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De-Haën-Platz: Die letzte Hoffnung liegt im Knöterich

Altlasten in der List De-Haën-Platz: Die letzte Hoffnung liegt im Knöterich

Letzte Hoffnung Knöterich: Wie die Altlast am De-Haën-Platz in Hannover einem Eigentümer an die Existenz geht – und er Rettung sucht in der Pflanzenwelt.

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Ausgang ungewiss: 45 Grundstücke am De-Haën-Platz will die Region sanieren. Die Kosten für die Besitzer sind noch unklar.

Quelle: Uwe Dillenberg

Klaus Schulze* ist kein reicher Mann. Obwohl seine Frau und er „ein Leben lang fleißig gearbeitet“ haben, wie er sagt. Vier Kinder haben die Schulzes großgezogen, alle studieren lassen und sich nebenher eine Existenz aufgebaut. Jetzt muss sich Klaus Schulze um diese Existenz große Sorgen machen. Wegen Altlasten im Boden unter der List, liegen gelassen vom Chemiefabrikanten Eugen de Haën zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Dass die da liegen könnten, weiß Klaus Schulze nicht, als er 2006 seine Erbengemeinschaft auszahlt, um ein Mehrfamilienhaus in der List zu kaufen. Über mögliche Altlasten steht nichts in dem Gutachten, dass die Schulzes zu dem Haus bekommen. Dabei wissen Stadt und Region schon damals, dass de Haën mit radioaktiven Stoffen gearbeitet hat. Nur leider liegt die Akte erst in der einen, dann in der anderen Behörde auf irgendeinem Stapel. „Hätte ich von der Altlast gewusst, hätte ich das Haus nie zu dem Preis gekauft“, sagt Herr Schulze heute. Seinen Namen oder die Adresse seines Hauses möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Die Sache sei schon schwierig genug.

Was er damals weiß, ist, dass der Kauf so oder so kein Akt wirtschaftlicher Vernunft ist. Aber die Schulzes möchten das Haus gerne behalten. Weil der Großvater es 1936 für die Großmutter gebaut hat und man so etwas nicht verkauft. Und weil etwas bleiben soll für die Kinder. Herr Schulze schaut ein bisschen reumütig, als er das erzählt. „Schließlich hätte ich auch mein Erbteil nehmen und mich darüber freuen können“, sagt er. Stattdessen beleihen die Schulzes ihren gesamten Besitz, um Großvaters Haus kaufen zu können. „Alles was wir haben, steckt da drin“, sagt Herr Schulze.

In diesen Tagen wird den Schulzes ein Schreiben der Region ins Haus flattern. Darin wird stehen, was sie die von der Region durchgeführte Altlastensanierung auf ihrem Grundstück kosten soll. Es wird eine Menge sein, fürchtet Klaus Schulze. 80 000, 100 000, vielleicht 150 000 Euro. Wie viel auch immer es sein wird: „Ich kann das nicht bezahlen“, sagt er. „Selbst, wenn ich es wollte.“

Schon jetzt ist Großvaters Haus für Klaus Schulze ein Full-Time-Job. Was er an Zeit, Kraft und Geld hat, steckt er in die Sanierung des Altbaus. Er hat sich Maschinen gekauft und den Handwerkern auf die Finger geguckt, um allerlei Baumaßnahmen selbst durchführen zu können. Was das Haus an Miete abwirft, fließt in die Tilgung des Kredites. „100 000 Euro für eine Altlastensanierung haben wir nicht, und verkaufen können wir das Haus auch nicht“, sagt Schulze. Wer würde nach all der schlechten Presse noch annähernd das für Großvaters Haus zahlen, was die Schulzes damals berappt haben? Diesen finanziellen Verlust könnten sie nicht verkraften.

Vor einigen Wochen hat die Region Hannover ihren Sanierungsplan für das Altlastengebiet rund um den De-Haën-Platz vorgestellt. Im Groben soll eine von der Behörde koordinierte Sanierung so laufen, dass man Boden auf den 45 belasteten Grundstücken 35 Zentimeter tief auskoffern, ihn auffüllen und 25 Zentimeter frisches Erdreich zusätzlich aufschütten wird. Das, sagen die zuständigen Experten vom Bielefelder Institut für Umweltanalyse (IfUA), sei mehr, als gesetzlich vorgeschrieben sei. Ein großer Kran soll alles aus den Gärten über die Hausdächer hinweg auf Lastwagen laden, die Entsorgung des strahlenden Materials ist bereits organisiert.

