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Schmalstiegs Expo-Tagebuch

„Sause ins Rathaus, für Jan Ullrich“

Von Thorsten Fuchs

Verärgerung über die Expo-Gesellschaft, ein Besuch im Global House und das Geheimnis der kurzen Haare - der dritte und letzte Teil der Expo-Tagebücher von Herbert Schmalstieg.
Schon wieder ein Eintrag ins Goldene Buch: Schmalstieg mit Jan Ullrich am 4. August 2000.

Schon wieder ein Eintrag ins Goldene Buch: Schmalstieg mit Jan Ullrich am 4. August 2000 (links Grischa Niermann, rechts Marcel Wüst).

© Ulrich zur Nieden

4. August 2000: „Interview für die Tischeishockey-WM. Was es alles gibt!

9.30 Uhr: Unterzeichnung eines Geburtstagsglückwunsches an die Queen-Mum, die 100 Jahre alt wird, im britischen Pavillon. Anschließend gehe ich zur EU. Der Pavillon zeigt die Entwicklung der EU seit 1960, die Zeit der 50er Jahre, die bedeutendsten europäischen Politiker, den Euro und seine Entwicklung. Die Gestaltung des Pavillons ist gut, doch von Außen gibt er keinen Reiz.

10.20 Uhr: Treffen mir der palästinensischen Behörde – wie es offiziell heißt. Arafat hat wegen der Entwicklung in Camp David kurzfristig abgesagt. Delegationsleiter ist der Minister für Wirtschaft und Handel, Maher Al-Masri. Große Herzlichkeit. Die Bundesregierung ist durch Heidi Wieczorek-Zeul, das Land durch Heidi (Merk, Schmalstiegs Ehefrau) vertreten.

Im deutschen Pavillon herrscht Expo-Geist, Land und Stadt werden nicht zur Kenntnis genommen. Beschweren uns bei Frau Breuel, sage Herrn Groth (Geschäftsführer des deutschen Pavillons) ein paar passende Worte.“

14.30 Uhr: „Ich sause ins Rathaus, um 15 Uhr Empfang für Jan Ullrich, den Zweiten der Tour de France. Kurz danach ohne großes Presseaufgebot der Besuch der Palästinenser. Ich äußere meine Sympathie für die Politik Arafats. Ich bitte auch Ben Wisch (Hans-Jürgen Wischnewski), sich einzutragen (... ins Goldene Buch der Stadt). Er ist gerührt, ist inzwischen 78 Jahre, am Gelenk operiert, muss den Rollstuhl nutzen.

Anschließend fahre ich mit Manfred Müller (SPD-Vorsitzender) um 16.45 Uhr zu Minna Hobein, der alten treuen Genossin, die in der Elkartallee ihren 100. Geburtstag feiert. Um 21 Uhr geht es zurück in die Stadt. Um 22 Uhr zur Nacht von Hannover. 60 000 Zuschauer sind beim Radrennen. Ich fahre mit Michael Beck von der Gilde eine Runde auf einem Tandem, Stimmung ist durchwachsen. Das Hauptrennen ist spannend. Jan Ullrich gewinnt knapp vor Grischa Niermann. Um 24 Uhr Siegerehrung. Dann geht es nach Hause. Trinke noch ein Glas Wein, oder zwei? Um ein Uhr geht es ins Bett.“

