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Strampeln statt Gedränge

Mit dem Tretboot beim Maschseefest


Leise Töne statt Getöse, Strampeln statt Gedränge: Mit ein wenig Abstand lässt sich die Feierei am Maschsee ganz in Ruhe genießen. ZiSH-Autoren haben Fruchtcocktails getrunken und getanzt - auf dem Tretboot.
(Alkoholfreie) Cocktails inklusive: Friederike, Mareike, Malte und Joss (von links) genießen die entspannte Ruhe auf dem Wasser – und gönnen sich eine Tretpause.

(Alkoholfreie) Cocktails inklusive: Friederike, Mareike, Malte und Joss (von links) genießen die entspannte Ruhe auf dem Wasser – und gönnen sich eine Tretpause.

© Nico Herzig

Es ist 17 Uhr, Donnerstag. Trotzdem strömen die Massen am Nordufer aufs Maschseefest. Das Getümmel geht uns auf die Nerven. Zu langsam wälzen sich die Menschenschlangen am Ufer entlang. Wir haben Größeres vor: Wir schaukeln die Party auf dem Wasserweg. Am Bootsverleih Ecke Sprengel Museum suchen wir uns das passende Fahrzeug aus. „Während des Maschseefests steigt die Nachfrage deutlich“, erzählt Hans Gerhardt von der Segel- und Yachtschule Maschsee Nord, die auch Tretboote vermietet. „Bei gutem Wetter sind oft alle Boote unterwegs.“ Aber heute ist der Himmel grau, und wir können wählen. Ein schwimmender VW-Käfer soll es sein. Zu viert klettern wir in das schwankende Schiff: zwei Backbord, zwei Steuerbord. Es kann losgehen. Ahoi!

Um steife Nacken von scharfem Fahrtwind müssen wir uns in unserem Seecabrio keine Sorgen machen: Unser weißes Automobil-Duplikat bringen wir mit Mühe und Not auf Schneckentempo. Die Passanten am Ufer überholen uns problemlos im Schlenderschritt. Bei der Schwerfälligkeit unseres Schiffchens ist es gar nicht so einfach, den zahlreichen Segelbooten und Sportruderern auszuweichen. Aber angeraunzt, wie sonst manchmal an Land, wenn es zwischen Hunderten feierwütigen Hannoveranern eng wird, werden wir auf See immerhin nicht.

Wir lassen uns am Nordufer entlangtreiben. Vor dem Courtyard-Hotel überragt eine riesige gelbe Quietscheente Menschen und Buden. Von unserem Boot aus sehen wir vom Kinderprogramm, das dort gerade läuft, vor lauter Zuschauern nur einen großen bunten Hut auf und ab wippen. Was da wohl los ist?

Wir treiben in Richtung Fontäne, und ihr Rauschen übertönt das Fest. Wir sind dankbar für die Pause vom üblichen Getöse. Aber das Strampeln wird anstrengend und die Kehlen trocken. Wir fahren weiter. Am Steg sehen wir das Piratenboot ablegen. Seeräuber mit roten Kopftüchern stehen an Deck. Kurz überlegen wir, auf einen Plausch zwischen Maschsee-Matrosen hinterherzufahren – doch wir werden abgehängt.

Neben der Dampferanlegestelle am Nordufer hat die Sansibar ihre Bar aufgebaut. Wir steuern unser Boot direkt neben die Mauer. Ein junges Paar lacht herunter und ruft die Kellnerin zu uns. Wie bei einem Drive-in bestellen wir von unserem Boot aus Cocktails. Alkoholfrei, versteht sich, schließlich sitzen wir in einem schwimmenden Automobil. Doch noch bevor wir unsere Getränke in Empfang nehmen können, vertreibt uns das Solarboot von unserem Ankerplatz. Neue durstige Gäste strömen auf das gläserne Ausflugsboot. Wir fahren lieber beiseite. Denn auf dem Wasser geht es anscheinend zu wie in der Disko: Der Kleinere gibt nach.

