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Landtag: Abriss oder Umbau? Denkmäler können für Unternehmer teuer werden
Hannover Themen Landtag: Abriss oder Umbau? Denkmäler können für Unternehmer teuer werden
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11:02 29.03.2010
Von Conrad von Meding
Das Krankenhaus Clementinenhaus in der List musste seinen neuen OP Saal um den denkmalgeschützten Schornstein herum bauen. Quelle: Florian Wallenwein

So einen großen Schornstein hat wohl kein anderer Operationssaal in Norddeutschland: Der schlanke, hohe Zielbau ragt mächtig aus dem Neubau des DRK-Clementinenhauses in der List heraus, der nächste Woche eröffnet wird. Eine Funktion allerdings hat der Schlot längst nicht mehr. Einst entrauchte er das Kraftwerk des Krankenhauses, das den 1885 gegründeten Betrieb mit Energie versorgte. Das Kraftwerk ist längst abgerissen, nur der Schornstein bleibt. Er steht unter Denkmalschutz.

Für Hannovers Denkmalschützer Jörg Maaß ist der Schlot „eine Landmarke“, stellt in der Stadtkulisse ein weithin sichtbares Symbol für den energiefressenden Krankenhausbetrieb dar. „Es geht beim Denkmalschutz nicht nur um Schönheit“, sagt Maaß, „wir müssen auch die Erinnerung an die Funktionszusammenhänge der Stadtgeschichte bewahren.“

Das will man auch im Krankenhaus gerne und ist stolz zum Beispiel auf den schönen Ursprungsbau aus gelben und roten Ziegeln, der heute nicht mehr medizinisch, sondern als Verwaltungssitz, Herzkatheterlabor und Chefarztbereich genutzt wird. „Wunderschön“ sei das Historische Ensemble aus Gebäude und Schornstein, sagt Clementinenhaus-Geschäftsführer Fritz Finke. Nur teuer war es eben auch. „Es wäre schon einfacher gewesen ohne den Schornstein“, sagt Finke.

Seit gut 20 Jahren ist der Schornstein bei den Krankenhausplanungen ein Dauerthema, und eigentlich steht er immer im Weg. Nun ist schließlich eine pragmatische Lösung zwischen den Platzanforderungen und Denkmalschutz gefunden worden. „Wir haben den OP-Saal einfach drum herumgebaut“, sagt Finke. Rund eine halbe Million Euro Mehrkosten habe die Integration der beiden alten Baukörper gekostet, rechnet man im Krankenhaus vor – von der Zeitverzögerung noch ganz abgesehen. Der Schornstein musste mit einem komplett neuen Betonfundament unterspritzt werden, um ihn für die nächsten 100 Jahre zu stabilisieren. Angesichts der knapp bemessenen Budgets im Gesundheitswesen sei das keine einfache Aufgabe gewesen, sagt Finke: „Wir haben jetzt bei der Aufsichtsbehörde den Antrag gestellt, zumindest die Mehrkosten für das Erledigen der Denkmalschutzauflagen erstattet zu bekommen.“

So etwas kommt für andere gewerbliche Denkmalseigentümer nicht infrage. In der Markthalle etwa ist man gar nicht gut auf Hannovers Denkmalschützer zu sprechen – und macht auch kaum einen Hehl daraus. „Selbstherrlichkeit“ wirft Geschäftsführer Gerhard Schacht den kommunalen Mitarbeitern vor und fordert, dass sie zumindest alle fünf Jahre ihr Aufgabengebiet wechseln müssten. „Sonst ist man als Gebäudeeigentümer den Sachbearbeitern ja vollständig ausgeliefert.“

