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Boehringer: Streit um ein Tierlabor Boehringer-Gelände besetzt
Hannover Themen Boehringer: Streit um ein Tierlabor Boehringer-Gelände besetzt
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15:04 23.07.2009
Besuch von der Polizei: Die Demonstranten diskutieren auf dem besetzten Grundstück mit den Einsatzkräften – dabei bleibt der Ton stets friedlich. Quelle: Michael Thomas

Die Studenten, Schüler und andere junge Leute planen nach eigenen Angaben einen „gewaltfreien Protest“ gegen Versuchstierställe und Impfstofflabore. Gleichwohl rückte am Nachmittag die Polizei mit zwei Bereitschaftszügen und rund 80 Einsatzkräften an, um eine Räumung des Geländes vorzubereiten. Dazu kam es aber nicht: Weil Boehringer und die Stadt sich nach Polizeiangaben gegen diesen Schritt entschieden, zogen die Beamten nach vier Stunden wieder ab.

Am Donnerstag haben Schüler und Studenten das Boehringer-Gelände in Bemerode besetzt.

Die Protestierenden sind unabhängig von der „Bürgerinitiative (BI) gegen Massentierversuche in Wohngebieten“ aktiv geworden, in der sich Anwohner zusammengeschlossen haben – mit dem Ziel, die Anlage durch Klagen zu verhindern. Die jungen Demonstranten bezeichnen sich als „keiner Gruppierung zugehörig“ und setzen auf „zivilen Ungehorsam“. Alle bisherigen Proteste gegen Boehringer hätten nichts gebracht, sagte die 24-jährige Lara Kempel aus Linden, die als Sprecherin auftritt. Nach ihrer Darstellung kommen sie und ihre Mitstreiter aus der Region Hannover „und anderen deutschen Städten“. Man habe sich auf Protestveranstaltungen gegen Tierversuche und Massentierhaltung, aber auch gegen Atomkraftwerke oder Umweltverschmutzung kennengelernt. Die Besetzung haben die Protestler offenbar seit Monaten geplant. Auf der Brachfläche haben sie ein Zeltlager samt Kochgelegenheit und Plumpsklo errichtet und Transparente aufgehängt.

Am Donnerstag kam es zeitgleich mit dem Polizeieinsatz zu einer Begegnung mit der Boehringer-Bürgerinitiative. Die Jungaktivisten hatten die Kirchröder aufgefordert, sie mit Wasser und Lebensmitteln zu unterstützen. Etwa ein Dutzend der Anwohner war erschienen. Letztlich habe man trotz einer anderen Form des Protestes gemeinsame Ziele, sagte BI-Sprecher Klaus Neudahm. Er bezeichnete das Polizeiaufgebot, zu dem ein Räumfahrzeug und ein Gefängnistransporter gehörte, als „völlig unverhältnismäßig“.

Boehringer-Sprecherin Heidrun Thoma sagte, man habe einen Eingriff in das Ermessen der Polizei gestellt. Da sich die Demonstranten offenbar als „friedlich“ herausgestellt hätten, habe man von einer Räumung des Geländes abgesehen. Stadtsprecher Dieter Sagolla verwies auf den Grundstückseigner Boehringer. Nach Angaben der Polizei sind bis zum Eintrag Boehringers in das Grundbuch jedoch sowohl das Unternehmen wie die Stadt befugt, auf dem Gelände ein Hausrecht auszuüben. Sollte es dort zu einem Unfall kommen, seien beide mit in der Haftung. Nach einer Räumung müsste künftig womöglich ein Wachdienst nach dem Rechten sehen, was Kosten verursachen würde.

Die Stadtpolitiker äußerten sich zurückhaltend. Vertreter von SPD und CDU meinten, es handle sich um eine „legitime Aktion“. Die Grünen wollen den Freiluft-Demonstranten bald einen Besuch abstatten.

Die Geschichte des Protests

Der Protest gegen Boehringer organisierte sich kurz nach Bekanntwerden der Konzernpläne, ein Tierimpfstoffzentrum in der Nähe eines Wohngebiets in Kirchrode zu bauen. Schon bei der ersten öffentlichen Veranstaltung von Stadt und Konzern wurde scharfer Protest von Anwohnern und Tierschützern laut. Entsprechend heterogen ist der Widerstand: Radikale Gegner von Tierversuchen – spektakulären Aktionen nicht abgeneigt – stehen mitunter auf einer Seite mit gut situierten Kirchrödern. Viele von ihnen wurden Mitglied in der „Bürgerinitiative gegen Massentierversuche in Wohngebieten“. Auf deren angekündigte Klagen gegen das Forschungszentrum hoffen inzwischen auch viele Bürger, die nicht organisiert sind. In der Kirchröder Jakobigemeinde kam es zu langwierigen Konflikten, weil der Vorstand sein Grundstück an Boehringer verkauft hatte.

Die Ratsversammlung zeigt sich von Protesten unbeeindruckt. Mit überwältigender Mehrheit stimmten SPD, CDU, Grüne und FDP für die Ansiedlung. In aktuellen Beteiligungsverfahren haben rund 1000 Bürger Einwände gegen das Forschungszentrum vorgebracht. Über sie entscheidet der Rat im Herbst. Gegen die dann gültigen Bau- und Flächennutzungspläne sind Klagen möglich.

von Juliane Kaune und Gunnar Menkens

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