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H1N1-Bilanz

Es ist Pandemie – und kaum einer lässt sich impfen

Von Veronika Thomas

Vor einem Jahr erkrankte die erste Bewohnerin aus der Region Hannover an der Schweinegrippe. Heute ist das Virus H1N1 kaum noch ein Thema.
Anfang November 2009: Der Impfstoff steht noch nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung, Einsatzkräfte wie die Polizei werden vorrangig geimpft.

Anfang November 2009: Der Impfstoff steht noch nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung, Einsatzkräfte wie die Polizei werden vorrangig geimpft.

© Archiv

Die ersten alarmierenden Meldungen über eine Grippewelle in Mexiko mit Todesopfern erreichten Deutschland Mitte April 2009. Wenige Tage später waren nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 80 Menschen an der Seuche gestorben. Die Rede war von einer neuen Variante der Schweinegrippe, bestehend aus Erregern von Schweine-, Hühner- und menschlicher Grippe – von Mensch zu Mensch übertragbar. Die Welt stand, so die Befürchtungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), vor einer Grippewelle ungeheuren Ausmaßes.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Die fortan in allen Medien (fast) nur noch Schweinegrippe oder Neue Influenza genannte Infektionskrankheit breitete sich rasch über Flugreisende von Mexiko bis in die USA, Neuseeland und Europa aus. Für die WHO stand schnell fest: Die neue Grippevariante hat das Zeug zu einer Pandemie. Letztlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten Hannoveraner mit dem neuen Virus infizierten. Als die WHO am 11. Juni 2009 die Schweinegrippe zur Pandemie erklärte, das erste Mal seit 41 Jahren überhaupt, waren bundesweit schon mehr als 100 Menschen daran erkrankt. Vorsichtshalber strich der Reisekonzern TUI erst mal alle Direktflüge nach Mexiko-Stadt.

Doch das Schweinegrippevirus vom Erregertyp H1N1 ließ sich nicht aufhalten. Zwei Monate nach dem Ausbruch in Mexiko erreichte die Pandemie die Region Hannover: Eine 39-jährige Ärztin, die mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter aus Boston, USA, zurückgekehrt war, hatte sich ebenso wie ihre neunjährige Tochter mit H1N1 infiziert. Hans-Bernhard Behrends, Leiter des Fachbereichs Gesundheit der Region Hannover, ordnet an, dass die Mitschüler der Neunjährigen zunächst zwei Tage zu Hause bleiben müssen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht über den ersten Schweinegrippe-Fall an der Empelder Theodor-Heuss-Schule.

Aus Angst vor Ansteckung lassen viele Eltern ihre Kinder auch aus anderen Schulklassen lieber zu Hause. Am Abend des 16. Juni informiert Amtsarzt Behrends bei einem Elternabend über Grippeepidemien, Ansteckungswege und Hygienemaßnahmen. So voll wie an diesem Abend sei die Aula lange nicht mehr gewesen, sagte Schulleiter Heinz Ostfeld. Rund 250 zum Teil recht aufgebrachte Väter und Mütter bombardieren Behrends stundenlang mit Fragen. Weil rund 30 Prozent aller Grippefälle über die Hände übertragen werden, rät der Amtsarzt zu verstärkter Hygiene: Häufiges Händewaschen wird in den nächsten Monaten zu einer wichtigen Schutzmaßnahme gegen das Virus.

In den Wochen darauf infizieren sich immer mehr Bewohner der Region mit Schweinegrippe – fast alle im Ausland, denn Niedersachsen hat als erstes Bundesland Sommerferien. Viele junge Leute kehren mit der Schweinegrippe im Gepäck aus Mallorca zurück. Mitte Juli registriert Niedersachsen mehr H1N1-Infektionen als Berlin, Hamburg und Bremen zusammen. Und täglich werden es mehr.

Für das Gesundheitsamt der Region bedeutet die Pandemie massenhaft Arbeit. Die Infizierten müssen auf das Virus getestet werden, ihre sämtlichen Kontaktpersonen ermittelt. Jeder muss sich eine Woche lang in strikte häusliche Quarantäne begeben. Lebensmittel und andere Dinge des täglich Bedarfs müssen Freunde oder Verwandte der Infizierten beschaffen und an deren Haustür abstellen. Jedweder Kontakt ist untersagt. Um sich gegen die Pandemie zu wappnen, schafft Regio-Bus vorsichtshalber 30 000 Schutzmasken an, Ärzte und Kliniken richten Extra-Wartezimmer für Grippepatienten ein. Doch das Virus ist nicht zu stoppen.