Nur wenn möglichst viele mitmachen, lohnt die konzertierte Aktion, sagt die Region. Und nur wer mitmacht, erhält einen Kostenzuschuss. Von mehr als vier Millionen Euro Gesamtkosten tragen Stadt und Region jeweils 500 000 Euro. „Wir werden unter Druck gesetzt, über Alternativen wird gar nicht gesprochen“, sagt Herr Schulze. Es sei, sagt er, als spreche man beim Autokauf immer nur über ein und dasselbe Modell und wie man es möglichst billig bekomme – „anstatt darüber nachzudenken, ob es nicht auch ein besseres und günstigeres gibt“.

Ein solch besseres und günstigeres Modell für die Altlastensanierung meint Klaus Schulze in seiner Not gefunden zu haben: Die sogenannte Phytosanierung. Bei diesem Prozess werden bestimmte Pflanzen in den Boden gesetzt, die die Schadstoffe in sich aufnehmen. Der Japanische Riesenknöterich etwa oder die Pappel. „Das ist eine vollkommen gängige Methode, vor allem in den USA“, sagt Prof. Heinz Rennenberg vom Institut für Forstbotanik und Baumphysiologie der Universität Freiburg. Der Vorteil: Die Phytosanierung ist nachhaltiger als die Variante des Auskofferns – und unschlagbar günstig. Rennenberg beziffert die Kosten auf nicht mehr als 10 000 Euro pro Hektar. Der Nachteil: Sie braucht Zeit. Wie viel, ist ungewiss. Anderswo waren es 20 oder 30 Jahre – „aber in der List wird das nicht reichen“, sagt Petra Günther, Sachverständige des von der Region beauftragten Instituts IfUA. „Hier schätze ich drei oder vier Generationen.“ So lange aber werde die Region die Sanierung eines dicht besiedelten Gebietes kaum dauern lassen, meint Günther. Überprüft aber habe man diese Variante der Sanierung nicht.

Ob Herr Schulze aber überhaupt phytosanieren darf, weiß er noch nicht. Denn es gibt noch andere Probleme mit der Variante als nur die schiere Zeitdauer. „Man müsste gewährleisten, dass die Fläche nicht genutzt wird“, sagt Günther. Klaus Schulze müsste also seine Pappeln oder den Japanischen Knöterich pflanzen und zusehen, dass niemand seinen Garten betritt. Jahrelang. Wie aber, fragt die Expertin, wolle man das überwachen? Unmöglich sei eine solche Sperrung seines Grüns indes nicht, meint Klaus Schulze. „Der Garten ist ohnehin nicht mitvermietet.“ Zum Sanieren ihrer Grundstücke kann die Region die Eigentümer von Amts wegen zwingen. Inwieweit sie aber bestimmen kann, wie saniert wird, wird sich zeigen. Unter Umständen vor Gerichten. Professor Rennenberg hat solche Fälle schon häufig erlebt. „Und statt jahrzehntelang zu prozessieren, kann man auch mit der Phytosanierung beginnen“, sagt er. Rennenberg fände das interessant – und hat bereits angeboten, den Prozess wissenschaftlich zu begleiten.

Und doch ahnt man, dass Klaus Schulze es schwer haben wird mit seiner Idee. Nicht nur die Region, auch die anderen Eigentümer reagieren bisher reserviert. Sie wollen das Problem nicht erst in Jahrzehnten gelöst haben. Schulze aber ist fest entschlossen, es mit der Phytosanierung zu versuchen. Schon allein, weil er kaum eine Wahl hat.

Und wenn es nichts wird mit der pflanzlichen Sanierung? „Dann muss ich den Garten asphaltieren lassen“, sagt Klaus Schulze. Das Bodenschutzgesetz lasse das zu. Auch wenn es Großvater in der Seele wehgetan hätte.

* Name von der Redaktion geändert.

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