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HAZ-Serie „So wohnt Hannover“ Raum für Gelegenheiten

Für HAZ.de öffnen Hannoveraner ihre Wohnungstüren. Dieter Keils Wohnung im Warmbüchenviertel ist von seiner emsigen Suche nach günstigen Designerstücken aus den fünfziger bis siebziger Jahren geprägt. Der sechste Teil unserer Serie „So wohnt Hannover“.

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Quelle: Tobias Kleinschmidt

Hannover. Rot! Das Wohnzimmer von Dieter Keil gibt sich selbstbewusst. „Hier bin ich!“, ruft es mit all seinen Teilen, mit Sessel, Couch, Vorhängen, Beleuchtung und Papierkorb in Lippenstiftrot. Ihr Eigentümer hingegen ist weniger selbstsicher. „Gibt es denn hier soviel zu fotografieren?“, fragt er leicht verunsichert. Es gibt.

Keils 65 Quadratmeter im Warmbüchenviertel im Stadtteil Mitte sind eine sorgsam zusammengesuchte Mischung von Möbeln und Wohnaccessoires den fünfziger- und siebziger Jahren, garniert mit dänischem Design. „Immer, wenn ich konnte, habe ich mir Designerstücke gekauft. Aber das war selten, richtig Geld dafür habe ich nie gehabt“, sagt der 60-jährige Pensionär. Doch genau das ist es, was seiner Zweizimmerwohnung ihren Charakter verleiht: Die Macht der Gelegenheit.

Design zum kleinen Preis: Dieter Keil präsentiert seine 65-Quadratmeter-Wohnung in Mitte.

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Keil zählt auf: „Die Musikanlage habe ich einem befreundeten Apotheker abgekauft, das Sideboard ist von meiner Mutter, bevor sie ins Heim musste. Das Radio aus den Fünfzigern und das Küchengeschirr habe ich von meiner Exfrau, und ein paar Sachen sind vom Flohmarkt.“ Der am Hohen Ufer? „Nein, zu teuer“, sagt der ehemalige Betriebsrat über sein „Sammelsurium“, wie er es nennt. „‘Männerbude’ habe ich auch schon gehört – dabei stimmt das gar nicht. Schon mal eine Männerbude mit offenen Regalen gesehen?“, grummelt er. Schämen will er sich nicht für sein Preisbewusstsein: „Es kann doch nicht sein, dass immer nur Designer-Luxuswohnungen gezeigt werden, wenn es um Einrichtung geht.“

Für einige Teile des roten Wohnzimmers musste er sparen, etwa auf den Sitzsack und die Gardinen der finnischen Marke Marimekko, die für ihre großflächigen Blumendrucke bekannt ist. Auch das Sofa von Ligne Roset war ein Sehnsuchtsstück, das nun eine rote Decke geschützt wird. Schnäppchen waren hingegen die Stücke seines ehemaligen Arbeitgebers, der Telekom. In seiner Küche mit Lampe und Tapete aus den Siebzigern finden sich daher eine schlichte Uhr im Bahnhofsstil, und mehrere Stühle in Anlehnung an skandinavische Designerstücke – für 50 Pfennig das Stück. „Aber hab‘ ich alles legal bekommen, nicht geklaut“, versichert er. Zu seiner Verabschiedung bekam Keil von seinen Kollegen ein paar neue Teile für seine „Flash one“-Porzellanserie von Rosenthal. „Die haben Geld gesammelt und dachten, da kommt ein ganzes Service bei raus. Aber am Ende hat es nur für vier Teller gereicht“, sagt er lachend und schaut auf das bunte Geschirr hinter sich. Der Gasherd aus Edelstahl mutet in diesem Ambiente beinahe futuristisch an – doch im Regal darüber steht Maggi-Würze. „Kochen kann ich alles, solange es im Rezeptbuch steht“, sagt er trocken.

„Die Küche ist mein Lieblingsraum“, sagt Keil nach langem Nachdenken. Aber ein Manko gibt es doch: „Ich würde ja gern mal eine richtige Fete machen. Aber in der Küche feiern und dann die Leute auf dem Klo nebenan hören – das ist ja dann auch ein bisschen komisch.“

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Endlich ein Badezimmer

Aber Keil hat trotzdem oft Besuch: Von seinen drei Töchtern aus zwei Ehen, Freunden, seiner Freundin und den Nachbarn. Die müssen allerdings immer kräftig schlucken, wenn sie Keil besuchen. Der sitzt in seiner Küche nämlich neben einer dicken Gasflasche, ebenfalls rot. „Das ist viel billiger als ein Gasanschluss. Aber die Nachbarn... nun ja, die beruhigt das nicht“, sagt er über das explosive Gemisch.

Die Nachbarn in dem Altbau in der Warmbüchenstraße sehen sich häufig – denn Waschmaschine und Abstellraum sind auf einem Zwischengeschoss im Treppenhaus. Das garantiert Bewegung – ebenso wie der Aufstieg in den dritten Stock. „Als ich mir die Wohnung vor fünf Jahren gekauft habe, sagten alle: Wie willst du da hoch, wenn du alt bist? Jetzt bin ich 60, und die geben hoffentlich Ruhe“, feixt er. Keil fühlt sich wohl im Warmbüchenviertel, dem Dreieck von Marienstraße, Berliner Allee und Schiffgraben. „Hier ist es überraschend schön und weltoffen – und das sage ich als ehemaliger Lindener!“        

Der Pensionär hat die Wohnung nach dem Kauf renoviert und ordentlich umgestaltet. Augenscheinlichstes Zeichen: Keil hat jetzt ein Bad – in der Küche. „Das habe ich in die alte Speisekammer eingebaut.“ Auch hier hat sich Keil Mühe gegeben: Die wertvolle Tiffanylampe blickt auf eierschalenfarbene Fliesen und zitronengelbes Toilettenpapier herab. „Die Lampe ist teuer, aber musste sein“, sagt Keil und ist ein bisschen stolz.

Von der Wohnung trennen würde er sich nur, um mit seiner Freundin zusammenziehen. „Wir sind ja schon fünf Jahre zusammen. Und wenn man zu lange zögert, dann glauben einem die Frauen nicht mehr, dass man es ernst meint.“ Er schmunzelt. „Und die Beziehung sollte einem ja schon wichtiger sein als die Wohnung – auch wenn es schwerfällt.“

Von Sabrina Mazzola (Text) und Tobias Kleinschmidt (Fotos)

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