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Noch mehr Strahlung am De-Haën-Platz in der List Der Dreck des Herrn Kommerzienrats

Der Fall de Haën

Der Dreck des Herrn Kommerzienrats

Nicht erst 2008 und auch nicht 2003 hörte die Stadt 
erstmals von einer möglichen Altlast in der List. Schon hundert Jahre zuvor war ihr die Sache nicht geheuer.

 Um den belasteten Boden unter ihren Häusern zu sanieren, müssen viele Anwohner in der List tief in die Tasche greifen. Dabei, finden sie, trägt die Stadt die Verantwortung für die Malaise.

Um den belasteten Boden unter ihren Häusern zu sanieren, müssen viele Anwohner in der List tief in die Tasche greifen. Dabei, finden sie, trägt die Stadt die Verantwortung für die Malaise.

© Rainer Surrey

Als im Sommer 2008 Experten der Region Hannover in monströsen Sicherheitsanzügen über den Lister De-Haën-Platz liefen, dämmerte den Anwohnern, Wohnungs- und Hausbesitzern, dass etwas liegen könnte im Boden unter ihren Häusern. Ihnen war der Umstand, dass sich die Hinterlassenschaft der 1902 weggezogenen Chemiefabrik Riedel-de Haën noch heute in Form von strahlender Altlast und Schwermetallen im Boden finden könnte, neu.

Die Stadt hatte davon schon häufiger gehört.

„In der Presse“, schreibt ein städtischer Bediensteter am 25. August 1915 an den Herrn Kommerzienrat Dr. Eugen de Haën, „wird lebhafte Klage über den augenblicklichen Zustand Ihres Grundstückes in der Liebigstraße geführt.“ Und das zu Recht, wie man bei der Stadt findet: „Der Zustand des Grundstücks ist sowohl vom Königlichen Polizei-Präsidium wie auch vom Stadtbaupolizeiamt als höchst mangelhaft und nahezu gesundheitsschädlich bezeichnet.“

Das Grundstück, um das es geht, ist das der ehemaligen Chemiefabrik Eugen de Haën, die dieser 1902 nach Seelze verlegt hat. „Wir ersuchen Sie deshalb“, muss er lesen, „doch möglichst bald die Halden aus den Rückständen chemischer Erzeugnisse, die bei Aufschliessung des Grundstücks als Baugelände doch entfernt werden müssten, beseitigen zu lassen.“

Nun war Eugen de Haën mit seiner Fabrik doch eigens nach Seelze umgezogen, weil „die Klagen der Nachbarschaft über die unvermeidlichen Ausdünstungen der Fabrik sich mehrten“, wie er der Stadt im Jahr 1903 schreibt. Deshalb also ist das Gelände verwaist, und es verwahrlost zusehends. Deshalb auch hat de Haën Schwierigkeiten, Käufer für die Grundstücke rund um den heutigen De-Haën-Platz zu finden. Die Stadt weiß all das. Er hat es ihr geschrieben.

Zum Thema verwahrlostes Grundstück jedenfalls antwortet de Haën, bei den nämlichen Rückständen handele es sich „im Wesentlichen“ um Gips, der aber schwer zu entsorgen sei. Und: „Dass von den Rückständen irgendwelche Gerüche ausströmen sollten und dass sie gesundheitsschädlich wirken könnten, ist absolut ausgeschlossen.“ Im Jahr 2003 klingt das in einem Gutachten des Büros „Altlasten und Planung“ anders: „Als potenzieller Kontaminationsschwerpunkt ist die frühere Halde mit Chemieabfällen (‚Gipsberg‘) im Nordwesten auszumachen.“

Bis 2003, so scheint es, hat die Stadt sich um die hässlichen Hinterlassenschaften nicht groß gekümmert. Und die nunmehr zuständige Region tut es auch nach dem Gutachten erst einmal fünf Jahre lang nicht. Auch der Hinweis der Bürgerinitiative Umweltschutz aus dem Jahr 1986 hat offenbar keine Wirkung entfaltet. Ein Umstand, der die Behörden heute vielleicht einholt.

