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Teil 2: „West-See“

Landwirt Schomburg blickt skeptisch aufs Projekt Leinebogen

Von Heinrich Thies

Bauernhof mit Privatstrand: Als Landwirt und Ortsbürgermeister betrachtet Christian Schomburg die geplante Wasserlandschaft mit Skepsis – auch wenn sein Hof durch das Projekt Leinebogen einen Privatstrand bekommen und der Leinebogen ihn sogar reich machen würde.
Landwirt Christian Schomburg blickt mit Skepsis auf das Jahrhundertprojekt Leinebogen.

Landwirt Christian Schomburg blickt mit Skepsis auf das Jahrhundertprojekt Leinebogen.

© Kristoffer Finn

Christian Schomburg ist kein Träumer, sondern ein Mann, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht. Und Schomburg steht nicht nur auf dem Boden, er beackert ihn auch – wie viele Generationen seiner Familie vor ihm. Seine rot geklinkerten Hofgebäude mit der alten Mauer vermitteln den grundsoliden Eindruck eines Gutshofes. Tatsächlich nimmt der 40 Jahre alte Landwirt mit der sportlichen Statur im Seelzer Ortsteil Gümmer eine herausragende Stellung ein – als Ortsbürgermeister, Bezirkslandwirt, Jagdpächter und Eigentümer großer Acker- und Wiesenflächen.

Aufgrund dieser Funktionen ist der letzte Bauer von Gümmer gleich mehrfach von dem Jahrhundertprojekt betroffen, das das Bild seiner Heimat verändern soll. Unmittelbar hinter Schomburgs Hof nämlich wird sich irgendwann vielleicht ein riesiger See erstrecken. Wo jetzt noch Kühe weiden, könnten dann Segelboote kreuzen. Der Hof hätte einen Privatstrand. Doch der Vater von zwei sechs und neun Jahre alten Kindern ist alles andere als begeistert. „Wenn das wider Erwarten Wirklichkeit wird, müsste ich die Landwirtschaft wohl aufgeben“, sagt Schomburg. „Betroffen wäre ja nicht nur die Seefläche, sondern auch das Gebiet drum herum. Irgendwo müssen die schönen Häuser ja hin.“ Auch als Jäger sieht der Landwirt das Projekt skeptisch. „Der Lebensraum für Hasen und Fasane schrumpft. Bei den Rehen müsste man wahrscheinlich einen Totalabschuss machen, die hätten ja keine Rückzugsmöglichkeiten mehr.“

Als Ortsbürgermeister empfindet es Schomburg als „puren Hohn“, wenn der Freizeitsee mit all der Randbebauung genehmigt werden würde. „Wir können hier nicht mal ein kleines Neubaugebiet ausweisen – und dann das.“ Einmal ganz davon abgesehen, dass an der Stelle, wo sich der Aushub zum „Kleinen Deister“ auftürmen soll, bereits ein Recyclingunternehmer den Zuschlag bekommen hat. Einen Sportplatz gibt es hier schon. „Den müsste man zuschütten“, sagt Schomburg. Vor allem fragt sich der Ortsbürgermeister, was aus der großen Abwasserleitung werden soll, die quer durch die Leinemarsch führt. „Will man die etwa unterm Wasser verlegen?“

Nein, Bauer Schomburg kann nur milde lächeln. Dabei würde ihn der Verkauf der betroffenen Flächen wahrscheinlich reich machen. Zum Beispiel ist das Gelände in seinem Besitz, das laut Plan als „Seehaupt“ aus dem Wasser ragen soll – mit großem Freizeitpark, Ferienhäusern und Strandbad. Zurzeit heißt der Hügel noch Krähenberg und präsentiert sich ganz unspektakulär als abgeernteter Getreideacker. Eichen und Eschen trotzen hier dem Wind. Wenn man vom Krähenberg auf das Überschwemmungsgebiet der Leine blickt, sieht man allerorten alte Baumgruppen und -reihen. „Das würde alles abgeholzt werden“, sagt Schomburg. „Und uns Landwirten macht man das Leben schwer, wenn wir auch nur einen Ast absägen wollen.“

Das Dauerrauschen der nahen A 2 untermalt die klagenden Rufe eines Mäusebussards. Der Autobahn vorgelagert ist auf der anderen Seite der Leine der große Golfplatz „Schloss Ricklingen“, der unmittelbar an den Westsee grenzen würde. „Ich find die Idee gut“, sagt Hans Kindsvater, der schon seit 20 Jahren aus Hannover-Kirchrode zum Golfen in den Klub kommt. „Dann könnte man von manchen Löchern den See sehen.“ Doch mit einem Lächeln weist der Golfer darauf hin, dass er schon 71 ist. „Ich weiß nicht, ob ich das noch erlebe.“ Der Garbsener Golfer Uwe Korallus (52) will es gar nicht erleben. „Ich hätte zwar von meinem Haus aus Seeblick, aber der Naturschutz würde auf der Strecke bleiben“, sagt der Physiotherapeut, der auch um seine Joggingstrecke bangt.

Gleich hinter dem Golfklub vermittelt der „Blaue See“ einen kleinen Eindruck davon, wie es hier einmal aussehen könnte. Junge Männer aus Celle mühen sich während eines Betriebsausflugs, auf dem Wasser Ski zu fahren. Doch die meisten plumpsen hinein, kaum dass sie die Rampe der Wasserskianlage verlassen haben. „Geil“ finden sie es trotzdem. Ob sie schon vom Seeprojekt gehört haben? Achselzucken. Stefan Koch, der den Seilzug bedient, dagegen weiß Beschied. „Warum nicht? Kommen vielleicht dann noch mehr zum Wasserskifahren.“

Am anderen Ende würde der Westsee vom Mittellandkanal flankiert werden, der hier die Leine überquert. Der imposante Unterbau der Leinebrücke mit den Hochwassermarken vergangener Jahre würde selbstverständlich überflutet. Detlef Schallhorn, Bürgermeister der Stadt Seelze, sieht dennoch keinen Grund, ins Horn der Skeptiker zu stoßen. „Unser Land braucht Visionen, wir sollten das nicht gleich alles zerreden“, sagt der Rathauschef. „Wenn wir in 30, 40 Jahren die Chance hätten, am Wasser zu sitzen, dann wäre das doch sehr schön.“

Auch die Bewohner eines der Hochhäuser auf der Seite von Altgarbsen zeigen sich aufgeschlossen. „Wär’ doch toll, wenn wir hier Seeblick kriegten“, sagt der 15-jährige Felix. Die vielen Reiter, die durch die Leinemasch traben, bangen dagegen um ihre Weiden und Wege. „Der See ist doch gar nicht nötig“, findet die Pferdeliebhaberin Karolin Krach. „Das Steinhuder Meer ist ja nur 20 Kilometer entfernt.“

Radfahrer sind auf den langen Asphaltwegen der Leinemasch in jeder Jahreszeit unterwegs. „Die Natur hat hier viel zu bieten“, sagt ein 71-jähriger Hannoveraner, der jeden zweiten Tag durch die Flussauen radelt. „Hier sieht man Wildgänse, Möwen und Schwäne. Wäre schade, wenn sie das kaputt machen.“

Nur wenige träumen davon, dass der große See auch ganz neue Tiere anlocken könnte. Fische zum Beispiel. „Ich bin doch kein Angler“, sagt Jäger Schomburg. Ganz ausschließen will es der Landwirt aber nicht, dass er irgendwann doch schwach werden könnte und sich für einen guten Preis von seinen Ländereien im Seegebiet trennt. „Man soll nie nie sagen.“

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