Hannover debattiert über den geplanten Abriss des denkmalgeschützten Plenarsaals am Landtag – und in der Nachbarstadt Hildesheim beobachtet ein Kreis von Interessierten diese Diskussion mit großer Skepsis. An der dortigen Hochschule ist der bundesweit einzige Studiengang für Baudenkmalpflege angesiedelt. Und die 25 Studenten machen sich so ihre eigenen Gedanken über den Umgang mit dem Denkmalgesetz.
Christiane Hoffmann etwa findet es absurd, dass Schlösser wie in Herrenhausen, Braunschweig, Potsdam oder Berlin als Rekonstruktionen wieder aufgebaut werden, während zugleich echte Denkmale mit Geschichte abgerissen werden. Gerrit Engelke sieht den Abriss eines beispielgebenden Gebäudes der fünfziger und sechziger Jahre gar als „Ohrfeige für die Nachkriegsgeneration“. Immerhin seien in der Zeit trotz Entbehrungen beeindruckende Bauwerke entstanden. „Sie jetzt einfach wegzureißen, ist doch respektlos.“
Was aber macht ein Denkmal aus? Dozent Christoph Gerlach warnt in der Diskussion mit seinen Studenten davor, den Schönheitsbegriff zu verwenden. „Es geht nicht um konsumierbare Schönheit“, sagt Gerlach. „Die Mode bringt alle Jahre wieder etwas Neues hervor.“ Eher sei die Frage nach dem künstlerischen Wert angebracht, und der deckt sich nicht unbedingt mit Schönheit: „Fragen Sie mal in der Bevölkerung, wer Picasso wirklich schön findet.“ Niemand komme aber auf den Gedanken, einen Picasso wegzuwerfen, nur weil er gerade nicht en vogue sei. „Erst durch Beschäftigung entsteht Verständnis“, sagt Gerlach.
Die Studenten haben allesamt schon ein Bachelorstudium oder einen vergleichbaren Abschluss in der Tasche. Denkmalpflege ist an der Hochschule für angewandte Kunst und Wissenschaft (HAWK) ein Masterstudiengang, der Kenntnisse in anderen Fächern wie Archäologie, Architektur oder etwa Soziologie voraussetzt. Die Teilnehmer lernen, Gebäudemodelle zu bauen, Baustile zu unterscheiden oder die Geschichte einer Stadt an Plänen abzulesen.
Sie lernen aber auch die Kriterien für Denkmalschutz: Künstlerisch, städtebaulich, wissenschaftlich oder historisch muss ein Gebäude einen herausragenden Wert haben, um es unter Schutz zu stellen. Denn der Vorgang stellt einen schwerwiegenden Eingriff in das Eigentumsrecht dar, der nur mit starkem öffentlichen Interesse gerechtfertigt werden darf. Da stellen sich durchaus Fragen. Wenn wie jetzt in Köln mit 30.000 Unterschriften gegen den Abriss des Schauspielhauses protestiert wird, dann freut das zwar die Denkmalpfleger – aber ist das ein Argument dafür, künftig Denkmalschutz per Volksabstimmung ausüben zu lassen? Die Studenten ahnen, dass dann so manches Gebäude fallen würde, das von Experten als wichtiges baugeschichtliches Kulturgut betrachtet wird. Dekan Prof. Martin Thumm hakt ein: „Stehen vielleicht viel zu viele Bauwerke unter Schutz?“, fragt er provokant, „oder sollte nicht zumindest eine Hierarchie der Schutzwürdigkeit eingeführt werden?“ Und: „Hat die Denkmalpflege vielleicht vergessen, die Menschen bei ihren Erklärungsversuchen mitzunehmen?“
Die Studenten versuchen nicht, endgültige Antworten zu finden. Die Gefahr der Plebiszite erkennen sie schnell. „Es darf nicht nur der aktuelle Zeitgeist entscheiden“, sagt Daniel Hasse. „Die Schnelllebigkeit unserer Zeit ist riskant für Baudenkmale.“ Dozent Gerlach weist noch auf ein viel grundsätzlicheres Problem hin: „Für wen machen wir eigentlich Denkmalschutz?“, fragt er in die Runde. Tatsächlich löst sich die einst breite bürgerliche Mitte, die Interesse an einer auch regional sichtbaren Geschichte hat, zunehmend auf; der gesellschaftliche Zwang zu Mobilität und die Beschleunigung der sozialen und medialen Kommunikation lassen das Engagement für überkommene Bauwerke in den Hintergrund treten. Schlechte Voraussetzungen seien das, um gesellschaftliche Akzeptanz für Gebäude herzustellen, die vielleicht gerade nicht dem aktuellen Verwertungsinteresse oder Geschmack entsprechen.
