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„Dosenwerfen wird es immer geben“

Traditionelle Budengeschäfte „Dosenwerfen wird es immer geben“

Wenn man so über den Schützenplatz läuft, ist eigentlich alles wie immer. Zwar werden die Fahrgeschäfte immer größer und wilder, doch Klassiker wie Doesenwerfen, Pfeilwerfen oder „Pferderennen“ werden wohl nie aussterben – und das ist auch gut so.

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„Schützenfest ist Vielfalt“: Bernd Heine betreibt die Dosenwurfbude „Super Game“. Er ist Schausteller in dritter Generation - und nie um einen Spruch verlegen.

Quelle: Janssen

Hannover. Alles so schön bunt und laut hier. Es blinkt, blitzt und flackert, grollt, plätschert, ruft, tutet, dröhnt, lockt, wummert und kreischt. Wo hat man sich seine Reizüberflutung gegönnt, als es noch kein Internet gab? Hier! Auf dem Rummel. Budenzauber. Alles „volle Pulle“, wie man hier noch sagt. Wenn man so über den Schützenplatz läuft, ist eigentlich alles wie immer. Klar, bei den großen Fahrgeschäften, für die irgendjemand mal das ebenso flapsige wie ehrfurchtsvolle Wort Kotzmühlen erfunden hat, ist alles größer, höher, weiter. Aber die Grundaufstellung ist gleich. Rummel ist auch eine Zeitmaschine. Ins Analoge. Nicht nur beim Lüttje-Lage-Trinken. Beim „Pferderennen“ müssen echte Bälle in echte Löcher gerollt werden, damit falsche Gäule bei Treffern wie Karnickel dem Ziel entgegenhoppeln. Das Ding als App - man würde keinen Cent dafür ausgeben. Aber hier rollen die Euros. Irgendwann klingelt’s, und der Kommentator ruft: „Die drei - jawoll!“

Oder Pfeilwerfen! Wer will heute in Zeiten von terrabytegroßen weltweiten Onlineechtzeitspielen noch Pfeilwerfen? Ein Blick ins „Spielcasino“ zeigt: gar nicht so wenige. Das „Spielcasino“ ist gar kein Casino, sondern seit 25 Jahren der Arbeitsplatz von Sonja Brunke, diesmal zwischen „Villa Wahnsinn“ und einer Handleserin. Vorn ein Tresen mit Pfeilen, hinten eine Wand mit bis zu 370 Ballons. „Die Leute“, sagt die Schaustellerin, „wollen auf Volksfesten etwas finden, was sie kennen.“ 370 bunte Ballons und noch viel mehr bunte Gewinne in einem bunten Wagen - für Kinderaugen ist so was seit jeher ein Paradies.

Für die Leute hinter dem Tresen weniger. Jeder Wurf bedeutet für sie: bücken. Hunderte Male am Tag bücken. Ein Knochenjob, auch wenn es wie das Gegenteil aussieht. Immerhin steht in der Ecke ein Kompressor. Fortschritt - hier wird er noch kleingeschrieben. „Früher haben wir das mit der Luftpumpe gemacht“, sagt Sonja Brunke.

Der Luftballonverbrauch ist beachtlich. Auch kleine Kinder, die auf dem Tresen hocken dürfen, treffen. Die Ballons sind sehr dicht gehängt. „Sie sollen ja gewinnen“, sagt die gebürtige Hannoveranerin lächelnd. Ein kleiner Junge schleudert seine Pfeile mehr Richtung Wand als dass er wirft. Ergebnis: fünf von sieben Treffern. „Uiiii“ machen die Eltern bei jedem Knall. Was soll er nur nehmen? Brunke hilft: „Flöte? Glibberhand? Laserschwert?“ Oder doch: „Baseballschläger? Flugzeug? Wasserbomben?“ So richtig viel getan hat sich in der Gewinnpalette nicht.

Ähnlich wie in der Dosenwurfbude mit dem Locknamen „Super Game“. Und doch: Hollywood ist eingekehrt, animationsfilmbedingt. Dieses Jahr sind es die Minions, laufende Überraschungseier aus dem Blockbuster „Ich - Einfach unverbesserlich“, die jetzt ihren eigenen Film bekommen. „Da sind wir ganz aktuell“, sagt Betreiber Bernd Heine, der es sich zwischen seiner Bude und seinem Wohnwagen gemütlich gemacht hat. Tisch und Campingstühle, ein Planschbecken für die beiden Kinder. Er ist Schausteller in dritter Generation. Seit elf Jahren kommt er mit seinem Dosenwurfwagen nach Hannover. Nebenan stehen die Eltern mit einer Süßigkeitenbude.

Der aus Bremen stammende 44-Jährige ist in seiner rustikalen Art so, wie man sich einen Schausteller vorstellt: groß, wetterfest, Anpackertyp, Duzer, nie um einen Spruch verlegen. Doch wenn es um die Branche geht, wird auch er mal nachdenklich. Die Töchter, sechs und zehn, seien schon interessiert, das Geschäft mal zu übernehmen, sagt er - und macht eine kurze Pause. „Ob es das dann in der Form alles noch geben wird, weiß ich nicht.“ Heine hat eine Umbruchstimmung ausgemacht. „Das ist fürs Publikum hier nicht unbedingt sichtbar, aber die Strukturen dahinter haben sich verändert. Vor allem die kleinen Ernte- oder Dorfschützenfeste gibt es immer weniger.“

Doch schnell findet Heine seinen Brustton wieder. Der Satz „Dosenwerfen wird es immer geben“ bekommt aus seinem Mund etwas geradezu Staatstragendes. Doch auch im Traditionsspiel gibt es Wandel. „Früher hat man mit drei Bällen auf sechs Dosen geworfen. Da ging’s nicht darum, die Auswahl zu kassieren, sondern möglichst viele Punkte zu sammeln. Je mehr Punkte, desto größer der Gewinn.“ Jetzt habe er umgestellt - entweder Auswahl oder Trostpreis. „Think big“, sagt Heine. Das Publikum habe das gut angenommen. Und trotzdem: „Früher waren wir ein Spiel für das gesamte Volksfestpublikum. Man ging einfach mal Dosenwerfen, auch in Gruppen. Mittlerweile sind wir ein Kinderspiel.“ Viele spielen heute lieber mit dem Handy. Das nagt am persönlichen Budget. Da rückt Dosenwerfen auf dem Rummel in der Prioritätenliste schnell nach hinten.

„Schützenfest ist Vielfalt“, sagt Heine stoisch. „Ohne Fahrgeschäfte geht es nicht, ohne Dosenwerfen auch nicht. Eigentlich gehört auch die Schaubude dazu.“ Doch der stärkste Mann der Welt im Ringel-Shirt wird schon lange nicht mehr auf dem Rummel vorgeführt. Heute heißt die Schaubude Freakshow und findet auf Youtube statt. Die einzige verbliebene Schaubude auf dem Schützenfest ist die Boxbude. Wer Dampf ablassen will, ist hier richtig.

Oder vor Heines Dosenstapeln. „Ein bisschen ist es auch Aggressionsabbau. Hier darf man mal ’ne Pyramide kaputt schmeißen.“ Ein junger Mann mit Baseballkappe und Kopfhörer um den Hals versucht gerade sein Glück. Dreimal mit Wucht, dreimal daneben. Nicht eine Dose fällt um. Seine Begleitung kichert. Trostpreis: eine Rose. Analog.

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