Schon nach ein paar Sekunden hat man alles hinter sich gelassen. Die Festplatzmenschen werden klein, der Rummelgeruch wird vom frischen Wind verweht, der hier in Böen bläst, und eine seltsame Stille herrscht hier oben auch. Wie ein olympischer Gott überblickt man von der Gondel des Riesenrades aus das Schützenfest. Man entdeckt die Wohnwagen der Schausteller hinter den glitzernden Fassaden. Wie ein langer Teppich liegt der Maschsee da, neben der AWD-Arena, die wie eine Suppenschüssel ausschaut. Rathaus, Marktkirche, Nord/LB – viel Vertrautes zeigt sich hier aus einer ganz neuen Perspektive. Marlies Rosenzweig stützt sich auf die Gondel und blickt hinunter auf den Platz: „Genau an dieser Stelle hat unser Riesenrad auch seine Premiere gefeiert“, sagt sie. „Genau 30 Jahre ist das jetzt her.“
Schon als Schulkind kam die Schaustellertochter mit ihren Eltern hierher, zum hannoverschen Schützenfest. Vor etwa 50 Jahren war das, und seither war sie bei jedem Fest dabei. Ihr Vater, der technisch talentierte Tüftler Adolf Steiger, hatte nach dem Krieg sein erstes Riesenrad aus Holz gebaut. Ein späteres Modell, mit dem die Steigers über die Festplätze zogen, war 26 Meter hoch, und in den Siebzigern war die Familie mit einem 40-Meter-Rad unterwegs. „Wir schafften etwa alle zehn Jahre ein neues an“, sagt Marlies Rosenzweig.
Bis Adolf Steiger 1980 ein Stück Schützenfestgeschichte schrieb: Er baute das größte mobile Riesenrad der Welt auf. Ein Koloss, 450 Tonnen schwer und genau 60,01 Meter hoch. Man braucht 32 Lastwagen, um die Konstruktion zu transportieren. Seitdem ist der mobile Koloss auf Hannovers Schützenplatz im Wortsinne eine feste Größe. Und die Betreiberfamilie musste das Riesenrad nicht mehr immer wieder neu erfinden: In einer Zeit, in der technische Innovationen einander in einem immer schneller werdenden Wettlauf gegenseitig abhängen, ernährt die mittlerweile dreißig Jahre alte Konstruktion die Familie jetzt in der dritten Generation. Denn inzwischen führt Marlies Rosenzweigs Sohn Theo die Geschäfte
Technisch begann mit der Weltpremiere in Hannover 1980 eine neue Ära im Riesenradbau: „Die Gondeln sitzen außen, so blicken die Fahrgäste nicht auf die Stahlkonstruktion“, sagt Marlies Rosenzweig. Die Transportcontainer werden beim Aufbau gleich als Fundament verwendet. „Manchmal machen sich Mitbewerber größer, als sie tatsächlich sind“, sagt Theo Rosenzweig, „doch unseren Rekord halten wir bis heute.“ Noch größere Modelle wird es auf absehbare Zeit wohl nicht geben – sie wären im Transport so teuer, dass sie das Geld kaum wieder einspielen könnten. Auch die Rosenzweigs bauen ihr Rad mittlerweile nur noch auf wenigen Festplätzen auf: „Hamburg, Oldenburg, Bremen, Berlin“, zählt Marlies Rosenzweig an den Fingern auf – „und natürlich Hannover.“ Die Festplätze von Mannheim und Karlsruhe steuert die Familie inzwischen nicht mehr an – aus Kostengründen.
Die Schaustellerin kann viele Geschichten von ihrem Riesenrad erzählen: Von Rentnern, die sich eine Tageskarte kaufen und in den Gondeln ein ausgedehntes Picknick veranstalten. Oder von dem jungen Mann, der eine Gondel von Floristen schmücken ließ, um dann seiner Liebsten hoch über den Dächern der Stadt einen Heiratsantrag zu machen. „So ein Riesenrad ist für die ganze Familie etwas. Wir bieten ein Gemeinschaftserlebnis – darum haben wir Bestand“, sagt sie.
Pünktlich zum dreißigsten Geburtstag haben die Rosenzweigs das Rad jetzt runderneuert, für insgesamt rund 300 000 Euro. Rollstuhlgerecht ist es geworden, und die ehemals bunten Gondeln sind jetzt weiß. Von diesem hellen Hintergrund heben sich rote Silhouetten verschiedener Städte ab – natürlich ist auch Hannover dabei. „Rund 15 000 Glühbirnen haben wir durch 250 000 LED-Leuchten ersetzt“, sagt Marlies Rosenzweig. Dadurch lassen sich Millionen Farbkombinationen schalten: „Nachts sieht das Rad jetzt aus wie ein richtiges Feuerwerk“, sagt sie. Und so erstrahlt das heimliche Wahrzeichen des Schützenfests vor dem abendlichen Festplatzhimmel im neuen Glanz.
Simon Benne
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