18. Juni 2000. Besuch von Thomas Klestil: „Beim Besuch des deutschen Pavillons hatte es leichte Verstimmungen gegeben. Da weder Bulmahn (damals Bildungsministerin) noch Gabriel (damals Ministerpräsident) beim Essen bleiben – Klestil (österreichischer Bundespräsident) hatte eigentlich auch abgesagt –, will er nun zunächst teilnehmen, dann nicht mehr. Das Klima ist nicht das Beste.
Ich spreche ihn an, warum sein Besuch im Rathaus gecancelt worden ist. Nach kurzer Beratungsphase sagt er einen Besuch für 14.30 Uhr zu!!“
Beim Essen: „Rede durch den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Siegfried Scheffler, und des österreichischen Wirtschaftsministers. Ich muss vorher gehen, da ich einen Zettel bekomme, dass Klestil schon um 14.20 Uhr im Rathaus sein wird. So sause ich los. Herr Oltrogge (Protokollchef) hat mit seiner Truppe in der Kürze der Zeit alles gut vorbereitet. Der Präsident interessiert sich für das Rathaus, die Stadtmodelle, die Uni. Klestil erhält Kröpcke-Uhr, seine Frau die Mokkatassen. Tragen sich ins Goldene Buch ein.“
Am Abend: „Heidi (Heidi Merk, Schmalstiegs Ehefrau) hat zu uns nach Haus den Premierminister der Eastern Cape Province, Arnold Stofile, und seine Frau eingeladen. Dazu Peter Hartz, Vorstand VW, mit seiner Frau, Oberlandeskirchenrat Feigl von der EKD, Dr. Hannes Rehm, Vorstand Nord/LB mit Frau, den südafrikanischen Konsul Dr. Syrbius, früher Berstorff, mit Frau, Herrn Grojnowski und Frau Kitzler, die beim Land für Entwicklungsarbeit zuständig ist. Stofile bringt noch eine Mitarbeiterin mit, und es wird gemütlich eng.
Da ich aus Zeitgründen nicht selbst kochen konnte, haben wir Dietmar Althof gebeten, dieses für uns zu organisieren. Vorspeise, Lachs mit Pilzen, Dessert. Sinn des Treffens: Heidi will etwas für das kleine Hanover im Eastern Cape leisten. Es ist ein interessanter Abend, der nur durch die Niederlage der deutschen Fußballmannschaft gegen England getrübt wurde. Hoffentlich kommt für das kleine Hanover etwas zustande. Gegen ein Uhr nehmen wir noch einen Schluck, dann ist Schluss – für heute.“
Eine stolze Bilanz, zweifellos. Sämtliche Aussteller habe er besucht, versichert Schmalstieg. Alle Hallen, Pavillons, Stände, selbst die Apotheke. Mit einer kleinen, typisch schmalstiegschen Einschränkung: Weißrussland hat er mit Nicht-Beachtung bestraft, ebenso wie einige andere Staaten. Nicht weil er zu faul gewesen wäre. Sondern weil er die politische Führung Weißrusslands missbilligt. Da hat Schmalstieg seine Prinzipien.
Ob es einen Tag gab, an dem er nicht auf der Expo war? Da muss er überlegen. Er könne nicht ausschließen, dass er mal ein Wochenende nach Bornholm gereist sei. Aber wahrscheinlich sei das nicht. Nein, er war wohl jeden Tag da.
Schmalstieg ist ein akribischer Mensch. Ein Sammler. Das war während seiner Amtszeit insgesamt so, in der mancher spottete, Schmalstieg kenne in Hannover jede Laterne persönlich. Aber dieser Drang nach Vollständigkeit prägte auch sein Verhältnis zur Expo. Es gibt sicher nur wenige, die die Weltausstellung so ausdauernd und systematisch besucht haben. Lieblingsorte auf der Expo? Natürlich, der spanische Pavillon. Und der syrische. Weil er einer der schönsten war. Und weil Schmalstieg nach viel Hin und Her selbst dafür gesorgt hat, dass die Syrer überhaupt nach Hannover kamen. Das sind die Geschichten, die er am liebsten hat: Die, in denen er selbst so direkt etwas zur Expo beitrug, was den Organisatoren nicht gelang. Späte Triumphe.
