Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Zwischen den Stühlen

So wohnt Hannover Zwischen den Stühlen

Für die HAZ öffnen Hannoveraner ihre Wohnungstüren. Ausrangiertes Material zu neuem Leben zu erwecken, ist die Passion von Isabelle Haijtema und Damjen Lajic. Ihre Wohnung in Linden-Mitte verbindet frisches Design mit ehrlicher Handarbeit. Der dritte Teil unserer Serie "So wohnt Hannover".

Voriger Artikel
Besuch in der Werkstatt
Nächster Artikel
Der Charme des Unfertigen

Eine Leidenschaft, zwei Wege: Während sich Damjen eher für die Geschichte von Möbeln und Design-Gegenständen begeistert, lässt sich Isabelle allein von ihrem Gefühl leiten.

Quelle: Insa-Cathérine Hagemann

Hannover. Liegt es daran, dass er mit seinen vier Beinen wie ein lebendes Wesen aussieht? Oder vielleicht an den fast grenzenlosen Möglichkeiten, ihn zu verformen? So ganz genau wissen das Isabelle Haijtema und Damjen Lajic selbst nicht. Sicher ist nur: Kein Möbelstück fasziniert sie so sehr wie der Stuhl. „Möbel sammeln heißt Stühle sammeln“, sagt Damjen. „Als wir zusammengezogen sind, hatten wir 80 Stühle. Heute sind es 400.“ Verrückt? Ansichtssache. Ungewöhnlich? Mit Sicherheit.

Wer die Räume im dritten Stock des Altbaus in Linden-Mitte betritt, der sieht sofort: Hier ist nichts gewöhnlich. Der Blick fällt auf den lederbespannten Turnbock im Flur, dann auf eine Holzkommode mit mehrfarbigen Metallschubladen. Aus dem Türspalt links leuchten die sonnenbeschienenen Fliesen eines Kohleofens aus der Jahrhundertwende, rechts lässt eine Reihe alter Schöpfkellen und Schneebesen eine Küche im Landhausstil erahnen. Ein Hauch von beinahe antiquarischer Erlesenheit liegt in den Räumen. Hier scheint jedes Möbelstück nach langer Suche endlich seinen vorbestimmten Platz gefunden zu haben. „Ach was!“, winkt Isabelle lachend ab. „Wenn du das nächste mal kommst, sieht es hier schon wieder anders aus.“

Für die HAZ öffnen Hannoveraner ihre Wohnungstüren. Isabelle Haijtema und Damjen Lajic haben viel Handarbeit in ihre Altbauwohnung in Linden-Mitte gesteckt.

Zur Bildergalerie

Dass sich das Heim von Isabelle und Damjen stetig ändert, hat zwei Gründe: Die Liebe zu alten Materialien und der Spaß am traditionellen Handwerk. Die 38-jährige Isabelle ist gelernte Tischlerin, ihr fünf Jahre älterer Freund Damjen ist Bildhauer und Steinmetz. Fast jede freie Minute verbringen sie damit, Einrichtungsgegenstände zu bauen, zu veredeln oder umzufunktionieren. Für sich, und für andere. In einer Werkstatt in Limmer lässt das kreative Paar seine Ideen Wirklichkeit werden. Aktuelles Projekt: Isabelle hat mit Grafitti besprühte Holzpaneele der maroden Halfpipe an der Glocksee ergattert und in neuer Reihenfolge aneinandergepresst. Darüber will sie Kunstharz gießen und so eine spiegelglatte Tischplatte schaffen. „Punkrock im Kern, mit einem hochwertigen Äußeren“, erklärt Damjen. Dieser Kontrast zwischen alt und neu, zwischen ausrangiert und wiedererweckt, der treibe ihn und Isabelle an.

