Neuer Plenarsaal? Politik geht in die Offensive
Wird es in Zukunft zwei Plenarsäle des niedersächsischen Landtags geben – den alten und einen neuen, der daneben gebaut wird? In den Landtagsfraktionen von CDU und SPD werden diese Überlegungen angestellt, wie die beiden Fraktionsvorsitzenden gegenüber dieser Zeitung bestätigt haben. Diese Variante sei eine „ernsthafte Option“, erklärten Björn Thümler (CDU) und Stefan Schostok (SPD).
In den großen Landtagsfraktionen wird gegenwärtig folgendes Szenario erörtert: Falls der entworfene Glaspavillon vom Sieger des Architektenwettbewerbs, Eun Young Yi, wie erwartet nur zu extrem hohen Kosten von mehr als 60 Millionen Euro machbar wäre, kämen zunächst Sanierung und Umbau des alten, von Dieter Oesterlen geschaffenen Plenarsaals in Betracht. Falls aber auch dieser Schritt zu einer Kostenexplosion führen würde, hätte man noch einen „dritten Weg“. Dieser besagt, den denkmalgeschützten Oesterlen-Bau nur notdürftig zu renovieren. Dies betrifft vor allem die energetische Sanierung der Deckenkonstruktion. Der Saal würde dann aber lediglich als „Veranstaltungsforum“ genutzt. Ein neuer Plenarsaal müsste daneben gebaut werden.
Hierfür gibt es zwei mögliche Standorte – entweder die Fläche über der Leine neben dem jetzigen Plenarsaal, wo früher die Wasserkunst stand, oder ein Areal gegenüber dem Landtag auf der anderen Seite des Leineufers. Über eine überdachte Brücke würde dann der neue Plenarsaal mit dem alten Landtagsgebäude verbunden werden. Gegen diese Variante hatte sich aber die Stadtverwaltung ausgesprochen, weil sie das Leineufer dort weitgehend von Bebauung freihalten will. Wie es heißt, besteht dieser Einwand weiter. Außerdem war dieser Vorschlag 2008 verworfen worden, weil der Plenarsaal dort die Ansicht des alten Leineschlosses verdecken würde.Im Vorstand der CDU-Landtagsfraktion werde dieses „Leinesprung“ genannte Modell aber „als eine Möglichkeit“ angesehen, erklärte Fraktionschef Björn Thümler: „Das ist ein denkbarer Weg, wenn Yi nicht gebaut wird und auch die Sanierung zu aufwendig wäre.“
SPD-Fraktionschef Stefan Schostok favorisiert als möglichen dritten Weg für den Bau eines neuen Plenarsaals ein Areal neben dem Platz der Göttinger Sieben – wo früher die Wasserkunst stand: „Es kann sein, dass die Debatte in diese Richtung führt. Wir sind jedenfalls dafür, nun auch Ideen zu erörtern, die früher schon durch das Sieb gefallen sind.“ Über die Frage des künftigen Plenarsaals solle ein „breiter öffentlicher Dialog“ geführt werden. Schon in der kommenden Woche wird dies ein Thema im Landtag. Aus Hannovers Stadtpolitik kam am Mittwoch allerdings heftige Kritik. Das Nennen ständig neuer Standorte sei „selbstherrlich“.
Stadtpolitik verzweifelt am Landtag
Die immer neuen Ideen aus dem Landtag, was mögliche Standortlösungen für einen Neubau des Plenarsaals betrifft, haben am Mittwoch für verärgerte Reaktionen bei der hannoverschen Rathausmehrheit gesorgt. „Selbstherrlich“ nannte SPD-Ratspolitiker Thomas Hermann die Vorschläge, ein zusätzliches Landtagsgebäude an den Standort der historischen Wasserkunst (Vorschlag der SPD-Landespolitik) oder auf die Grünfläche am Leineufer gegenüber dem Schloss (Vorschlag der CDU-Landespolitik) zu setzen. Grünen-Ratsvize Michael Dette bemängelte, dass die Landtagsmitglieder sich „fast gänzlich aus dem jüngsten Stadtentwicklungsdialog herausgezogen“ hätten und jetzt „auf einmal derart wichtige Orte in der Innenstadt belegen“ wollen.
Die Vorschläge wurden am Mittwoch von den CDU- und SPD-Fraktionschefs im Landtag ins Gespräch gebracht – nicht einmal 24 Stunden, nachdem erstmals offiziell Zweifel am Ergebnis des jüngsten Wettbewerbs geäußert worden waren. Der Entwurf des Wettbewerbsgewinners Yi aus Köln ist, das hatte Landtagspräsident Hermann Dinkla (CDU) betont, zwar noch nicht aus dem Rennen. Doch die Spitzenpolitiker setzen offenbar schon wieder auf neue Pferde.
Die Standortvarianten Wasserkunst und Leinesprung waren beide schon 2009 bei der Vorbereitung des jüngste Architektenwettbewerbs diskutiert und verworfen worden. Beim Wasserkunstgrundstück (SPD-Vorschlag), für das die Stadt grundsätzlich gerne eine moderne Bebauung hätte, stellte sich bei der ersten Raumanalyse heraus, dass der Platz nicht für ein Gebäude mit Plenarsaal reiche. Detailliert untersucht worden ist das allerdings noch nicht. Bei einer Bebauung der Grünfläche auf der südlichen Leineseite (CDU-Vorschlag) würde der Blick auf die denkmalgeschützte Fassade des Leineschlosses – immerhin erster Sitz der hannoverschen Welfen – verbaut. Auch die Grünanlage selbst mit der stadtgeschichtlich bedeutsamen Leinemauer steht unter Denkmalschutz.
Grünen-Ratspolitiker Dette erinnerte am Mittwoch daran, dass „in einem dreijährigem Dialog mit Bürgern“ Standorte für neue Bebauungen in der Innenstadt gesucht und gefunden worden seien. Dabei ist auch einer in unmittelbarer Nähe des Landtags: auf der bisher als Parkplatz genutzten Fläche neben der Brücke Schlossstraße, in Nachbarschaft zu der flachen Neubaubrücke, die Hannovers Furt symbolisieren soll. SPD-Ratspolitiker Hermann riet den Landespolitikern, „nicht einfach Klötzchen auf einem Stadtplan zu verteilen“, sondern auf das neue Konzept zur Innenstadtentwicklung Rücksicht zu nehmen. „Ich empfehle ein intensives Gespräch mit Hannovers Stadtbaurat.“
Die Landespolitiker wollen sich einen repräsentativeren Plenarbereich spendieren. Das Konzept von 2002 für einen Umbau des bisherigen Gebäudes gefiel ihnen nicht mehr, das neuere für Abriss und Neubau könnte zu teuer werden. Jetzt wird offenbar nach Alternativen gesucht.
Conrad von Meding und Klaus Wallbaum
Dieser Artikel wurde aktualisiert.
HAZ.de Anmeldung