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Schmalstiegs Expo-Tagebuch

„Bin begeistert, dann Fahrt zur Afrikahalle“

Von Thorsten Fuchs

Jeden Tag hat Herbert Schmalstieg die Expo besucht - und jeden Tag notiert, was er erlebte. Der HAZ erlaubte er erstmals einen Blick in seine Tagebücher.
Schön war's: Der ehemalige OB Schmalstieg blättert in seinem Expo-Tagebuch.

Schön war's: Der ehemalige OB Schmalstieg blättert in seinem Expo-Tagebuch.

© Tobias Kunzfeld

In der Ecke seines Büros kauert ein schwarzer Kämpfer mit einem Speer. Ein Geschenk aus Uganda. Ebenholz. Daneben ein mit religiösen Schnitzereien versehenes, nun ja, Brett aus Serbien, und auf dem Boden eine Tüte mit Papiertaschen darin, bedruckt mit Flaggen, Namen und Wappen.

34 Jahre lang befand sich Herbert Schmalstiegs Büro im Rathaus. Er hat auch jetzt noch eines, vier Jahre nach dem Abschied aus dem Amt. Es liegt in der Ebhardstraße, schräg gegenüber vom Rathaus, im Erdgeschoss, und war früher das Büro von Mike Gehrke, dem verstorbenen Stadtimagepfleger.

Die Expo ist hier noch allgegenwärtig. Aber am meisten steckt sie in den Kladden, die vor ihm auf dem Tisch liegen. Schmalstieg führt nicht ständig Tagebuch, nur auf Auslandsreisen – und in sehr besonderen Zeiten. Die Weltausstellung füllt drei Bände.

Schmalstieg, der so lange Oberbürgermeister einer Großstadt war wie niemand sonst, wirkt unsicher. Da ist, einerseits, der Stolz auf diese Veranstaltung, die er, ganz unbescheiden und berechtigt, auch als sein Verdienst sieht. Andererseits sind diese Tagebücher privat, es steht Persönliches darin. Erlebnisse, Vorlieben, Schmähungen. Banales und Bedeutendes. Ganz wie im Leben. Also: nur zu!

Donnerstag, 1. Juni 2000: „Es gibt keine Probleme mit der Anfahrt. So bin ich schon um 08.15 Uhr auf dem Gelände. Nach und nach treffen die Staatsgäste ein. Cardoso, der Präsident der Mongolei, die Scheichs, verschiedene Minister, Generalkommissare. Es kommt auch der polnische Staatspräsident, Alexander Kwasniewski. Die Eröffnungszeremonie wird vom ZDF übertragen, gestern war die ARD dran. Birgit Breuel ist heute blass in ihrer Rede. Ich spreche um 08.45 Uhr. Begrüße die Gäste in deutsch, arabisch, englisch, spanisch, russisch, französisch und japanisch. Keiner von den Anwesenden wird wohl eine weitere Expo in Deutschland erleben. Ich spreche von Spuren, die es gilt, zu hinterlassen, greife auf Goethe zurück. Der BIE (Bureau International des expositions)-Präsident spricht zu lange. Der Bundespräsident frei, Johannes Rau macht es kurz. Dann wird das rote Band zerschnitten. Gedrängel. Natürlich, die am Rand stehen werden auf den Bildern abgeschnitten. Aber die Stadt steht heute nicht im Vordergrund, sie hat ja auch nichts getan. Ohne Hannover, ohne die SPD – und ich bin so frei –, auch ohne mich gäbe es keine Expo in Hannover. Deshalb durften gestern auch nur 10 bis 14 Vertreter am Eröffnungsessen teilnehmen, und für den 01.06. habe ich für 50 Ratsmitglieder Karten für 120 Mark pro Person gekauft!!!! So kleinkariert und dumm sind unsere Expo-Freunde.“

