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Zwei Jahre danach

Wie Kirchrode den Streit um Boehringer verkraftet

Von Thorsten Fuchs

Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt in die Jakobi-Kirchengemeinde in Hannover-Kirchrode: Vor knapp zwei Jahren war es zu großen Auseinandersetzungen gekommen, weil die Gemeinde ein Grundstück an das Pharmaunternehmen Boehringer verkaufte. Der Protest der Boehringer-Gegner gipfelte im Juli 2009 in der Besetzung des Areals.
Zwei Jahre danach: Wie hat die Jakobi-Kirche in Kirchrode den Streit um Boehringer verkraftet?

Zwei Jahre danach: Wie hat die Jakobi-Kirche in Kirchrode den Streit um Boehringer verkraftet?

© Christian Burkert

Die Wogen der Erregung schlugen hoch. Gut 200 Menschen drängten in den Saal der Jakobi-Kirchengemeinde, für einige blieben nur Stehplätze. Der Zorn war groß bei manchen, einen Vertrauensbruch warfen sie der Kirche vor und drohten mit Austritt, andere verteidigten den Vorstand und seine Entscheidung. Viele schwiegen, irritiert von der Heftigkeit der Auseinandersetzung. Am Ende wurde die Versammlung abgebrochen, und Kirchenvorstand Klaus Hagelberg sprach von einer „Spaltung der Gemeinde“ – und davon, dass er nicht wisse, wie er sie beheben könne.

Zwei Jahre ist es her, dass der Streit um den Verkauf eines Grundstücks an Boehringer die Kirchengemeinde in Kirchrode schwer erschütterte. Das Pharmaunternehmen wollte der Kirche ein Areal abkaufen, um dort sein umstrittenes Tierimpfstoffzentrum zu errichten. Die Gegner wiederum hofften, das Projekt mit einem Nein der Kirche aufhalten zu können. Der Kirchenvorstand entschied sich für den Verkauf – noch bevor die Gemeindeversammlung zusammenkam, um über das Thema zu beraten. Die Boehringer-Ansiedlung konnte ihren Verlauf nehmen.

Hat die Gemeinde den Riss gekittet? Was ist geblieben von dem Streit, in dessen Verlauf die Bürgerinitiative gegen das Tierimpfstoffzentrum sogar Anleitungen für den Kirchenaustritt verteilte? Klaus Hagelberg, der Vorsitzende des Kirchenvorstands, denkt mit Schrecken an die Auseinandersetzung zurück: „Das ging eindeutig an meine Grenzen.“ Heute sei der Konflikt aber überwunden: „Das spielt im gemeindlichen Leben nur noch am Rande eine Rolle.“

Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg. Es brauchte eine zusätzliche Versammlung und die Sitzungen eines paritätisch mit Boehringer-Gegnern und Gemeindevertretern besetzten Versöhnungsausschusses, bis eine Strategie gefunden war. Seitdem gibt es regelmäßig öffentliche Kirchenvorstandssitzungen zu strittigen Themen, mehr Berichte aus dem Kirchenvorstand im Gemeindebrief und einmal im Monat die Gelegenheit, beim „Kaffee im Turm“ Mitglieder des Kirchenvorstands zu befragen.

Genutzt wird das Angebot öffentlicher Sitzungen laut Hagelberg von den Mitgliedern mäßig: Mehr als zwei oder drei Interessierte seien eine Seltenheit. Dennoch hat die neue „Kommunikationsordnung“ die meisten Boehringer-Gegner offenbar besänftigt. Demonstrative Kirchenaustritte wie der des Bürgerinitiativen-Sprechers Klaus Neudahm wurden nicht zur Regel. 47 Mitglieder hat die Jakobi-Gemeinde im Jahr 2008 verloren – ein Wert, der nur leicht über dem Durchschnitt der 5100 Mitglieder-Gemeinde liegt. „Mit den Ergebnissen der Verhandlungen kann man zufrieden sein“, erklärt Peter Gresikowski, der für die Bürgerinitiative im Versöhnungsausschuss gesessen hat.

Doch der Streit um Boehringer hat in der Gemeinde auch Spuren hinterlassen, die sich nicht in der Mitgliederstatistik niederschlagen und durch Ausschüsse nicht zu beseitigen waren. Die Kirchröderin Sabine Wedekind zum Beispiel, engagierte Boehringer-Gegnerin, hat sich bewusst gegen einen Austritt entschieden: „Dazu ist mir Kirche viel zu wichtig, als dass ich jetzt alles infrage stellen würde.“ Zugleich aber ist sie zu ihrer Gemeinde auf Distanz gegangen. Sie besucht nun meist Gottesdienste in anderen Kirchen. Es soll offenbar kein Abschied für immer sein. „Aber jetzt brauche ich erst mal etwas Abstand.“ Da ist von dem Riss, der sich durch die Gemeinde zog, durchaus noch etwas zu spüren.

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