Um 3 Uhr morgens sieht die Tanzfläche des „Alt Hanovera“-Zeltes aus wie ein Schlachtfeld. Zwischen kaputten Biergläsern und zusammengebrochenen Tischen tanzen Hunderte in Bierlachen zu Klaus Lages „1000 und 1 Nacht“. Sie liegen sich teils stark angetrunken in den verschwitzten Armen, einige küssen sich innig, andere versuchen sich auf den Beinen zu halten. Als es im Refrain heißt: „1000 Mal berührt / 1000 Mal ist nichts passiert / 1000 und eine Nacht“ zieht der DJ plötzlich die Lautstärkeregler runter – und alle Verliebten und Volltrunkenen proben den Chorgesang: „Und es hat ,Zoom’ gemacht!“. Es ist schon erstaunlich: Alkohol lässt sämtliche Tischmanieren vergessen, aber keine Schlagertexte im Schützenfestzelt.
Es sind aber genau diese Momente, die Arne Donak Gänsehaut bereiten. Der 38-Jährige ist der DJ im Zelt mit den gleich sieben Diskokugeln und hat am Partydienstag schon die fünfte Nacht am Pult hinter sich. Trotzdem sieht er frisch aus, als er an seiner Mischung aus Wodka und Orangensaft nippt. „Meine Schlafmaske ist mein Allheilmittel“, sagt der Vermessungstechniker und grinst dabei zwischen seinen zwei Ohrringen. Derzeit schläft er zwischen 6 und 11 Uhr und noch einmal zwischen 14 und 16 Uhr. Das reicht. Müdigkeit spürt er nicht. Während erste Gäste am Tisch einnicken, kennt Donak keinen toten Punkt. Er ist Profi. Es ist sein siebtes Schützenfest als DJ.
Dabei weiß er genau, was von ihm verlangt wird. „Es ist ein Schlagerzelt und daran darf man nichts ändern“, sagt Donak. Die Gäste seien da empfindlich. Ab und zu ein WM-Hit, aber keine grundsätzliche Stilveränderung. „Wenn den Leuten aber langsam der Schlager aus dem Gesicht fällt, lege ich auch einen House-Song auf, dann werden sie wieder wach“, sagt der ehemalige Handballer.
Um 3 Uhr morgens feiern die Gäste bereits seit zehn Stunden zu Wencke Myhre, Roland Kaiser und Lotto King Karl und singen: „Ich glaub, es geht schon wieder los“ und „Hey, das geht ab“.
Und es geht ab: Freundschaftlich schieben sich die 1500 Gäste bei Saunatemperaturen durch die Festhalle, einige versuchen bei stampfenden Bässen zu telefonieren, andere brüllend zu flirten. „Es ist immer derselbe Ablauf“, erklärt Donak. Mit Blickkontakt gehe es los, dann singt man die gleichen Lieder mit und dann geht man an die Bar. „Und irgendwann stecken sie sich dann die Zunge in den Hals“, sagt Donak lachend. Er selbst hat oft genug Angebote bekommen, aber das lenke einfach zu sehr von der Arbeit ab. Außerdem ist der 38-Jährige verheiratet.
Auch um solchen Angeboten aus dem Weg zu gehen, ist der Arbeitsplatz von Donak geheim. Zumindest sollen nicht alle Besucher des „Alt Hanovera“-Zelt wissen, wo genau die DJs auflegen. Donak hat seine fünf CD-Koffer ganz in der Nähe des Tresens aufgebaut, soviel darf verraten werden. Und er möchte sich so von allzu viel Liederwünschen schützen. „Die Leute können ganz schön sauer werden, wenn man nicht gleich ihren Schlager spielt – auch wenn der eigentlich gerade schon lief“, sagt Donak.
Der Mann für die richtige Stimmung teilt sich den Auftrag mit seinem Kollegen DJ Simon. Sie wechseln sich ab, mal stündlich, mal Lied für Lied. Ping-Pong nennen sie das. „Außerdem kann ich so mal raus“, sagt Donak. Ihm ist es nämlich auch schon passiert, dass während eines Toilettengangs die Musik plötzlich ausging. „Das geht gar nicht“, sagt Donak.
In der Pause setzt er sich dann vor das Zelt auf einen Klappstuhl, raucht eine Zigarette und plant die nächsten Stücke. Es ist einer der wenigen ruhigen Momenten in seiner Zwölf-Stunden-Schicht für 220 Euro. Ein Moment, in dem er über die immer gleiche Musik nachdenkt. „Manchmal spiele ich TV-Musikschnipsel von Miss Marple oder Colt Seavers als kleinen Bruch“, erklärt Donak. Dann erlaubt er sich auch Jan Delay, Fettes Brot oder seine geliebte House-Musik. Nur doppelt sollte kein Lied gespielt werden. Und animierend rumbrüllen will er auch nicht. „Bei uns gibt es kein Zicke-Zacke!“, sagt Donak. Das sollen andere machen. Es gehe um Musik – und unvergessliche Partystimmung, für die er auch seinen Urlaub opfert: „Für mich ist das doch Urlaub!“
Um 5.30 Uhr macht Donak Feierabend. „Der Körper holt sich was er braucht“, sagt er. Mit der letzten Zigarette falle man förmlich zusammen. Darum hilft nach dem letzten Lied – traditionell „Gute Nacht Freunde“ von Reinhard Mey – nur noch das Bett. Denn morgen geht’s schon wieder los, dank Schlafmaske.
Jan Sedelies
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