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Sprecherkabinenbesuch

Die Stimmen des Schützenfestes

Von Julia Sellner

Mal gruselig, mal lustig, mal rasend schnell, mal in die Länge gezogen: Das Schützenfest in Hannover redet mit vielen Stimmen. Ein Besuch in einer Sprecherkabine.
Arbeitsplatz Sprecherkabine: Siegfried Hainlein am Mischpult des "Break Dance".

Arbeitsplatz Sprecherkabine: Siegfried Hainlein am Mischpult des "Break Dance".

© Peter Pyrcek

Die Gondeln des „Break Dance“ drehen sich in der Sonne. Bässe wummern, Haare wehen im Fahrtwind. „Jetzt geht’s aber noch mal richtig rund – volle Pulleee, Yipieehh, Uaha, Uaha“, hallt es aus den Lautsprechern – und in den Sitzen beginnen die einen zu jauchzen, die anderen langsam weiß um die Nase auszusehen. „Ein bisschen können die noch“, sagt Siegfried Hainlein, den Blick auf die rotierende Scheibe mit den tanzenden Gondeln gerichtet. Dann zieht er das Mikrofon zu sich heran und ruft mit typischer, leicht gepresster Schaustellerstimme: „Endspuuurt!“ Mit einem Knopfdruck am Echogerät zieht der Inhaber des „Break Dance“ seine Worte in die Länge, lässt sie widerhallen – und gibt dem Schützenfest so eine Stimme.

Hainleins Job ist das Reden, das Stimmungmachen, das Anheizen. Sein Arbeitsplatz ist die kleine Sprecherkabine auf der Plattform des „Break Dance“. Zwei Stühle haben darin Platz, ein Pult, mit dem Hainlein auch sein Fahrgeschäft steuert. An den Wänden hängt eine Pinnwand mit Fotos und einem Lebkuchenherz. „Das ist von Leuten, die sich für die schöne Fahrt bedanken wollten“, erzählt der 48-jährige Berliner. Er sei Schausteller in der fünften Generation – und ihm bereite es Freude, Menschen mit seinen Sprüchen zu unterhalten. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich mit zwölf Jahren das erste Mal im Fahrgeschäft meiner Eltern ins Mikro gesprochen habe – da war ich ziemlich nervös“, erzählt Hainlein.

Seitdem sind 36 Jahre vergangen, Hainlein hat Routine bekommen – und natürlich ein paar Standardsprüche parat. „Aber meistens schaue ich mir die Menschen an und entscheide dann spontan, was ich während der Fahrt erzähle.“ Den einen oder anderen könne man schon ganz gut auf die Schippe nehmen, erzählt Hainlein. Nur unter die Gürtellinie dürfe es niemals gehen. „Da hört der Spaß auf.“

Auch in der Sprecherkabine der „Großen Geisterbahn“ kennt man diesen schmalen Grat zwischen Schenkelklopfer-Humor und Geschmacklosigkeit. Dort kommen die schaurigen Sprüche überwiegend vom Tonband. Schauspielerstimmen hauchen den Besuchern Botschaften wie „Wir sehen uns in der Hölle“ oder „Ha, jetzt habe ich dich“ ins Ohr. „Bevor wir die Tonbänder kaufen, bekommen wir Demotapes und manchmal sagen wir auch: Das ist uns zu heftig“, erzählt Geisterbahnbetreiberin Maryline Schütze. Sie kommt aus einer alten Schaustellerfamilie, hat in die Geisterbahnbranche jedoch eingeheiratet – und liebt es, mit ihrer Stimme und ihren Ansagen die Besucher in ihr Fahrgeschäft zu holen.

„Als Schaustellerkind will man eben immer ans Mikrofon. Da muss man auch nichts auswendig lernen, das kommt von selbst“, sagt Schütze und beginnt zu sprechen. „Jetzt dabei sein. Der Gruselspaß für die ganze Familie. Erleben Sie Hexen, Monster, Gespenster“, hallt es kurze Zeit später über den Schützenplatz. Ein paar Meter entfernt, am „Hau-den-Lukas-Stand“, ist schon von Weitem die raue Stimme von Werner Steinröder zu hören. „So meine Herren, die Kalorien von der Bratwurst müssen abtrainiert werden – machen Sie den Quatsch doch einfach mal mit“, ruft er den flanierenden Besuchern zu.

Als Karnevalist locke er die Menschen vor allem mit Humor an seinen Stand. „Entbehrlich ist hier schließlich alles, da muss man sich schon was einfallen lassen“, sagt der 65-Jährige und drückt einem kleinen Mädchen den Hammer in die Hand. „So junge Dame, gib alles“, sagt Steinröder – und wird ebenso wie Hainlein und Schütze noch Stunden weiterreden.

Doch wenn um Mitternacht die Stimmen des Schützenfestes verstummen, dann werden sie die Stille in ihren Wohnwagen genießen, schweigend einen Film schauen oder ein Buch lesen. „Nur Horror kommt nicht infrage“, sagt Schütze. „Davon habe ich den ganzen Tag schließlich schon genug.“

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