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Diebstahl 2.0

Internetkriminalität Diebstahl 2.0

Ob Einkauf oder Bankgeschäft – immer mehr Aktivitäten verlagern sich ins Internet. Damit wird das Netz auch attraktiv für Kriminelle.

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Wenn die Faust spricht

„Nerven behalten, Widerspruch einlegen“: Gegen manche Abzocke im Internet hilft schon ein gesundes Maß an Dickfelligkeit, sagt Gerald Lomp vom Landeskriminalamt.

Quelle: Michael Thomas

Ein harmloses Kochrezept aus dem Internet ist Nicole B. zum Verhängnis geworden. Ein original ungarisches Gulasch wollte die Medizinstudentin zubereiten und suchte auf einer der zahllosen Online-Rezeptbörsen Rat. Beim Blättern durch die Zutatenlisten stieß die 25-Jährige auf ein Gewinnspiel. Unter allen Teilnehmern sollte ein Sechs-Gänge-Menü in einem Edelrestaurant verlost werden. Ohne weiter darüber nachzudenken tippte sie ihre Adresse in das Web-Formular und schickte dies per Mausklick ab. Wenige Tage später bekam sie Post. Voller Vorfreude auf den Gewinn, den sie in dem Umschlag vermutete, riss sie das Schreiben auf, doch statt der Einladung zum Essen enthielt das Kuvert die erste von insgesamt zwölf monatlichen Rechnungen in Höhe von je 96 Euro. Die Medizinstudentin war eine Online-Abo-Falle für Kochrezepte getappt.

Gerald Lomp, beim Landeskriminalamt (LKA) zuständig für die Prävention von Internetkriminalität, kennt solche Fälle zuhauf. Durchschnittlich alle 17 Minuten werden Internetnutzer in Niedersachsen Opfer von Internet- oder Computerkriminalität. „Die Täter lassen sich immer neue Methoden einfallen, um online an das Geld fremder Leute zu kommen“, sagt der erfahrene Beamte. Hinter vielen Seiten, auf denen Witze heruntergeladen, Ahnenforschung betrieben oder Intelligenztests gemacht werden können, stecken gerissene Betrüger. Viele der Betroffenen, die angeblich ein Abo für Kochrezepte, Hausaufgabentipps oder Routenplaner abgeschlossen haben, wehren sich anfangs noch gegen die Zahlungsaufforderungen. „Doch wenn sich dann Inkassounternehmen melden und so den Druck erhöhen, zahlen viele“, sagt Lomp.

Dennoch rät der Beamte den Betroffenen zur Gelassenheit: „Die Geschädigten sollten versuchen, die Nerven zu behalten, gegen die erste Rechnung Widerspruch einlegen und einfach nicht bezahlen.“ In fast allen Fällen erledige sich das Problem dann von selbst.

Doch auch bei anderen Tätigkeiten im weltweiten Netz lauern Gefahren. Denn das Internet wird immer häufiger zum Tatort. Die Zahl der Onlinestraftaten ist in diesem Jahr auf einen neuen Rekordwert geklettert. Wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) Mitte Mai mitteilte, nahmen die Delikte im Netz im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr um 8,1 Prozent auf knapp 225.000 zu. Bei rund 80 Prozent der Fälle handle es sich um Betrug.

Auch Nils K. ist Cyberkriminellen ins Netz gegangen. Er hatte seinen alten VW Polo für 3800 Euro beim Internetauktionshaus Ebay angeboten. Kurz darauf erhielt er eine E-Mail eines Interessenten. Die beiden wurden sich einig und vereinbarten den Tag der Übergabe. Das Geld sollte K. vorher per Scheck erhalten. Dieser trudelte wenige Tage später auch bei dem Familienvater ein. „Doch statt der vereinbarten Summe war der Scheck auf 5000 Euro ausgestellt“, erinnert er sich. In dürren Zeilen, die der Zahlungsanweisung beigefügt waren, bat der angebliche Käufer Nils K., ihm die Differenz per Überweisung auf sein Konto zurückzugeben. Dem Wunsch kam der Verkäufer nach, nachdem er den Scheck eingelöst hatte. Doch dann, kurz bevor die Übergabe des Polos stattfinden sollte, meldete sich das Kreditinstitut bei K.: Der Scheck sei gefälscht, man verlange die vollen 5000 Euro zurück. Von dem Mann, der den Scheck ausgestellt hatte, hat Nils K. bis heute nichts mehr gehört.

