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Das Schwarze-Peter-Spiel am De-Haën-Platz in Hannover

Altlasten Das Schwarze-Peter-Spiel am De-Haën-Platz in Hannover

Das Schwarze-Peter-Spiel: Die Betroffenen der Lister Altlasten am am De-Haën-Platz in Hannover nehmen nicht hin, dass niemand schuld sein soll an dem Desaster.

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Rosa Carnero und ihre Tochter Leonor vor ihrem Innenhof in der Fraunhoferstraße.

Quelle: Rainer Surrey

Rosa Carnero ist 40 Jahre alt, genauso lange lebt sie schon in der List, es gibt keinen anderen Ort, an dem sie wohnen möchte, sagt sie. Genau deswegen haben sie und ihr Lebensgefährte im Jahr 2007 die Erdgeschosswohnung am De-Haën-Platz gekauft. Balkon, Garten, ein grüner Innenhof, es ist genau das, was Rosa Carnero sich immer vorgestellt hatte.

Heute sagt sie: „Würde ich mein Geld wieder herausbekommen, der Verkauf wäre eine Überlegung wert.“ Aber Stand heute bekäme sie ihr Geld nie und nimmer wieder heraus.

Seit gut zweieinhalb Jahren wissen Carnero und ihre Nachbarn, dass der De-Haën-Platz chemisch und radioaktiv verseucht ist. In diesen Tagen steht die Entscheidung darüber an, ob die Eigentümer der 45 betroffenen Grundstücke dem Sanierungs- und Finanzierungsmodell der Region Hannover zustimmen oder stattdessen gegen Region oder Stadt klagen wollen. Und so kommt es, dass zwischen Bürgern und Verwaltung aufs Neue eine Debatte darüber ausgebrochen ist, was rechtens ist und was nicht. Denn hätten die Verwaltungen von Stadt und Region ordentlich gearbeitet, wären viele vor einem Kauf gewarnt gewesen, meint etwa die örtliche Bürgerinitiative (BI).

Es gibt vieles in der Zeit zwischen dem Wegzug der für all das verantwortlichen Chemiefabrik Riedel-De Haën im Jahr 1902 und der Feststellung der radioaktiven Belastung im Jahr 2008, was den Verdacht aufwirft, hier sei etwas schiefgelaufen. Erwiesen ist, dass die Stadt schon Anfang des 20. Jahrhunderts mit Sorge auf das Grundstück der ehemaligen Chemiefabrik schaute, aber nichts unternahm. Fest steht auch, dass man in den zwanziger Jahren Baugenehmigungen erteilte auf einem Baugrund, auf dem nur wenig entsorgt, dafür vieles einfach planiert worden war. Das aber, sagt Hannovers Umweltdezernent Hans Mönninghoff, sei damals üblich gewesen.

Problematischer aber ist anderes: Klar ist mittlerweile, dass die Stadt Hannover seit den achtziger Jahren davon wusste, dass das Areal eine sogenannte Verdachtsfläche für eine chemische Altlast war. Irgendwann nach Einführung des städtischen Altlastenkatasters im Jahr 1988 wurde das dort auch vermerkt. Allerdings betrachtet die Stadt es als eine Holschuld von Haus- und Wohnungskäufern, sich über den Altlastenstatus zu informieren. Bis 2007 habe bei der mittlerweile zuständigen Region Hannover genau ein Käufer nachschauen lassen, sagt Sprecher Klaus Abelmann. „Dieser Einblick ist dort nicht so üblich, wo man nicht selber baut, sondern nur kauft.“ Rosa Carnero weiß nur, dass ihr weder Notar, noch Makler oder Verkäufer ihrer Wohnung etwas von einer Altlast gesagt haben. So geht es auch ihren Nachbarn.

Besonders offensichtlich aber werden die Versäumnisse der Behörden nach 2003. Zu diesem Zeitpunkt übergab die Stadt der Region eine sogenannte historische Recherche, aus der hervorging, auch eine radioaktive Belastung des Areals sei möglich. Dennoch blieb das Papier bei der Region noch fünf Jahre liegen. Die zuständigen Experten hätten die Lage damals so eingeschätzt, dass eine radioaktive Verseuchung ausgeschlossen sei, sagt Mönninghoff. Ein Trugschluss. „Es gab keine Reaktionen und Folgen“, tadelt die Bürgerinitiative.

Die BI zählt noch weitere Fälle auf, in denen die Stadt zumindest von der chemischen Belastung habe erfahren müssen. So habe es in den Jahren 1993 und 1999 Bauarbeiten in dem Gebiet gegeben, die Aufschluss darüber gegeben hätten. Aus dem Stegreif konnte Mönninghoff dazu am Freitag nichts sagen.

Der Dezernent sieht in jedem Fall keine Versäumnisse bei der Stadt. Vor 2008, sagt er, habe „niemand in Hannover eine Idee davon haben kann, dass es hier ein Problem mit Radiologie gibt“. Da sei aber nicht mehr die Stadt, sondern die Region zuständig gewesen. Und die Chemie, sagt Mönninghoff, „ist ja in diesem Fall nicht das Hauptproblem“. Rosa Carnero sieht das anders. Die chemische Belastung sei für sie und die Nachbarn so problematisch wie die radioaktive, sagt sie.

Allerdings ist es den Anwohnern reichlich egal, wer Schuld hat. Die Stadt, die sich nicht um die chemische Altlast kümmerte. Oder die Region, die die radioaktive Belastung ignorierte. Oder das Land, dass sich seit jeher gegen einen landesweiten Altlastenfonds sperrt, aus dem die Kosten finanziert werden könnten. „Es empören sich immer die Parteien“, sagt eine Nachbarin, „die in dem jeweiligen Gremium nichts zu sagen haben.“

„10.000 Euro reichen nicht“

Die Bürgerinitiative „Gegen Altlasten in der List“ findet den neuesten Kompromissvorschlag der hannoverschen SPD „nicht diskussionsfähig“. SPD-Ratsherr Ralf Borchers hatte angeregt, für Eigentümer einer Wohnung (nicht solche eines ganzen Hauses) eine Kostendeckelung bei 10.000 Euro einzuführen. Das könne den Anwohnern zugutekommen, auf deren Grundstück sich beispielsweise eine hohe Radonbelastung findet. In solchen Häusern kann es sein, dass Kosten von bis zu 200.000 Euro durch acht Parteien geteilt werden müssen.

Die BI aber bemängelt, dass bestenfalls eine Handvoll Geschädigter von diesem Vorschlag profitieren würde. Sie fordert eine höhere Beteiligung von Stadt und Region. Bisher haben die Behörden jeweils eine halbe Million Euro in Aussicht gestellt, die für geschätzte 22,5 Prozent der Kosten reichen würden.

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