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See-Projekt

Leinebogen: Seelze würde eine Insel werden

Von Felix Harbart

Würde der „Leinebogen“ Realität, wäre Seelze künftig eine Insel im Nordsee. Der Bürgermeister sieht die Debatte trotzdem gelassen – aus guten Gründen.
„Im Moment haben wir hier andere Sorgen“: Seelzes Stadtoberhaupt Detlef Schallhorn will erstmal alle Argumente hören, bevor er sich auf eine Position festlegt.

„Im Moment haben wir hier andere Sorgen“: Seelzes Stadtoberhaupt Detlef Schallhorn will erstmal alle Argumente hören, bevor er sich auf eine Position festlegt.

© Michael Thomas

Zum Spaziergang an den Nordsee hat Detlef Schallhorn einen Schirm mitgebracht, noch regnet es nicht, aber es könnte. Alles ist möglich, wie beim Leinebogen.

Seelzes Bürgermeister schreitet voraus, über die Brücke auf die Wiesen, dorthin, wo man nach den Plänen des hannoverschen Architekten Peter Grobe in ein paar Jahren nicht mehr laufen, sondern nur noch schwimmen können soll. Gäbe es Grobes Großsee, den Leinebogen, schon, Schallhorn sähe jetzt links „Floating Homes“, schwimmende Häuser, und daneben einen Bootsanleger mit einem Café. Noch aber ist Grobe nicht zum Zug gekommen. Also führen die Seelzer hier wie ehedem ihre Hunde aus, und mancher tippt sich an die Mütze, wenn er den Bürgermeister mit dem Schirm in der Hand über die Leinebrücke gehen sieht.

Man könnte sich Gedanken machen um Schallhorn, jenen Bürgermeister, der sich die Freiheit genommen hat, die Idee vom Leinebogen eine „spannende Vision“ zu nennen und ansonsten abzuwarten, wie die Sache weiterläuft. Denn während Schallhorn das tut, hat die Meinungsbildung auf der Straße und in den Leserbriefspalten längst begonnen, und die meisten, die sich dort äußern, wollen von einem Großsee nichts wissen. Da ist von Politikern die Rede, die wohl keine anderen Sorgen haben, von Geld, das niemand hat, und von Natur, die unter den Plänen des Herrn Grobe absaufen soll. Detlef Schallhorn zuckt die Achseln. „Bei mir ist davon noch nicht so viel angekommen.“ Er lässt den Schirm in der Hand baumeln, noch, so kann man die Körpersprache deuten, ist dies kein Thema, das ihm unter den Nägeln brennt. „Ganz ehrlich, wir haben im Moment andere Sorgen“, sagt Schallhorn. Geldsorgen zum Beispiel. „Das ist im Moment die Pflicht. Eine Sache wie der Leinebogen, das ist für einen Verwaltungschef die Kür.“

Und doch, ein Blick auf die Karte zeigt, dass kaum eine Kommune von einem möglichen Leinebogen so berührt wäre wie Seelze. Käme er tatsächlich zustande, aus der Stadt würde eine Insel zwischen Großsee, Mittelland- und Stichkanal, große Teile lägen am sogenannten Nordsee. Sogar eine kleine Bergwelt gäbe es im Ortsteil Lohnde, würde der Erdaushub wie geplant zu einem „Kleinen Deister“ aufgeschüttet. Der Bürgermeister hat sich diese Pläne interessiert angehört, er hat die Grafiken gesehen, aber bisher sagt er nur: „Ich bin im Moment weder dagegen noch dafür, denn wie kann ich das sein, wenn wir noch gar nicht wissen, wovon genau wir eigentlich sprechen?“ Erst einmal wolle er die angekündigte Machbarkeitsstudie sehen. Vielleicht weiß man dann mehr.