Scharfe Worte. Herbert Schmalstieg hat die Ausschnitte, die er der HAZ zur Verfügung gestellt hat, sozusagen zensiert. Er hat einige Formulierungen gestrichen, die ihm zu persönlich-verletzend erschienen. Aber er hat andererseits belassen, was aus seiner Sicht auch zu den Anfangstagen der Weltausstellung gehörte, und das war der Streit. Wem gebührt der Glanz der ersten Tage, wem die Ehre der Gastgeberschaft, auf wen fällt der Blick der Welt? Darum ging es – und dabei fürchtete Schmalstieg, die Stadt Hannover und wohl auch er selbst werde übergangen. Eine Sorge, die er immer wieder neu genährt sah – zum Beispiel durch den Umstand, dass sich der Großteil des Rats seine Eintrittskarten für die Eröffnung selbst kaufen sollte.

Gegen Mittag, auf der Plaza: „Kinder singen, lassen Luftballons steigen. Tausende sind hier. Wir kommen kaum durch. Rau geht zum Christuspavillon, von dort wird ein Gottesdienst übertragen. Der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse liest das Evangelium, Gabriel liest auch einen Text. Ich gehe mit dem Kanzler und Cardoso zu den Emiraten, auf der Plaza stehen sie mit Kamelen und Zelten. Über die Exponale gehen wir in den Themenpark Planet of Visions. Bin begeistert, danach Fahrt zur Afrikahalle. Hier ist so ein Gedränge, dass ich zurückbleibe.

Fahrt zum brasilianischen Pavillon, Halle 21. Auch hier Trubel. Ich klinke mich aus. Fahre mit Georg Sewig, der stellvertretender Protokollchef der EXPO ist, zur Eröffnung des Pavillons der Vereinigten Arabischen Emirate. Bin pünktlich, die Scheichs erwarten mich, warten noch auf das Landeskabinett. Das kommt verspätet, dafür fast komplett. Der Pavillon ist hervorragend. Kultur, Geschichte, stellt ein Wüstendorf dar. Im Suk sind Handwerker bei der Arbeit. Echter Wüstensand, Palmen und Kamele. Eine rundum-Film-Produktion zeigt Erbe und Zukunft. Gabriel und ich erhalten Blumen, ich bin hier besonderer Ehrengast, da ich vor der Expo die Emirate besucht hatte, erhalte eine erneute Einladung.

13.00 Uhr Empfang der Expo-Gesellschaft. Wir fahren mit der Gondel. Ein herrlicher Blick auf das Gelände. Es sind wohl heute 150 000 BesucherInnen hier.

Vor dem Europahaus entscheidet Gabriel, man gehe weiter, nicht zum Empfang. Bringt das Protokoll durcheinander, verkennt, dass zum Empfang die Sponsoren aus der Wirtschaft, die Generalkommisare, die ausländischen Gäste kommen.

Doch zunächst sausen wir durch. Zum SC Germania List. Hier ist heute das Pokalendspiel Germania gegen Hannover 78. Der SC Germania List gewinnt 18:10, wird im Jubiläumsjahr Deutscher Pokalsieger. Gratulation. Die Leute haben sich gefreut, dass ich 20 Minuten dabei war.

Um 15.35 sind wir am Rathaus. 20 000 sind hier beim Jazz-Festival Swinging Hannover. 30 – 50 000 waren es insgesamt. Und die Expo-Gesellschaft wollte, dass wir das Fest verlegen!! Weltfremd.

Um 16.00 Uhr kommt der Staatspräsident der Mongolei, Nazay Bagabandi, ins Rathaus. Große Sicherheitsvorkehrungen im Rathaus. Die Lage in der Mongolei ist kompliziert. Wir sprechen über Wirtschaftsbeziehungen, über die Größe des Landes, von der Fläche, das 18.-größte Land der Erde, 10 Prozent Säuglings-, 15 Prozent Kindersterblichkeit. Gehe mit ihm auf den Balkon. Die Menschen sind fröhlich. Er denkt, die seien seinetwegen hier. Irrtum. Mike Gehrke begrüßt uns. N3 und das mongolische Fernsehen nehmen uns auf.