26. Juli 2000. „Gestern war ein großer Unglückstag. Kurz nach dem Start ist eine Concorde der Air France mit über 100 Passagieren an Bord bei Paris abgestürzt. 113 Tote. Außerdem sind die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina gescheitert.“
8 Uhr: „Kurze Dezernentenkonferenz, fahre 8.45 zur Expo. Trauerfeier im Christuspavillon aus Anlass des Flugzeugabsturzes, 100 Touristen aus Deutschland. Schröder ist da, das gesamte Kabinett. Exbischof Hirschler und Bischof Homeier predigen. Schröder spricht. Testu, der französische Generalkommissar, will nicht reden, wird von Hirschler darum gebeten. Der Gottesdienst dauert 35 Minuten.“
Die Expo geht weiter. 11.15 Uhr: „Der Nationentag von Kuba beginnt mit Verspätung. Alles wartete auf Fidel Castro, doch der kam nicht, dafür der Verkehrsminister Alvaro Pérez Morales und der Kubanische Botschafter in Deutschland, Oscar Martinez Cordovés, der exzellent deutsch spricht. Wegen des Flugzeugabsturzes gibt es kein Kulturprogramm auf der Bühne, nur die Reden von Birgit Breuel, Heidemarie Wieczorek-Zeul und dem kubanischen Verkehrsminister. Um 15 Uhr setze ich mich ab, zum brasilianischen Pavillon. Ich werde vom brasilianischen Generalkommissar begrüßt. Der Pavillon hervorragend gestaltet, präsentiert Kunst und Kultur, hat 11 000 Besucher pro Tag. Alle sind zufrieden. Nochmals 1a-Qualität.“
16 Uhr: „Besuch der Sängerin, der großen Diva des Bolschoi-Theaters. Galina Pawlowna Wischnewskaja. Es ist ein gutes Gespräch mit der Künstlerin. Sie ist einmalig. Einmal Diva – immer Diva. Wir sprechen über ihre Zeit in der Sowjetunion, später ist sie in die USA übergesiedelt. Ist mit Rostropowitsch verheiratet.
17.30 Uhr kommt die Königin von Bhutan, I.M. Ashi Dooji Wengno Wangchuk, der Kronprinz und eine Prinzessin. Eintragung ins Goldene Buch. Schüchtern. Der Himalayastaat hat 600 000 EinwohnerInnen.“
19 Uhr fahre ich wieder zur EXPO: „Treffe mich mit Mina und Julian (Freunde aus Tenerife, die wir eingeladen hatten). Gehen zu den Kubanern. Rappelvoll. Zwischendurch telefoniere ich. Interview mit einem englischen Journalisten aus Bristol und einem spanischen aus Paris. Themen: Flugzeugkatastrophe.“
20 Uhr: „Zum Deutschen Ruderclub. Thorsten Schmidt, Olympia-Teilnehmer, hat mich eingeladen. Ehrung der Deutschen Meister und Verabschiedung der Olympia-Teilnehmer.“
21 Uhr geht es nach Hause: „Der spanische Journalist ruft noch einmal an. Heidi übersetzt. Die Sendung ist für Lateinamerika. Wir diskutieren mit Mina und Julian. Über Kuba, die kanarischen Auswanderer dorthin, über die Politik in Spanien und über La Palma. Um ein Uhr geht es ins Bett.“
Und die Fehler? „Birgit Breuels Zusage, die Expo werde am Ende nichts kosten“, sagt er ohne zu zögern. „Das hat uns eingeholt.“ Es war die Lebenslüge der Weltausstellung. „Man hätte sagen müssen: Das ist Werbung für Deutschland, und das ist es uns wert.“ Aber es ist auch leicht, so einen Fehler zuzugeben. Es war ja nicht sein eigener.
Was ist mit der Entstehung der Bewerbungsidee, diesem einsamen Entschluss von Birgit Breuel, Sepp Heckmann, Klaus Goehrmann und ihm, damals, 1987, als sie ihren Plan einfach verkündeten, ohne die Verwaltung und Parteikollegen einzubinden? „Das war nicht sehr demokratisch“, räumt er ein. Aber aus seiner Sicht der einzige Weg, um nicht alles zerreden zu lassen.
Und die große Nachnutzungsillusion? Das Versprechen vom pulsierenden Expo-Gelände? „Ich hätte mir gewünscht, dass mehr erhalten wird.“ Aber nein, so negativ will er die Bilanz der Nachnutzung auch nicht sehen. Vom „Entwicklungsgebiet“ spricht er, das Hannover dort besitze. Von den positiven Beispielen: „Was zum Beispiel Mousse T. dort aufgebaut hat, kann sich sehen lassen.“ Und natürlich zählt er alles das auf, was Hannover alles der Expo verdankt. „Ohne sie hätte sich Hannover seit der Wende entwickelt wie Castrop-Rauxel.“
Thorsten Fuchs
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Kommentare
@ anti-expo hsot – 12.06.10
ist doch egal der mist von gestern, die sind sowieso angezählt. die revolution ist nicht mehr zu verhindern. die führungskräfte weltweit werden ausgetauscht.Expo-Desaser Anti-Expo-Aktivist – 12.06.10
Warum wird nicht mal der Auszug aus Herberts Tagebuch veröffentlicht, in dem er sich darüber freut, dass über 400 Jugendliche und junge Erwachsene am 01.06.2000 von der Polizei nach friedlichem Protest verhaftet wurden und ohne Grund bis zu 30 Stunden in so genannte "Hundezwinger" am Schützenplatz gesperrt wurden? Und das Hannovers Schuldenberg durch die Expo ins Unermessliche gewachsen ist...Danke Herbert für deine Lügenshow!