Und was bleibt für ihn persönlich? Freundschaften, sagt Schmalstieg. Die mit Pablo Bravo vor allem, dem Generalkommissar des spanischen Pavillons. „Egal, wo man auf der Welt hinkommt – man kann immer jemanden anrufen und fragen: haben Sie Zeit?“ Freundschaften auf der ganzen Welt – das ist das eine. Dann sind da die Sprüche. „Das Wort gehört zur Hälfte dem, der es spricht, und zur anderen Hälfte dem, der zuhört“: Die Weisheit hat er mal im Afrika-Pavillon gehört. „Seitdem habe ich dies häufig in meine Reden eingebaut.“ Sein Äußeres – auch das ist ein Expo-Erbe. Bis dahin wirkte Schmalstieg, nun ja, irgendwie ein wenig verzottelt. Aber am Tag vor der Expo ging Schmalstieg zum Friseur und sagte: „Zwei Millimeter, bitte.“ „Ist das Ihr Ernst?“ „Ja, das ist mein Ernst.“ Dann fuhr er in die Innenstadt und kaufte sich neue Hemden, Krawatten, Anzüge. „Nur mein Berater wusste Bescheid.“ Seitdem erscheint er so, wie er jetzt in seinem Büro sitzt: mit asketisch kurzem Haar, modisch und mit Mut zur Farbe, der sich heute in einer hellgrünen Krawatte zum blauen Hemd zeigt. So, wie er heute erscheint, ist Herbert Schmalstieg ein Produkt der Expo. Die Weltausstellung war der größte Triumph seiner Amtszeit, der vergangenen 40 Jahre überhaupt. Da hat er mit Hannover etwas gemeinsam.

12. September 2000: „8 Uhr Fraktionsvorstand. Schwierig. Es geht ums HCC und den Haushalt. Kann nicht vorzeitig gehen, wollte eigentlich an einer Global Dialog Konferenz im spanischen Pavillon teilnehmen. Muss bis 10.30 Uhr bleiben. Mein besonderer Freund D (...) ist wie immer stinkig. Kritisiert unangemessen unsere HCC-Entscheidung.“

10.30 Uhr: „Endlich geht es los, fahre zur Expo, besuche Pavillons. 11.00 Uhr starte ich mit Bosnien-Herzegowina in Halle 15. Anschließend Bulgarien. Natur ist das zentrale Thema des Pavillons. Ansonsten zeigt er nicht viel. 11.25 Uhr Ägypten. Sie wollen die Halle für mich absperren, lasse ich nicht zu, die Ägypter sind zufrieden.

11.45 Uhr Libyen, Libyen ist in, seitdem Gaddafi die Geiseln von den Philippinen – darunter die Deutschen, Wallert aus Göttingen – freigekauft hat. Alle Leute sind voller Bewunderung. Anschließend geht es nach Mazedonien.

12.05 Uhr Wasserwelten der Goethe-Institute. Philippinen – das passt nach Libyen. Dieser Stand ist einer der schönsten in der Halle. Mabulay – herzlich Willkommen. 12.45 Uhr Besuch beim IOC. Verabreden, dass ich am Freitag beim Fackellauf mitmache.

Letzte Station Moldova, Moldau, Moldawien.“

16.30: „Fraktionssitzung mit Vorbereitung der Ratsversammlung. Dauert nur eine Stunde. Offensichtlich haben viele etwas vor. Ich auch.“

Am Abend: „Ich fahre wieder zum Expo-Gelände. Nehme am Tag der Weltreligionen teil. Bin in letzter Minute auf der Plaza, dann beim Empfang. Diskutieren noch lange über Gabriel, der immer wieder durchsickern lässt, dass er sein Kabinett umbilden wird. Entweder soll er es machen oder die Redereien einstellen. Wie immer es ist weit nach null Uhr als wir ins Bett gehen.“

Sonnabend, 21. Oktober: „Mir geht nicht aus dem Kopf, dass der heutige Tag der angenommene Todestag meines Vaters ist. Gefallen am 21. Oktober 1944 bei Henri Chapelle.“

11.45 Uhr: „Ich bin auf der Expo. Will heute die restlichen Stände besuchen, dann habe ich alle besucht. Ich starte bei der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft. Nächste Station ist das Internationale Rote Kreuz. Zeigen ihre Friedensmissionen. Anschließend noch einmal Besuch im Global House. Letzte Station ist der DGB mit den Themen menschliche Arbeit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Hätte spannender sein können.“

13.40 Uhr: „Wir sind wir im Themenpavillon Mensch. Leider bleiben im Eingangsbereich, wo Überlebende der Shoah berichten, nur wenige stehen. Einige Zitate sind sehr schön: Lachen tötet die Furcht (Umberto Eco) oder das von Friedrich Hebbel: Der Traum ist der beste Beweis, dass wir nicht so fest in unserer Haut eingeschlossen sind, als es erscheint.