Dass Schallhorn das sagt, ist in gewisser Weise logisch. Zum einen, weil er das Glück hat, nicht so schnell eine Meinung haben zu müssen. Denn Schallhorn ist parteilos. Weder wird er also von einer Fraktion zu einer Haltung gedrängt noch muss er selbst eine parteiinterne Diskussion in irgendeine Richtung lenken. „Ich muss mir meine Mehrheiten so oder so suchen“, sagt der Bürgermeister. In anderen Worten: Er kann abwarten, während die Kollegen in den Parteizirkeln die Köpfe zusammenstecken und eine Position ausloten müssen.

Aber Schallhorn wäre auch nicht Schallhorn, wenn er das Mammutprojekt sofort zu Grabe zu tragen versucht hätte. Er spricht gerne von „Visionen“, nicht erst seit dem Leinebogen. Er sagt Sätze wie: „Ich gucke, was geht, nicht, was nicht geht.“ Seit einem guten Jahr gibt es im klammen Seelze eine „Kristalltherme“, wo vorher ein marodes Schwimmbad war, und alle hoffen, dass Schallhorns Deal mit dem Investor sich auch in ein paar Jahren noch so pfiffig ausnimmt, wie es bisher scheint. Arm, aber kreativ, so gibt sich Schallhorn gern. Da muss man sich die Pläne für den Riesensee zumindest ernsthaft anhören. Zumal der eine oder andere Seelzer Geschäftsmann schon hat anklingen lassen, dass ihm ein See gut gefallen würde. Also geht der Bürgermeister im imaginären Nordsee spazieren, schwenkt den Schirm und sagt: „Warum nicht?“

Immerhin formuliert Schallhorn ein paar „K.-o.-Kriterien“: Zum Beispiel dürfe kein städtisches Geld in das Projekt fließen. Außerdem sei entscheidend, „dass die Menschen in Seelze etwas davon haben“. Privatstrände an Seelzes Gestaden werde er nicht akzeptieren. Auch das ist logisch.

Ob sie in „Grete’s Grill Imbiss“ etwas vom Leinebogen hätten, wissen sie noch nicht so genau. Im Sekundentakt rauschen an dem Imbiss an der Stöckener Straße in Seelze-Letter die Autos vorbei. Einmal hat Filiz Kocak zwischen Buletten braten und Pommes frittieren von morgens um vier bis nachmittags um fünf überschlägig die Wagen gezählt, die auf der Einfallstraße ihren Tresen passierten. Sie kam auf 15 000. Die fahren Tag für Tag von der Bundesstraße 6 über die Klappenburgbrücke Imbiss“ vorbei in die Stadt oder andersherum, und manche Fahrer halten an und essen eine Wurst.

In Peter Grobes Großsee-Skizzen gibt es die Klappenburgbrücke nicht mehr. Die Wege nach Seelze wären andere. Dafür hätte Kocak dann einen Imbiss in Strandnähe, und das wäre doch was. „Für uns wäre es wahrscheinlich gut“, sagt sie, und hinter ihr dampfen die frischen Bratwürste. „Aber nur so lange, wie es keinen anderen Imbiss gibt.“ Von Imbissen steht nichts auf den bunten Grafiken des Architekten Grobe, klar ist nur, dass wohl keine 15.000 Autos mehr vorbeifahren würden.

Filiz Kocak und ihr Kollege Werner Eickmann sind irgendwie noch unentschieden, was die Sache mit dem See angeht. Anders sieht das bei ihren Kunden aus. „Die meisten sind dagegen“, sagt Kocak. „Die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Die Letteraner, sagt eine Geschäftsfrau, seien ehrliche, fleißige Leute, viele wohlhabend. „Ihnen ist wichtig, dass sie keine Scherereien haben. Die können hier keinen gebrauchen, der vor ihrem Fenster ein riesiges Loch gräbt.“

Neulich war Bürgermeister Schallhorn bei der Feuerwehr und hat ein bisschen gescherzt. Demnächst könne man neue Boote einweihen, nicht neue Feuerwehrautos, hat er gesagt, und die Feuerwehrleute haben gelacht. Schallhorn zuckt die Achseln, als er das erzählt. Mal sehen, könnte das heißen.

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