Geduldig wartet unsere Kellnerin, bis wir endlich wieder bei ihr anlegen können. Unsere Mühen sind für die Feiernden an der Promenade eine willkommene Unterhaltung. Vier Mittdreißiger prosten uns fröhlich zu, und einer zückt sogar seine Kamera. Wir lassen uns nicht beirren und genießen endlich die fruchtig-bunten Kraftspender, die dazu auch noch ganz phantastisch schmecken. Mit den kühlen Gläsern in der Hand machen wir es uns auf unserem Boot gemütlich und beobachten die Feiernden auf der Promenade. In Schlangen stehen sie dort, warten auf ihre Getränke und suchen nach einem freien Tisch. Das sparen wir uns lieber. Ein paar neidische Blicke treffen uns, doch die meisten schauen öfter ins eigene Glas als in unser Boot.

Gestärkt wagen wir uns wieder auf hohe See und schippern Richtung Südufer. An der Löwenbastion glitzern Lichter durch die Blätter. Hier sitzen die Menschen bei Brezeln und Getränken. Wir fahren vorbei an älteren Herrschaften in Poloshirts und Familien mit Kindern. Ein junges Mädchen mit Cola im Glas und verlegenem Lächeln im Gesicht winkt uns zu. Ihr kleiner Bruder guckt misstrauisch über den Tisch zu uns herunter – kein Anblick, den man jeden Tag zu sehen bekommt, so ein Haufen Leichtmatrosen im schwimmenden Auto. Wir winken auch und treiben weiter. Durch die Bäume dringt Saxofon-Musik zu uns aufs Wasser. Klar, beim Maschseefest wird getanzt. Das wollen wir jetzt auch. Zu dem entspannten Jazz funktioniert das aber nicht gut. Vom Groove Garden und seinen wummernden Bässen sind wir inzwischen leider mehr als nur ein paar Tritte in die Pedale entfernt.

Ein Hoch auf die moderne Technik: Unser Handylautsprecher rettet uns auf hoher See vor der Eintönigkeit. Zwar scheppern die Höhen, und Bässe gibt es auf unserem kleinen Traumschiff gar nicht, doch das ist immer noch besser als die Stille auf dem Wasser. Wir wollen tanzen! Doch schon zaghafte Tanzschritte bringen unsere schwimmende Disko bedrohlich ins Wanken. Nicht nur die Stimmung droht zu kippen. Wir entscheiden uns schweren Herzens gegen allzu heiße Sohlen und kühlen diese lieber kurz im See. Die Kraft in den Beinen brauchen wir ohnehin für die Weiterfahrt.

Land in Sicht! Die Brise, die von den Fressbuden herüberweht, lockt betörend. Wir manövrieren unser Boot an der Löwenbastion ans Ufer. Ein gekonnter Seemannsknoten verankert es am erstbesten Blumentopf. Das hätte Käpt’n Blaubär auch nicht besser gemacht. Es tut gut, von schaukelndem Hartplastik für einen Moment wieder auf soliden Steinboden zu klettern. Wir kapern einen Biertisch und beäugen die Landratten an den Nachbartischen, doch die wirken harmlos und schlürfen Wein und Bier. Lange können wir leider nicht bleiben, uns ruft der See und unser Kahn, der ohne Besatzung auf den Uferwellen schwappt. Doch zuerst müssen wir unseren Hunger stillen. Im Wasser gleiten fette, graue Karpfen vorbei, doch die lassen wir lieber in Frieden. Ein Fischbrötchen muss genügen. Der Gleichgewichtssinn gibt wieder Ruhe, und der Magen ist gefüllt: Wir können erneut in See stechen.

Vom Stadion dröhnt plötzlich Lärm herüber. Die Band U2 ist zu Besuch. Viel mehr als Krach kommt davon bei uns aber nicht an. Kunstnebelschwaden wabern aus der 96-Schüssel. Unser kleiner Käfer fährt leider ohne Nebelleuchten durch die Wellen. Von Weitem sehen wir am Nordufer die Lichterketten aufleuchten. Der Blick aus der Ferne macht uns ganz wehmütig. Wir treten ein letztes Mal in die Pedale. Nach so langer Fahrt freuen wir uns wieder auf das Getümmel, die Menschen, die Musik. 

Malte Mühle, Mareike Zoege, Friederike Vogel und Joss Doebler

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