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Boehringer

Spannung vor Urteil zum Tierimpfstoffzentrum in Hannover

Von Conrad von Meding

In Lüneburg wird am Mittwoch die Normenkontrollklage gegen die umstrittene Ansiedlung des Boehringer-Forschungszentrums für Tierimpfstoffe am Rande Kirchrodes verhandelt. Die Ansiedlungsgegner setzen große Hoffnungen in den Urteilsspruch des Oberverwaltungsgerichts.
Der Bau wächst ungeachtet der Prozesse heran: Beim Stall für bis zu 1000 Versuchstiere wird derzeit die Decke eingeschalt.

Der Bau wächst ungeachtet der Prozesse heran: Beim Stall für bis zu 1000 Versuchstiere wird derzeit die Decke eingeschalt.

© Michael Thomas

Sie fordern, dass ein mögliches Gesundheitsrisiko durch die Anlage nicht nur minimiert, sondern ausgeschlossen wird. Beide Seiten haben sich auf einen langen und anstrengenden Verhandlungstag eingestellt. Das Urteil wird erst für den Spätnachmittag erwartet.

Kläger sind zwei Anwohner aus der Nachbarschaft, die von der „Bürgerinitiative gegen Tierversuche in Wohngebieten“ (BI) unterstützt werden. Im Vorfeld hatte es zuletzt noch etwas internen Ärger gegeben: Mehrere BI-Mitglieder hatten Versuche der Kläger torpediert, im vorgeschalteten Mediationsverfahren eine gütliche Einigung mit dem Pharmakonzern Boehringer Ingelheim zu erzielen. „Es gibt wie in jeder Initiative Realos und Fundamentalisten“, sagt Klägeranwalt Eckhard David. Die Fundamentalisten, die grundsätzlich gegen Tierversuche seien und damit jegliche Einigung mit Boehringer für undenkbar halten, seien aber in der BI eher die Minderheit: „Ich denke, die Mehrheit steht hinter uns.“

Trotzdem ist die Mediation gescheitert. Boehringer soll dem Vernehmen nach angeboten haben, die Filteranlagen noch einmal zu verbessern. Das Gewerbeaufsichtsamt hatte zuvor die Genehmigung mit sogenannten Hepa-14-Filtern erteilt, speziellen Schwebstofffiltern, die nach Angaben des zuständigen Behördenmitarbeiters Uwe Licht-Klagge einen Partikel-Abscheidegrad von 99,995 Prozent garantieren. Die hohe Zahl soll Zuverlässigkeit vermitteln – in der Initiative hält man das aber für vorgegaukelte Sicherheit.

„Die Prozentangabe basiert auf der Grundlage aller Partikel, sogar sichtbaren wie Staubpartikeln“, sagt Anwalt David. Lege man aber nur die gefährlichen Aerosole zugrunde, gesundheitsgefährliche Kleinstpartikel wie Viren und gentechnisch veränderte Stoffe, dann böten die Filter nur eine Sicherheit von 67 Prozent. Der Verwaltungsrechtler vergleicht die Filtertechnik mit einem Tennisnetz: „Wenn die Maschen im Netz größer als der Ball sind, dann wird das Netz zwar einige Bälle abfangen, die zufällig gegen eine Schnur kommen, aber längst nicht alle.“ Offenbar hat Boehringer im Mediationsverfahren angeboten, weitere Filter hinter die bislang vorgeschriebenen zu setzen. „Das ist so, als würde ich zwei Tennisnetze mit zu großen Maschen hintereinanderstellen“, sagt David: „Ich erhöhe zwar die Wahrscheinlichkeit, dass Bälle aufgefangen werden – aber ich kann auch damit keine absolute Sicherheit garantieren.“

Nach HAZ-Informationen fordert die Initiative, dass Boehringer neue Wege beim Sicherheitskonzept geht. Vorgeschlagen wurde offenbar die sogenannte Pyrolyse, eine thermochemische Spaltung organischer Verbindungen. Im Prinzip handelt es sich um eine Verbrennung ohne Sauerstoffzufuhr: Bei bis zu 900 Grad Celsius würde die gesamte Abluft der Tierversuchsanlage so lange erhitzt, bis die Moleküle brechen und damit Aerosole ihre Gefährlichkeit für biologische Organismen verlieren. Das Forschungszentrum würde damit im Prinzip zu einer Nullemissionsanlage. Im Gentechnikgesetz wird solch eine Emissionsfreiheit erst für Laboreinrichtungen der hohen Sicherheitsstufe S 4 vorgeschrieben. Das hannoversche Projekt wird in S-3-Technik gebaut, soll aber nur mit S-2-Forschung betrieben werden. Für die gesetzlichen Anforderungen eines S-2-Labors reichen die geplanten Hepa-14-Filter zwar aus, garantieren aber eben keine Sicherheit.

Rechnerisch bis zu 1000 Schweine sollen zu Forschungszwecken im Versuchsstall gehalten und kontrolliert infiziert werden, damit Impfstoffe gegen Krankheiten entwickelt und getestet werden können. Wegen der Vielzahl der Tiere müssten bei der Pyrolyse stündlich 100.000 Kubikmeter Abluft erhitzt werden. Der Braunschweiger Ingenieur Karl-Heinz Krause hat nach Angaben der Initiative bei Anlagenherstellern ermittelt, dass das technisch machbar sein soll. Von Boehringer gibt es derzeit keine Stellungnahme: „So kurz vor dem Gerichtstermin äußern wir uns nicht“, sagt Sprecherin Heidrun Thoma.

Beklagt ist das Unternehmen ohnehin nicht – die Klage richtet sich gegen die Stadt wegen möglicher Fehler des Bebauungsplans, Boehringer ist nur beigeladene Prozesspartei. Die Initiative moniert, dass die Stadt den Bürgern eine hermetisch abgeschlossene Anlage versprochen habe und das Versprechern nicht einhalte. Zudem habe etwa der Städtebauvertrag nicht öffentlich ausgelegen. Eine zweite Klage gegen die gentechnische Genehmigung ist anhängig, aber noch nicht terminiert.

Am Rande Kirchrodes wächst derweil das Forschungszentrum sichtbar heran. Die Verzögerung wegen des Winters betrage nur wenige Tage, sagt Sprecherin Thoma. Zum Jahresende soll der Bau fertig sein, 2012 die Forschungsarbeit beginnen. Bei Boehringer ist man zuversichtlich, dass dieser Zeitplan vom Gericht nicht durchkreuzt wird.

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