Am 22. Juli ordnet das Robert-Koch-Institut in Berlin eine Lockerung der Quarantänevorschriften an. Infizierte Lehrer oder Altenpfleger beispielsweise dürfen zwar nicht arbeiten, aber einkaufen, Kinder dürfen nicht in die Schule, aber im elterlichen Garten spielen. „Wir brauchten bundesweit 5000 Fälle, um abschätzen zu können, wie sich das Virus verhält“, begründet Amtsarzt Behrends die damalige Quarantänepolitik. Mitte November fällt die Meldepflicht für Ärzte, weil sich immer mehr Menschen infizieren und ein Test für alle Patienten unangemessen teuer geworden wäre.

Bis zum 23. März 2010, an diesem Tag steckte sich der bislang letzte Regionsbewohner mit Schweinegrippe an, hatten sich bundesweit mehr als 226 000, in Hannover und dem Umland 3029 Menschen mit Schweinegrippe infiziert. Die wirklichen Zahlen dürften um ein Vielfaches darüber liegen. Fünf Regionsbewohner starben im Zusammengang mit H1N1. Sie alle hatten auch unter Vorerkrankungen gelitten.

Im November und Dezember 2009 kommt die H1N1-Pandemie noch einmal richtig in Fahrt, betroffen sind viele Schüler und Kindergartenkinder. Seit Ende Oktober steht der Impfstoff Pandemrix zur Verfügung, aber noch nicht in ausreichender Menge. Der Hersteller kommt mit der Produktion nicht nach. Was zunächst nicht weiter schlimm ist, denn um Engpässe zu vermeiden, haben die Gesundheitsbehörden die Empfehlung herausgegeben, zuerst Bedienstete von Polizei, Feuerwehr und des Gesundheitswesens, danach Kinder sowie chronisch Kranke zu impfen. Viele Menschen sind verärgert, weil für sie (noch) nicht an der Reihe sind.

Anfang Januar dieses Jahres ändert sich die Lage. Jetzt steht zwar ausreichend Pandemrix bereit, doch die meisten Bürger wollen sich gar nicht mehr impfen lassen, weil die Grippe überwiegend harmlos verläuft. Seitdem suchen die Gesundheitsministerien der Länder dafür Abnehmer im Ausland, meistens erfolglos. Zwar haben sich 8,6 Prozent aller Niedersachsen gegen die Schweinegrippe impfen lassen und stehen damit an erster Stelle der alten Bundesländer, doch das Land sitzt nun auf 28 Millionen Impfdosen für rund 23 Millionen Euro.

Und heute? Nach Studien an der Medizinischen Hochschule Hannover haben sich durchschnittlich 20 Prozent der Bevölkerung mit H1N1 infiziert, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren liegt die Quote sogar bei 50 Prozent. Viele bekamen von der Infektion überhaupt nichts mit, andere aber litten stark unter Symptomen wie Fieber, Gliederschmerzen oder Husten. Die Zahl der Todesfälle blieb mit bundesweit 253 deutlich unter denen einer saisonalen Grippe mit jährlich bis zu 8000 Toten. Aber dank der Schweinegrippe blieb die saisonale Grippe aus, die normalerweise im Januar und Februar grassiert. Experten wie Amtsarzt Behrends rechnen noch bis Anfang 2011 mit regionalen Ausbrüchen von H1N1. Für weiteren Schutz ist aber gesorgt: Der Impfstoff für die kommende Grippesaison 2010/2011 enthält auf jedem Fall Bestandteile von H1N1.

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  • 253 Tote sind schlimm dawardochwas – 18.06.10
    Die Art und Weise wie die Pharmaindustrie den Staat bei den Impfmittel unter Druck gesetzt hat war aber weit schlimmer.

    Und eine "2 Klassen" Impfung fanden die meisen Bürger wohl so schlimm, das Sie sich nicht haben impfen lassen.

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