Weiter zum Themenpavillon Energie. Die verschiedenen Kraftwerksformen werden gezeigt. Die Energie-Halle kann man schnell passieren, muss ich auch, denn um 14.30 Uhr bin ich in der Preussag-Arena beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zur Musikparade der Nationen.

In Halle 13 dann die letzten Stationen. Apotheke. Nicht zur Apotheke als „Muss“, sondern es geht um die Apotheke der Zukunft. Das Postamt ist freundlich gestaltet, die Leute sind es auch.“

16.30 Uhr: „Ich verlasse das Gelände, fahre zum Grab meiner Mutter auf dem alten Ricklinger Friedhof, dann ins Rathaus.

Seit 17.00 Uhr warten dort Timi (Klaus Timaeus, Stadt-und Eventmanager), Wolfgang B. und Dietmar A. auf mich, will mit ihnen über das HCC sprechen. Sieht nicht gut aus. Verpachten wir das ganze Haus? Gründen wir eine Besitzgesellschaft und finden wir jemanden für den Betrieb, einen Konzertveranstalter oder eine Gastronomiekette? Fragen über Fragen.

Endlich ein Samstagabend gemeinsam zu Hause, essen etwas, sprechen über unsere Pläne in Spanien. Lassen den Tag noch einmal Revue passieren. Um 23.30 Uhr ist der Tag für uns beendet.“

Herbert Schmalstieg klappt das Buch zu. Sechs Ausschnitte, so war es vereinbart. Er hat manches gestrichen. Passagen, die aus seiner Sicht zu verletzend sind. Der Schmalstieg in den Tagebüchern ist ein anderer als der, den man von den öffentlichen Auftritten kennt. Kämpferischer, direkter, natürlich persönlicher.

Aber die Frage, was er von all dem frei gibt, was die Öffentlichkeit einmal wird lesen können, wird wiederkommen. Es ist unaufgeräumt in seinem Büro, und weil er trotz des sonnigen Tages die ganze Zeit über die Jalousien geschlossen gehalten hat, wirkt es wie ein Lagerkeller.

Schmalstieg erwartet den Direktor des Historischen Museums, dem er einiges übergeben will für seine Sammlung. Persönliche Stücke, Erinnerungen, Geschenke, wie die Grubenlampe, die ihm die Stadtentwässerer überreicht haben, als er vor 30 Jahren mal durch ein Abwasserrohr robbte, das, so schwört er, nicht mehr als 60 Zentimeter im Durchmesser hatte. Auch die Tagebücher wird er eines Tages an das Museum übergeben, und dann werden auch jene Details zu lesen sein, die ihm jetzt noch zu nah an der Gegenwart erschienen, alle noch persönlicheren, auch verletzenden Wertungen, die er jetzt lieber gestrichen hat. Es wird ein Stück Zeitgeschichte sein, das ist ganz sicher – über die längste Oberbürgermeister-Amtszeit der hannoverschen Geschichte, und ein wenig auch über die Expo.

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  • L-Sammlung Sascha Aust | HAZ.de – 16.06.10
    @ auchich: Danke, auf Ihre L-Sammlung kommen wir im Fall der Fälle dann gern noch einmal zurück ;-)
  • Nur so aus Spaß auchich – 16.06.10
    zum L-Defizit: Ich habe schon befürchtet, die e"l"s würden für den zukünftigen Bundespräsidenten benötigt werden. Sollte der Vorrat einmal aufgebraucht sein, ich habe noch eine ganze Sammlung und spende sie gern.
  • L-Defizit Sascha Aust | HAZ.de – 16.06.10
    @ auchich: Vielen Dank für den Hinweis, wir haben das L-Defizit ausgeglichen, jetzt sollte es der richtige Jan Ullrich sein.
  • Jan Ulrich auchich – 16.06.10
    oder Jan Ullrich, welcher ist gemeint? Auf dem Foto ist Jan Ullrich zu sehen!!!
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