Bestes Beispiel dafür ist das abstrakte Bild im Flur. Es ist die ausrangierte Unterlage des Kreissägetischs aus einer Werkstatt – grau gestrichen, hängt die zerfurchte Platte nun bei Damjen und Isabelle an der Wand. Aus demselben Material entstand eine Kommode für ihr Wohnzimmer. „Solches Rohmaterial entdeckt man meist durch Zufall“, sagt Isabelle. So auch die Munitionskisten der Bundeswehr, die sie auf der Straße fand und aus denen sie Türen für die Küchenschränke formte. Nur die Teile mit den Aufdrucken „Granaten“ und „Panzerfäuste“ habe sie nicht benutzt, sagt sie.

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, dass das Hobby auch zum Nebenerwerb wurde. Noch immer arbeitet Damjen als Steinmetz und Bildhauer, Isabelle führt seit neun Jahren das Café „BAR“ auf der Limmerstraße. Doch nebenbei gründeten sie die Firma „Haijtema-Lajic“ und verkaufen seitdem auch selbst gebaute Möbel, richten mitunter ganze Wohnungen her. Dabei nehmen sie jedoch nur ausgewählte Aufträge an, der Geschmack der Kunden und ihr Stil müsse zusammenpassen, sagt Damjen. Außerdem soll es ja auch ein Hobby bleiben. Isabelle sagt das so: „Manchmal habe ich keine Lust mehr zu backen und Kaffee zu kochen, dann muss ich wieder etwas Kreatives machen. Und dann wieder umgekehrt.“

Nicht alle Möbel der Wohnung sind selbst gebaut. Das Paar tummelt sich auch auf Flohmärkten und bei Ebay, um etwa neue Stühle zu kaufen. „Ich bin dabei emotional, während Damjen meist über die Designgeschichte philosophiert“, berichtet Isabelle, während sie ihrem Freund zulächelt. Den wiederum muss man nicht lange bitten, um eine Kostprobe zu bekommen. „Dieser Eames Chair etwa besteht aus einem Fieberglas, das ursprünglich vom Militär zum Schutz von Radargeräten entwickelt wurde“, erklärt er, während er über die schwarz-weiß gefaserte Plastikkante streicht. Und natürlich kann er auch Geschichten zu dem futuristischen Gestell daneben erzählen, das der Designer Konstantin Grcic entworfen hat. Der Betonsockel gebe dem Stuhl etwas von einer Statue – für einen Bildhauer natürlich faszinierend.

Differenzen beim Anschaffen neuer Möbel gebe es eigentlich nie, winken die beiden ab. Manchmal brauche es allerdings seine Zeit, bis der Funke überspringt. Zum Beispiel bei der im Tageslicht weich heruntergedimmten Flos-Lampe, die im Wohnzimmer hängt. „Die fand ich am Anfang ganz schrecklich. Aber je länger ich sie angeguckt habe, desto besser habe ich sie verstanden“, erzählt Isabelle. Jetzt will sie sogar eine für ihre „BAR“ besorgen - und wohl über einen der Tische oder den Tresen hängen. Natürlich alles Marke Eigenbau.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
So wohnt Hannover
Foto: Zwischen gestern und heute: Ein modernes Sofa kontrastiert die anderen Einrichtungsgegenstände von Bobo Weinzierl (rechts) und Maik Pitz. Auch die Hunde Andar und Eli fühlen sich auf der Sofainsel pudelwohl.

Mit Trend und Tier: Bobo Weinzierl und Maik Pitz haben sich in der Südstadt eine alte Industriehalle umgebaut - mit einem spannenden Designkonzept. Für den vierten Teil der HAZ-Serie "So wohnt Hannover" öffnen sie ihre Türen.

mehr
Mehr aus So wohnt Hannover
Streetstyle: Hannover hat Stil

So sieht Hannover aus: Die Modebloggerinnen von „Let Them Eat Cotton Candy“ präsentieren eine Auswahl ihrer Streetstylebilder aus der Leinestadt wöchentlich auf HAZ.de

Augenblicke: Die Bilder des Tages

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.