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Als die Stadt in Trümmer sank

Bombenangriff auf Hannover Als die Stadt in Trümmer sank

In der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 flogen englische Bomber den schwersten Angriff auf Hannover.

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Die zerstörte Innenstadt von Hannover nach den Luftangriffen in der Nacht zum 9. Oktober 1943, vorn rechts die Ruine der Aegidienkirche, im Hintergrund das Opernhaus.

Quelle: Hauschild-Archiv

Hannover. Das Inferno kam ohne besondere Warnung. Geradezu harmlos kündigte es sich an. Als in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 die Sirenen heulen, glauben die Beobachter zunächst an einen Fehlalarm, weil die Flugzeuge einen Bogen um die Stadt zu machen scheinen. Dann aber korrigieren sie ihren Kurs. Um 1.05 Uhr fallen die ersten Bomben.

In dieser Nacht vor 65 Jahren verschwand in den Flammen, im Rauch und immer neuen Explosionen das alte Hannover. Es war nicht der erste Luftangriff auf die Stadt. Zum 429. Mal heulten in dieser Nacht die Sirenen. Schon im Sommer hatte der Schrecken des Bombenkriegs die Stadt erreicht und den Menschen die Illusion geraubt, sie könnten verschont bleiben. Am 26. Juli 1943 hatten amerikanische Bomber die Stadt sogar erstmals bei Tag angegriffen. Ein Zeichen alliierter Überlegenheit – mit verheerender Wirkung: Das Café Kröpcke, die Marktkirche, die Markthalle, das Leineschloss, all die Wahrzeichen wurden an jenem Tag getroffen. Die Bombardierung in der Oktobernacht jedoch war die schwerste des gesamten Krieges – und sie prägt die Erinnerung der älteren Hannoveraner auch heute noch.

„Besonders wenn der 8. Oktober ein schöner Herbsttag ist“, erzählt der 73-jährige Lothar Redlin, „ruft dies bei mir die Bilder und Gedanken wach.“ Denn dann ist das Wetter so wie damals. Seine Eltern wohnten mit ihm in der Osterstraße, sie hatten ein Gasthaus dort, „Zum Weißen Bär“.

Als die Sirenen heulen, rennt seine Mutter mit ihm zum Bunker unter dem Kaufhaus Magis. Nach einer dreiviertel Stunde dürfen sie wieder hinaus. Dort schlägt ihnen die Hitze der Brände entgegen, alles ist in einen glutroten Feuerschein getaucht. Sie laufen an schreienden Menschen vorbei, durch Scherben und Trümmer, brennender Phosphor rinnt über die Straße. Erneut retten sie sich in einen Keller. Doch das Haus brennt ab, nur mit Glück können sie sich befreien. Lothar Redlin erinnert sich an fast jedes Detail dieser Ereignisse: „In dieser Nacht hätte mein junges Leben schließlich vorbei sein können.“

Die Bilanz dieser Nacht ist verheerend: 1245 Menschen kommen in den Flammen um, 447 werden schwer verletzt, 250 000 verlieren ihr Zuhause. Fast 4000 Wohnhäuser werden zerstört, annähernd 19 000 schwer beschädigt. Vom Zentrum, wie es über Jahrhunderte gewachsen ist, bleibt fast nichts übrig. Die Aegidienkirche brennt aus, die Häuser an der Georgstraße fallen zusammen. Nur die Kröpcke-Uhr bleibt stehen. In ihr befindet sich eine Wetterstation. Zwischen zwei und vier Uhr verzeichnet sie einen Temperaturanstieg von 10 auf 35 Grad.

28 000 Phosphorbrand- und 230 000 Stabbrandbomben warfen die englischen Flugzeuge über der Stadt ab. Es sind Zahlen, die sich der Vorstellungskraft entziehen. Als Lothar Redlin am Morgen des 9. Oktober von Letter aus auf die Stadt schaut, wohin er und seine Eltern sich hatten retten können, sind es keine Wolken, die den Himmel verdunkeln. Es ist der Rauch, der aus der zerstörten Stadt aufsteigt.

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