Dass aber gerade der niedersächsische Landtag als Vertreter des Souveräns sich über die Denkmalbestimmungen hinwegsetzen wolle und im Wunsch nach mehr Repräsentation ein junges, aber international anerkanntes Baudenkmal wegreißen will, das stößt in Hildesheim nur auf Kopfschütteln. „Es wäre die vornehmste Aufgabe des Landtags, ein Gesetz zu stützen, statt es zu stürzen“, sagt Dozent Gerlach und erinnert an Paragraf 2 Abs. 2 des Niedersächsischen Denkmalgesetzes: „Dem Land sowie den Gemeinden, Landkreisen und sonstigen Kommunalverbänden obliegt die besondere Pflicht, die ihnen gehörenden und die von ihnen genutzten Kulturdenkmale zu pflegen und sie im Rahmen des Möglichen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“
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Kommentare
Gebäude als Botschafter E.Isblock – 13.05.10
Gebäude geben Botschaften nach aussen an den Betrachter weiter und auch nach innen an die Bewohner. Als Bewohner erhalte ich Botschaften über Kältebücken und sonsige schlechte Isolierungen. Im Winter ist es nicht kuschelig warm und im Sommer ist es allerdings angenehm kühl im Denkmal wie in einer alten Burg.Nachhaltigkeit ist in der Denkmalpflege genauso wichtig wie im Naturschutz. Denkmalpflege muss auch für künftige Generationen wertvoll sein und Sinn machen. Der Bezug zur Heimat wird allesdings immer noch leichter durch ein schönes und auch künstlerisch gestaltetes Gebäude erzielt als durch ein hässliches Denkmal. Es ist sicherlich eine echte Herausfordung für künftige Denkmalpfleger, Denkmalpflege auch zeitgemäß umzusetzen und nicht alles konservieren zu wollen.
Gebäude sind Botschafter Bürger – 01.04.10
Wie soll unsere gebaute Umwelt aussehen? Um welche Qualitäten müssen wir uns sorgen? Es geht hier um die „Kultur des Bauens“. Die ästhetische Qualität des „Yi-Entwurfs“ kann man als monumental, als Monument bezeichnen. Monumentales Bauen in seiner entsprechenden Gestalt soll ja die Taten von Persönlichkeiten, Gemeinschaften und Staaten verherrlichen und deren Gedenken, oft mit dem Ziel der Legitimation des Gegenwärtigen. Monumente haben auch immer besondere politische Bedeutung, oder werden als Symbol einer Institution entworfen. In früheren Zeiten auch mit der Glorifizierung oder Vergottung eines Herrschers. In diesem weitem Sinne ist der „Yi-Entwurf“ ein Element geschichtlicher, politischer Propaganda. Eine Selbstdarstellung, die den Herrschaftsanspruch im Bauwerk ausdrückt. Diesen geistig-emotionalen und ideologischen Anspruch, äußert der Entwurf in seinen symbolischen Formen, er will auch „Denkmal“ sein. Man könnte auch von einem nationalen Architekturentwurf, nicht jedoch von einem internationalen Architekturkonzept sprechen. Leider sind die guten internationalen Beispiele der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Selbst denen, die mitentscheiden, wie eine Stadt aussehen soll.Natürlich LJA – 30.03.10
machen sich die angehenden Denkmalpfleger wegen der Vorgänge in Hannover Sorgen. Ist doch ein einmaliger Berufsstand in Gefahr. Mit Beamtenstatus, aber fast ohne öffentliche Kontrolle und nur sich selbst und seinen Kollegen verpflichtet, kann man wunderbar die eigenen kulturellen Vorlieben ausleben.Das zeigt sich auch beim Plenarsaal, dessen Qualitäten hauptsächlich in den Erinnerungen der Augenzeugen liegen, die aber durch das Gebäude leider nicht weiter gegeben werden können. Es wird Zeit für Hannover und Niedersachsen, sich von seiner angeblich grossen Vergangenheit zu lösen und endlich Gegenwart und Zukunft zu stellen.
Die mögliche Ohrfeige geht nämlich eher an zukünftige Generationen. Diese werde mit dem Spott leben müssen, in einem Freilichtmuseum zu wohnen, das dann für alle Zeitgenossen nur noch Ausdruck der geistigen und materiellen Armut der Nachkriegszeit ist.