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MHH-Experte: „Wir alle profitieren“

1. April 2008 MHH-Experte: „Wir alle profitieren“

Prof. Christopher Baum, Forschungsdekan der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), im Interview zu den Plänen von Boehringer...

Die Pharmafirma Boehringer Ingelheim plant in Hannover ein europäisches Forschungszentrum für Tierimpfstoffe, wo auch Tierversuche an Schweinen stattfinden sollen. Ist solch eine Einrichtung aus wissenschaftlicher Sicht zeitgemäß?

Ja, unbedingt. Die Impfstoffforschung und -entwicklung ist ein wichtiges Gebiet für Medizin und Tiermedizin. Dabei geht es nicht nur um die Eindämmung von Infektionskrankheiten oder Tierseuchen, sondern auch um die Verhinderung von Allergien und Krebs. Man sollte sich vor Augen halten, dass Impfstoffe einen der größten Erfolge in der Medizin darstellen. Sie sind auch für die Landwirtschaft wichtig. So mussten in den vergangenen Jahren zahlreiche Schweine getötet werden, wenn auf einem Hof die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen war – weil es keine sichere Impfmöglichkeit für die gesunden Tiere gibt.

Kommt die Forschung inzwischen nicht auch ohne Tierversuche aus? Schließlich wird seit Jahren an Alternativen geforscht.

Das ist richtig. Tierversuche werden in Deutschland nur noch eingesetzt, wenn es unumgänglich ist. Sonst greifen wir Wissenschaftler auf Ersatzmethoden wie Zellkulturen zurück. Eine Statistik der Deutschen Forschungsgemeinschaft dass die Zahl der Tierversuche seit den neunziger Jahren stark zurückgegangen ist. Mir liegen Zahlen aus 2002 vor, nach denen in Deutschland zwei Millionen Versuchstiere für die Forschung genutzt wurden. Dabei stellten Mäuse den größten Teil, größere Tiere wie Schweine oder Rinder waren kaum vertreten.

Und ganz ohne Schweine geht es nicht?

Bei der in Hannover geplanten Impfstoffforschung jedenfalls nicht, weil es dabei darum geht, wie Viruserkrankungen bei Schweinen an der Ausbreitung gehindert werden können. Dazu muss man sich die natürlichen Übertragungswege ansehen – das geht nicht in der Zellkultur. Entscheidend ist, dass bei Tierversuchen möglichst wenig Tiere leiden sollen. Diese Forderung ist auch im deutschen Tierschutzgesetz verankert, das sicherlich weltweit eines der besten ist. Das ist auch ein Grund dafür, warum man solche Versuche in Deutschland durchführen sollte, wo es strenge Auflagen gibt.

Trotzdem bleiben bei den Anwohnern Vorbehalte bestehen ...

Das ist verständlich. Allerdings beruhen die meisten Ängste auf einer Unkenntnis der tatsächlichen Vorgänge. Daher sollte alles getan werden, um die Bürger zu informieren und ihre Ängste auszuräumen. Tatsächlich sind die gesetzlichen Regelungen in Deutschland so effektiv, dass man nicht davon ausgehen muss, dass Menschen gefährdet werden könnten.

Was ist bei einem Störfall wie einem Brand?

Die Laborschutzbestimmungen sind sehr umfassend. Ein Störfall kann daher eigentlich nur bei grob fahrlässigem Verhalten oder einer externen Katastrophe eintreten. Eine mutwillige Freisetzung von Erregern ist in Deutschland meines Wissens seit dem Zweitem Weltkrieg nicht bekannt geworden. Zudem geht es vor allem um Tierseuchen, die den Menschen nicht direkt infizieren.

Und wenn Boehringer die Forschung auf andere Viren wie die Vogelgrippe ausweitet?

Jedes neue Virus, muss neu bewilligt werden. Bei Zuwiderhandlungen würde die Anlage sofort geschlossen. Für Arbeiten mit Erregern wie dem Vogelgrippevirus, das auch auf den Menschen übergehen kann, müssten auch die Sicherheitsanforderungen erhöht werden.

Alles ist das Zentrum also sinnvoll?

Ja, und ich denke, die Bürger können in die gesetzlichen Regelungen vertrauen. Zudem profitieren wir alle von der Forschung, weil sie sich der Gesundheit von Tieren widmet, aus denen Lebensmittel gewonnen werden.

Interview: Nicola Zellmer

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