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Boehringer: Streit um ein Tierlabor Wie Boehringer in Tübingen scheiterte
Hannover Themen Boehringer: Streit um ein Tierlabor Wie Boehringer in Tübingen scheiterte
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15:01 23.07.2009
Von Conrad von Meding

In Tübingen schaut man zurzeit etwas neidisch nach Hannover. „Das ist dumm gelaufen hier, aber jetzt nicht mehr zu ändern“, sagt der Erste Bürgermeister Michael Lucke (SPD). Ende 2006 hatten massive Bürgerproteste die Ansiedlung des Boehringer-Forschungszentrums für Tierimpfstoffe im Technologiepark Tübingen verhindert. Das Pharmaunternehmen schaute sich nach anderen Standorten um und will sich nun in Hannover niederlassen – direkt neben den Neubauten der Tierärztlichen Hochschule und nahe an der Wohnbebauung Kirchrodes, wo sich jetzt ebenfalls Bürgerwiderstand formiert.

Auch in Tübingen grenzt ein feines Wohngebiet an den Technologiepark. Dort sind es nur gut 100 Meter bis zu dem Villenviertel, in dem unter anderem der Studioleiter des SWR-Fernsehens, ehemalige Landräte sowie hohe Landesbeamte wohnen – und auch Sepp Buchegger, der Karikaturist der örtlichen Tageszeitung „Schwäbisches Tagblatt“. „Der hat in seinen Zeichnungen kein gutes Haar an dem Schweinestall gelassen“, sagt Redakteur Josef Wais.

Damals, im Herbst 2006, war in Tübingen Wahlkampf, als die Nachricht von den Boehringer-Plänen durchsickerte. „In den Diskussionen wurden Ängste geschürt“, sagt Bürgermeister Lucke, „unbegründete Ängste“, wie er im Nachhinein meint. Boehringer wollte in die aufgegebenen Laboratorien der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten (Friedrich-Loeffler-Institut) einziehen. „Was die in den Labors ursprünglich gemacht haben, dürfte weit gefährlicher sein als die Boehringer-Forschung – nicht umsonst ziehen die nun um auf die Ostseeinsel Riems“, sagt Lucke. Dumm nur, dass Boehringer außer den bestehenden Laboratorien auch eine Mastanlage für bis zu 1000 Schweine benötigte wie jetzt in Hannover, und dass deshalb der Bebauungsplan hätte geändert werden müssen.

Gut ein Jahr lang schaffte es die Stadtspitze, die Pläne unter der Decke der Vertraulichkeit zu halten, dann verplapperte sich Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer (SPD) ausgerechnet im Kommunalwahlkampf. Einige Wochen später war sie abgewählt, und Boehringer nahm Abstand von dem Projekt. „Wir hatten keine Planungssicherheit mehr“, sagt Firmensprecherin Heidrun Thoma. Der Protest beschäftigte die Universitätsstadt damals zwei Monate lang. Unterschriften wurden gesammelt, ein Bürgerentscheid vorbereitet. Bürgermeister Lucke, damals noch neu im Amt, hatte die „undankbare Aufgabe“, eine große Podiumsdiskussion mit Virusexperten, Tierforschern und anderen Spezialisten vorzubereiten. Zu der Zusammenkunft kam es jedoch nicht mehr, weil Boehringer wenige Tage zuvor absagte. „Mit großem Bedauern“ habe die Stadt das zur Kenntnis genommen, zitierte die örtliche Presse die scheidende Oberbürgermeisterin. Ihr Nachfolger, Boris Palmer (Grüne), war geschickter: Er ließ im Wahlkampf offen, ob er für die Ansiedlung ist. „Das wird ihm sicherlich manche Stimme eingebracht haben“, sagt Bürgermeister Lucke.

Inzwischen ist sich die Stadtspitze aber sicher, dass die Absage von Boehringer ein großer Verlust ist. „Tübingen ist mit Reutlingen, Stuttgart und Esslingen eine die bedeutensten Biotechnologieregion Deutschlands“, sagt Lucke: „Viele Unternehmen sagen, dass eine Ansiedlung wie Boehringer einen weiteren großen Schub gebracht hätte.“ Unter anderem bewarb sich später auch das benachbarte Reutlingen als Standort für das Boehringer-Tierimpfzentrum. Doch die Zentrale in Ingelnheim favorisiert jetzt eine andere Region: „Wegen der Nähe zur Tierärztlichen Hochschule wollen wir nach Hannover“, sagt Sprecherin Thoma.

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