17.00 Uhr: Der Präsident verlässt das Rathaus, Richtung Berlin. Ich zum roten Sofa der N3-Fernsehsendung DAS.

18.30 Uhr Livesendung. Ich nutze sie für Stadtwerbung. Dann geht es in die Arena zu Thomas Gottschalk. Auch hier mussten wir intervenieren. Timi (Stadt- und Eventmanager Klaus Timaeus) sprach mit dem Intendantenbüro in Mainz. Dafür erhielten wir keine Einladung zur Bühnenparty und kamen in der Sendung nicht vor, zwar im Bild, auch beim Zuschlag der Expo am 14. Juni 1990 in Paris. Jetzt zählt Frau Breuel, obwohl sie vom 20.06.1990 bis 1998 nichts mit der Expo zu tun hatte, und Herr Gabriel.

Wir hauen nach der Sendung sofort ab. Um 23.00 Uhr sind wir zuhause, trinken noch etwas und der erste Expo-Tag von 153 ist gelaufen.“

„Es gab Nickligkeiten“, sagt Schmalstieg heute, aber das ist ein recht beschauliches Wort für das, was sich zwischen der Expo-Gesellschaft, der Stadt und dem Land abspielte. Die Eintrittspreise, die Kosten, Parkplätze, selbst die Eskorten für die Präsidenten und Könige – alles wurde Gegenstand von Vorwürfen und Indiskretionen. Was ihn noch heute am meisten ärgert, ja kränkt: Dass viele der hochrangigen Gäste laut Protokoll vom Expo-Gelände direkt zurück zum Flughafen fahren und einen Bogen um das Rathaus machen sollten. Ein Präsident in der Stadt, aber nicht am Trammplatz? Welch verpasste Gelegenheit. Manchmal gelang es Schmalstieg, den hohen Gast zu einem spontanen Abstecher zu überreden. Ein Grauen für die Protokollchefs, ein Triumph für ihn. Schmalstieg erzählt solche Geschichten im Stile eines Jungen, der sich stibitzt, was die anderen ihm zuvor geklaut hatten. Wie die Geschichte vom spanischen König. Ein Gespräch von Spanien-Fan und Staatsrepräsentant, und am Ende der beiläufige Hinweis, dass er sich doch unbedingt mal das Rathaus ansehen müsse. Fand der König dann auch. 20 Minuten blieben den Mitarbeitern, den Roten Teppich auszurollen und Juan Carlos I. einen würdigen Empfang zu bereiten. Man ahnt, dass es für Mitarbeiter im Rathaus nicht immer leicht war. Aber es waren ja auch besondere Zeiten.

 

Sonnabend, 17. Juni

„Wirklich – wir haben eine 7-Tage-Woche. 8.00 Uhr Frühstück. Heute ist es wärmer und herrliches Wetter. Ich empfange mit Breuel, Edelgard Bulmahn und Gabriel den östereichischen Bundespräsidenten. Gott sei Dank ist in seiner Delegation kein FPÖ-Minister. Von der Regierung der Minister für Wirtschaft und Arbeit, Dr. Martin Bartenstein, ÖVP.

Nach Breuel und Bulmahn spricht heute auch Gabriel, seine Spitze zum Thema Wiener Oper (Die Zauberföte wird am Abend aus Wien auf unserem Opernplatz übertragen) verstehen nur Eingeweihte. Der Wirtschaftsminister regt sich über Gabriels Hinweis auf die Arbeiteraufstände und Bruno Kreiskys Leistungen auf.

Ich besuche zwischenzeitlich den finnischen. Er ist wohl einer der schönsten Pavillons. Die finnischen Birken, das „Windnest“. Die Gestaltung eines Teils des Pavillons durch Ideen einer Schule aus der Partnerstadt Misburgs überzeugt wie die ruhende Waldlandschaft. Große Begeisterung und herzliche Aufnahme.

In Teil II der Serie lesen Sie Tagebucheinträge aus dem Juli 2000. Es geht unter anderem um den Besuch der Königin von Bhutan, die Absage von Fidel Castro, die Trauerfeier anlässlich des Concorde-Absturzes. Und um die Lebenslüge der Weltausstellung, die Expo werde nichts kosten.

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