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Boehringer verspricht ein Restrisiko von 0,005 Prozent

Baugenehmigung erteilt Boehringer verspricht ein Restrisiko von 0,005 Prozent

Die Abluft geht durch Spezialfilter. Tierkadaver kommen in die Hydrolyse, medizinsches Material landet in Autoklaven, auch das Abwasser wird sterilisiert: Die Genehmigung für die Boehringer-Anlage soll alle Störfälle ausschließen helfen.

Sicherheitsschleusen zwischen Laboratorien und Büros, Spezialfilter zur Außenluft, Sterilisatoren für Tierkadaver und Abfälle, sogar das Abwasser wird einer Sonderreinigung unterzogen: Das Europäische Forschungszentrum für Tierimpfstoffe, das der Pharmabetrieb Boehringer am Rande Kirchrodes bauen will, soll ein Hochsicherheitstrakt für Keime werden. Monatelang haben die Fachleute im Gewerbeaufsichtsamt über der Genehmigung gebrütet, haben Expertisen schreiben lassen, Gutachter beauftragt und Fachfragen mit der Zentralen Kommission für Biologische Sicherheit erörtert. Herausgekommen sind dicke Genehmigungsakten, die höchstmögliche Sicherheit gewährleisten sollen. Ungewöhnlich sei das, was in Kirchrode gebaut werden soll, technisch nicht, sagt Gewerbeaufsichtsmitarbeiter Uwe Licht-Klagge: „Die Risikosicherheitsstufen sind vergleichbar mit denen in Laboratorien von Tierärztlicher Hochschule oder MHH.“ Nur die Größenordnung sei in Deutschland für eine gentechnische Versuchsanlage neu. „Das ist schon ein echtes Leuchtturmprojekt.“

Genehmigt sind jetzt – vorbehaltlich möglicher Einsprüche und Klagen – drei in sich abgeschlossene Gebäudekomplexe. Es gibt einen Bürotrakt, der genehmigungsrechtlich völlig unproblematisch ist, sowie den Labor- und den Tierhaltungstrakt. Die beiden letzteren sind hermetisch abgeriegelt. „Nichts darf da raus, ohne sterilisiert zu sein“, sagt Licht-Klagge. Worüber er nicht so gerne spricht, ist, dass auch nichts unkontrolliert hineindarf. „Es sind umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen eingeplant, damit keine Unbefugten diese Gebäude betreten können“, sagt er nur. Einige davon werden zu sehen sein wie der Zaun oder Videoanlagen, andere nicht. Doch darüber wird nicht geredet – zu groß ist die Sorge, dass jemand Chaos anrichten und so doch noch die Sicherheit der Anwohner gefährden könnte.

Für die Abluftanlagen, die im Bereich der Tierställe auch zur Klimatisierung genutzt werden, hat die Gewerbeaufsicht sogenannte HEPA-Filter angeordnet. Die haben nichts mit den gängigen, oft nach ihnen benannten Staubsaugerfiltern zu tun. Es handelt sich um spezielle Schwebstofffilter, die für Operationssäle, technische Reinräume oder Atomanlagen produziert werden. 17 Filter-Effizienzklassen gibt es. Die Gewerbeaufsicht hat die Klasse H 13 als Mindeststandard vorgeschrieben, Boehringer hat freiwillig H 14 zugesagt. Damit liegt der sogenannte Abscheidegrad für Partikel bei 99,995 Prozent.

Alle Genehmigungen basieren auf der von Boehringer beantragten Recheneinheit von 100 Großvieheinheiten – das entspricht zum Beispiel 500 ausgewachsenen Mastschweinen. Je kleiner die Tierkörper, desto größer darf die Zahl sein. Die häufig kommunizierte Zahl von bis zu 1000 Tieren würde also extrem kleine Ferkel erfordern und dürfte in der Praxis nicht zu erreichen sein. Beantragt sind Schweine- und Rinderhaltung, zunächst werden aber nur Impfstoffe für Schweine entwickelt und getestet.

Mehr als 100.000 Kubikmeter Abluft pro Stunde muss die Filterkapazität der Anlagen bewältigen können. Doch damit nicht genug. Etwa 75 Kubikmeter Abwasser pro Tag dürfen das Gebäude nach der Sterilisation in Richtung Kanalisation verlassen. Für die Tierkadaver ist die Sterilisation in einer alkalischen Hydrolyse angeordnet, die Reste gehen per Lkw in eine Tierkörperbeseitigungsanlage. Boehringer hat die Bescheinigung eines Entsorgers eingereicht, der bis zu 25 Tonnen pro Woche abnimmt – so viel werde aber voraussichtlich nie anfallen, heißt es bei der Aufsicht. Alle medizinischen Artikel wie Spritzen, Handschuhe, aber auch Futterreste oder Stroh müssen zunächst einen Autoklaven passieren, einen Dampfsterilisator, bevor sie das Gelände verlassen dürfen.

Beim Abluftschlot wollte das Gewerbeaufsichtsamt auf Nummer sicher gehen. 14,5 Meter hätten laut Gutachter gereicht, Boehringer muss nun aber 19 Meter hoch bauen. Keine Kompromisse soll es auch beim Lärm geben. Nachts sei schlicht keine Anlieferung möglich, sagt Licht-Klagge: „Auf dem Gelände der benachbarten Lebenshilfe dürfen nachts nur 40 dB(A) ankommen – das ist nicht einzuhalten, wenn ein Lastwagen fährt.“

Wahrscheinlich werde der Neubau sogar positive Effekte haben, weil er Lärm von der Bahntrasse abschirmt. Die Lärmwerte werden maximale drei Monate nach Inbetriebnahme durch einen Experten überprüft, der nicht identisch sein darf mit dem Lärmgutachterbüro. Beim Geruch gibt es bis zu zwei Jahre Zeit. „Wir müssen warten, bis die Anlage im Regelbetrieb läuft und die Ställe gefüllt sind“, sagt Licht-Klagge. Für Boehringer gelte aber wie für jeden anderen Betrieb: „Wenn Anwohner meinen, dass es riecht, sollen sie uns informieren – wir versuchen dann, sofort zu kommen, und prüfen den Vorgang.“

Boehringer hat am Mittwoch angekündigt, die Auflagen zu akzeptieren. „Wir freuen uns sehr darüber, dass wir nach erteilter Baugenehmigung nun mit den Bauarbeiten beginnen können“, sagt Sprecherin Heidrun Thoma: Die beteiligten Behörden hätten „sehr professionell geprüft und die Genehmigung zügig vorangetrieben.

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