Erst 2008 klärt die Region definitiv, dass der Grund unter dem De-Haën-Platz durchsetzt ist mit radiologischen und chemischen Altlasten. 45 Privatgrundstücke sind betroffen, rund 4,5 Millionen Euro wird es kosten, den Schaden notdürftig zu beheben. Mit großer Geste versucht die Region im Jahr 2009, dem US-amerikanischen Chemieriesen Honeywell die Kosten aufzubürden, der de Haëns Unternehmen inzwischen gekauft hat. Der Vorsitzende Richter, der beim Verwaltungsgericht Hannover über den Fall zu befinden hat, wundert sich in seiner Urteilsbegründung recht unverholen über den Umstand, dass die Region ausgerechnet Honeywell an den Kragen will. Eher schon, lässt er durchklingen, sei bei der Stadt Hannover etwas zu holen. Das aber, wird Regions-Umweltdezernent Axel Priebs nicht müde zu sagen, werde man nicht versuchen.

Dass die Neigung der Region zu einer solchen Klage gering ist, ist so verwunderlich nicht. Schließlich waren dieselben Mitarbeiter, die seit Gründung der Region im Jahr 2001 in deren Umweltamt sitzen, vorher in gleicher Position bei der Stadt beschäftigt, etwa der mittlerweile pensionierte Fachbereichsleiter Gerhard Meyer. Die Versäumnisse, die die Anwohner in der List bei der Stadt vermuten, wären also zum Teil ihre eigenen. Darüber hinaus gehen Kosten, die der Stadt entstehen, auch zulasten der Region. Die nämlich finanziert sich zu einem Gutteil aus Abgaben der Stadt – geht ihr Geld verloren, fällt auch die Regionsumlage niedriger aus. Alles mögliche Gründe, warum die Region sich dagegen sträubt, juristisch gegen die Stadt zu Felde zu ziehen.

Möglich, dass die Eigentümer der Häuser und Wohnungen am De-Haën-Platz das nun nachholen. „Wenn wir Ansatzpunkte finden, die Erfolg versprechend sind, werden wir das tun“, sagt Barbara Nebendahl, Vorsitzende der „Bürgerinitiative gegen Altlasten in der List“. Sie kann nicht begreifen, warum kein Haus- oder Wohnungskäufer von den Altlasten erfuhr, bevor er den Kaufvertrag unterschrieb. „Im Prinzip gibt es ein Altlastenkataster, aber ob da alles drinsteht, ist die Frage“, sagt Rechtsanwältin Barbara Häring, die die Bürgerinitiative vertritt. Grundsätzlich müssten Grundstückskäufer auf Anfrage der Stadt erfahren können, ob unter dem Areal eine Altlast liegt oder nicht. „Aber natürlich nur dann, wenn sie auch verzeichnet ist.“

Ebenfalls schleierhaft ist der BI, warum die Stadt in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts Wohnbebauung auf dem Areal zuließ, obwohl sie um die Gefahren wusste. Möglich ist auch, dass die Stadt zeitweise selbst einige der Häuser besessen und später weiterverkauft hat. Nachgewiesen ist das noch nicht, die Stadt verweist darauf, dass viele Akten im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen seien.

Und dann ist da noch die sogenannte historische Recherche aus dem Jahr 2003, die noch die Stadt in Auftrag gegeben hatte. Spätestens als die nun zuständige Region durch sie von den Altlasten erfuhr, hätte sie weitere Schritte einleiten müssen, meint die Bürgerinitiative. Das aber blieb bis 2008 aus. In der Zwischenzeit kauften viele der nun Betroffenen ihre Häuser und Wohnungen. Nun drohen ihnen Kosten im fünf- bis sechsstelligen Euro-Bereich.

„Die Region hat kein Konzept, und das Land kümmert sich nicht um das Problem“, sagt Anwohner Jan-Peter Wöbking, der die vielen interessanten Unterlagen im Stadtarchiv gefunden hat. „Dafür, dass wir nichts von der Altlast wussten, muss ja jemand verantwortlich sein.“

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