Hannovers Markthalle ist eigentlich ein Denkmal der Nachkriegszeit: 1955 ist das Gebäude als Ersatz für den zerbombten, vom Jugendstil geprägten Vorgängerbau errichtet worden, doch sowohl die Kellergewölbe als auch die zur Karmarschstraße noch sichtbaren Grundmauern stammen vom Vorgängerbau – und verhindern eine vernünftige Außengastronomie auf dem Bürgersteig der Karmarschstraße. „Wir dürfen keine zusätzlichen Türen in die Fassade einbauen, weil eine halbhohe Mauer unter Schutz steht“, ärgert sich Schacht. Die Alternative, die ihm der Denkmalschutz angeboten habe: regelrechte Brücken über den Mauersockel bauen und dann im Bereich der Glasfassade statt der gewünschten Schiebetüren Schleusen wie im Eingangsbereich installieren. „Das ist eine perfide Art, Neuerungen zu verhindern“, sagt Schacht: „Bei solch einer Konstruktion geht der Markthalle derart viel Platz verloren, dass ich mindestens einem Stand kündigen muss.“

Auch beim Brandschutz gab es reichlich Ärger. „Die Feuerwehr hat uns mit Klagen gedroht, wenn wir nicht handeln – der Denkmalschutz hat mit Klagen gedroht, wenn wir handeln“, berichtet Schacht. Jetzt sei eine Lösung gefunden worden, die aber erheblich teurer geworden sei. „Die Eigentümer könnten die reinen Mehrkosten des Denkmalschutzes zwar von der Steuer absetzen, aber nur elf Prozent – da ist das notwendige Gutachten zur Kostenermittlung teurer als die Ersparnis.“

Unzufrieden mit den Denkmalauflegen ist auch Reinhold Fahlbusch, Geschäftsführer des Fairkauf-Sozialkaufhauses in der Limburgstraße. Auch dieses Gebäude wurde als eines der wenigen im Original erhaltenen Zeugnisse der Mittfünfziger Jahre unter Denkmalschutz gestellt. Die mit filiagranen Fensterteilungen sehr transparent wirkende Fassade gibt dem Gebäude ein eigenständiges Äußeres – birgt für die Nutzer allerdings auch Probleme. „Es sind Einscheiben-Verglasungen ohne Wärmedämmung“, sagt Fahlbusch: „Im Sommer ist es richtig heiß, im Winter kaum zu heizen.“ Weil die Denkmalauflage aber vorsieht, diese Fensteroptik beizubehalten, würde eine neue Glasfassade rund eine Viertelmillion Euro kosten. „Wir unser Mietvertrag sieht zwar Optionen bis 2022 vor, aber selbst bis dahin werden wir nach heutigen Preisen nur 150 000 Euro für Heizenergie ausgeben“, sagt Fahlbusch. Ein Fensteraustausch wäre also hochgradig unwirtschaftlich. „Weder die Eigentümerfamilie noch wir könnten uns das leisten“, sagt Fahlbusch. Und so heizt das Sozialkaufhaus die Innenstadt im Winter kräftig mit.

Auch im Sozialkaufhaus gab es lange Debatten um den Brandschutz. „Die Denkmalschützer haben die von der Feuerwehr und der Bauaufsicht geforderten Lösungen einfach abgelehnt“, staunt Fahlbusch: „Als Demokrat frage ich mich, wie es möglich ist, dass solch eine Instanz sich völlig jeder Kontrolle entzieht.“

Der Geschäftsführer betont aber auch, dass das denkmalgeschützte Gebäude ein besonderes Flair bietet. Als der Betrieb im vergangenen Sommer wegen einer Grundsanierung der Fahrstuhlanlage für etliche Wochen ins benachbarte SinnLeffers-Kaufhaus ausweichen musste, hätten die Mitarbeiter am Ende gesagt: „Jetzt geht es wieder nach Hause.“

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Baudenkmälern bedeutet für Privatleute häufig eine große Last: 
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Mehrere Eigentümer von Denkmälern der Nachkriegsmoderne in Hannovers Innenstadt lassen jetzt juristisch die Erfolgsaussicht einer Denkmalsklage gegen den geplanten Abriss des Landtags-Plenarsaals prüfen.

Conrad von Meding 25.03.2010

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09.12.2010