an der Eingangstür. Noch bevor die Besucher darüber nachdenken können, welches vierbeinige Ungetüm sie erwartet, öffnet sich die Tür – und zwei kleine Bulldoggen mit zuckenden Stummelschwänzen schießen förmlich heraus. Gewarnt werden muss hier ausdrücklich – vor ausufernden Schmuseattacken und anrührenden Hunde-Kulleraugen. Das Reich hinter der Tür ist nicht nur eine Spielwiese für Andar und Eli, auch deren Besitzer Bobo Weinzierl und Maik Pitz toben sich hier aus – gestalterisch. Vor einem Jahr, als der Marketingleiter des Varieté-Theaters GOP und der Stylist eines Shoppingsenders nach Hannover zogen, haben sie in der ehemaligen Industriehalle in der Kestnerstraße (Südstadt) das gefunden, was sie ihr „Lebensziel“ nennen.

Ein schnöde wirkendes Hinterhaus, das es in sich hat: Maik Pitz hat die alte Industriehalle in der Kestnerstraße mit seinem Freund Bobo Weinzierl aufwendig saniert.

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In naher Zukunft wollen sie den Teil des Hinterhauses kaufen. „Bauruinen mit Industriegeschichte faszinieren mich“, sagt Stylist Pitz. „Umso abgerockter sie sind, desto besser – dann fange ich an, kreativ zu werden.“ Für Pitz und Weinzierl sind selbst die Bahnlinien inspirierend, die direkt vor dem Fenster des offenen Ess- und Wohnbereichs verlaufen. Im Minutentakt fahren Regionalbahnen und Schnellzüge vorbei. „Aber wir hören kaum etwas davon – der Schall geht direkt über das Flachdach hinweg.“ Geplant ist auch eine Dachterrasse.

Um die Eigentümerin von der Wohnidee zu überzeugen, bedurfte es aber eines guten Stücks Beharrlichkeit – obwohl die Halle drei Jahre lang leer stand. Dann durfte das Paar eine abgetrennte Fläche von 150 Quadratmetern mieten. Gemeinsam investierten sie in neue Elektrik, Heizkörper, Rohre und Wasserleitungen, Trennwände aus Gipskarton für Badezimmer, Schlafzimmer, begehbaren Kleiderschrank und Vorratsraum. „Vorher war es einfach nur eine Fläche – ohne alles“, erklärt der 39-jährige Pitz. Vier Monate dauerte die Bauphase, bei der die Mieter streng darauf achteten, „so viel wie möglich vom alten Charme zu behalten“. So wurde der schlichte graue PVC-Fliesenboden nur notdürftig aufgearbeitet. Auf der großen Wand im Wohnbereich bröckelt scheinbar großflächig der Putz ab, ist aber mit Klarlack konserviert worden. Der Motor eines alten Lastenaufzugs hinter der Wand wurde durch Plexiglas sichtbar gemacht und illuminiert. Stromkabel baumeln von der Decke, ein Einbauherd steht mitten im Raum. So manches erinnert hier an Baustelle. Das Unfertige ist jedoch Konzept: Shabby Chic (wörtlich: schäbiger Schick) ist ein mittlerweile trendiger Einrichtungsstil, der Gebrauchsspuren als Teil des ästhetischen Konzepts begreift. Einrichtungsgegenstände in diesem nostalgischen Stil werden neuerdings auch von Händlern in großer Anzahl aufgekauft oder von Herstellern eigens gefertigt und in schicken Einrichtungsmagazinen beworben.

Als Pitz und Weinzierl vor zehn Jahren begannen, alte Stücke zu sammeln, gab es diesen Trend noch nicht. Damals zahlten die Männer nur wenige Euro oder gar nichts für Fundstücke aus Omas vier Wänden – die Besitzer waren froh, die schweren Teile loszuwerden. Damals lagerten die beiden die Dinge noch im Keller ihrer kleineren Wohnungen. „Unsere Freunde haben gefragt: Um Himmels Willen – was wollt ihr mit dem ganzen alten Kram?“ Damals wussten Pitz und Weinzierl schon genau, was sie damit wollten. Jetzt haben sie all die nostalgischen Dinge in der sanierten Halle in Szene gesetzt. Ein Dutzend massive Emaille-Lampen säumen den offenen Wohn- und Essbereich. Ein altes Kinderbett dient als zweites Sofa. In einem rostigen grünen Spind von ehemaligen Werksarbeitern hängen die Jacken der Gäste. Antike Weinkisten sind zum Küchenregal umfunktioniert worden, und selbst die Dosen darin versprühen mit Aufschriften wie „Mehrzweckfett“ oder „Maschinenreinigungsmittel“ Fabrikflair. Auch das sichtbar einzige Ikea-Stück, ein Phono-Schrank, soll künftig auf alt getrimmt werden. Dazu werde er den Schrank erst mit Schmirgelpapier und dann mit Salzsäure bearbeiten, erklärt Pitz. Zwei Tage an die frische Luft – und fertig ist das Unfertige.

Auch im Schlafzimmer gibt es kuriose Hingucker: Dort baumelt ein durchbohrter Stahlhelm von der Decke – jetzt ein Lampenschirm. Und da sind ein grellgelb getünchtes Hirschgeweih über und der recht lebendige Kater Tiger im Bett. Sein Artgenosse Winnie begegnet einem indes auf den Sammelboxen im begehbaren Kleiderschrank. Für die Ausstattung ihres Schranks verarbeiteten Weinzierl und Pitz massenweise Stangen, Leisten und Haken vom Baumarkt – man hat ja so einiges. So erinnert der Raum an eine edle Herrenboutique – mit meterweise akkurat drapierten Hemden, Hosen und Schuhen. „Das ist alles Maik“, sagt Bobo Weinzierl. Er selbst räumt ein, dagegen recht unordentlich zu sein. Für ihren Wohnstil eigneten sich ihre persönlichen Gegensätze aber perfekt – auch wenn nicht immer ganz ohne Diskussionen.

Zwischendurch darf es dann eben auch etwas Nippes sein. Postkarten, Magnetschilder, Pumuckl-Figuren, so etwas. Oder auch die Handgranate, die die Mieter unter einer gläsernen Abdeckung in Szene gesetzt haben. Die Attrappe kann quietschen und war ursprünglich das Spielzeug der Bulldoggen. Andar und Eli favorisieren aber eher ihre Stofftiere – einen Panda und einen Elefanten, die sie herumschleppen und zerpflücken. Auch das passt irgendwie ins Konzept.

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Für die HAZ öffnen Hannoveraner ihre Wohnungstüren. Ausrangiertes Material zu neuem Leben zu erwecken, ist die Passion von Isabelle Haijtema und Damjen Lajic. Ihre Wohnung in Linden-Mitte verbindet frisches Design mit ehrlicher Handarbeit. Der dritte Teil unserer Serie "So wohnt Hannover".

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