Dass Cyberkriminalität die Ermittler auch in den kommenden Jahren immer stärker beschäftigen wird, macht der extrem starke Anstieg der Fallzahlen beim sogenannten Phishing, also dem Angeln im Internet nach persönlichen Daten, deutlich. Verzeichnete das LKA im Jahr 2009 noch etwa 30.000 Delikte in diesem Bereich, waren es ein Jahr später bereits knapp 50.000. „Phishing ist der Bankraub des 21. Jahrhunderts“, hatte Jörg Ziercke, der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), 2010 gewarnt. Inzwischen attackieren die Täter auch das als besonders sicher geltende iTan-Verfahren. Dabei muss der Bankkunde für eine Onlinebuchung aus einer Liste einen Zahlencode eingeben, der lediglich einmal gültig ist und der von der Bank gezielt abgefragt wird. Die Täter verschicken Mails mit Anhängen, die zu Internetseiten führen, die den Onlineauftritten von Banken oder Sparkassen täuschend ähnlich sehen. Gibt der Bankkunde dort die Konto- und die Tan-Nummer ein, fallen die Daten den Verbrechern in die Hände. „Wer bei einer solchen Webseite misstrauisch wird, sollte genauer hinsehen, denn die gefälschten Onlineauftritte fallen sehr oft durch die vielen Rechtschreibfehler in den Texten auf“, sagt LKA-Experte Lomp.

Wer hinter den kriminellen Aktivitäten in der virtuellen Welt steckt, lässt sich oft auch für sehr erfahrene Ermittler nicht abschließend klären. Denn die unbegrenzten Möglichkeiten des World Wide Web bieten auch den Tätern eine Vielzahl von Chancen, unentdeckt zu bleiben. „Entweder stehen die Server, über die die Täter agieren, auf irgendwelchen Südsee-Inseln, oder sie hacken sich in fremde Rechner ein und agieren von dort aus“, erklärt der Präventionsbeamte. Gelingt den Fahndern dennoch ein Schlag gegen Onlineverbrecher, erregt dies großes Aufsehen. So konnten Polizisten im Jahr 2004 den Programmierer des Internetwurms „Sasser“ in der Lüneburger Heide festnehmen. Dem 18-Jährigen, der damals noch bei seinen Eltern wohnte, warf die Staatsanwaltschaft Computersabotage vor. Der „Sasser“-Wurm verbreitete sich weltweit und brachte die Netzwerke zahlreicher Unternehmen zum Absturz.

Trotz all der Möglichkeiten, die das Internet Kriminellen bietet, gibt es aus Sicht des Präventionsbeamten ein paar grundlegende Tipps, wie sich Verbraucher beim Surfen vor Übergriffen schützen können: „Wer wachsam ist und Dinge im Netz hinterfragt, dazu seinen Rechner und seinen Anschluss technisch richtig absichert, der kann alle Vorteile der Onlinewelt nutzen.“

So beugen Sie vor

Grundsätzlich rät der Internetexperte des LKA den Onlinesurfern: Achten Sie darauf, dass Sie ein aktuelles Anti-Viren-Programm und eine Firewall auf ihrem Rechner installiert haben. Viele Internetbenutzer sind bei der Verwaltung ihrer Sicherheitssoftware zu nachlässig. Ändern Sie regelmäßig die Passwörter ihres Computers, und surfen Sie mit der aktuellsten Browserversion.

Öffnen Sie keine E-Mails, deren Absender Sie nicht kennen.

Bei Onlinebestellungen ist Vorsicht geboten: Die allgemeinen Geschäftsbedingungen und die Datenschutzbestimmungen eines Anbieters müssen leicht auf der Seite zu finden sein. Ansonsten ist Skepsis angebracht. Die Preise sollten verbindlich ausgezeichnet sein, inklusive Mehrwertsteuer. Der TÜV und andere Organisationen vergeben Gütesiegel für sicheres Einkaufen im Netz. Zu den bekanntesten gehören die Zertifikate ­ „S@fer Shopping“, „Geprüfter Online-Shop“ und „Trusted Shops“.

Für das Onlinebanking gilt: Die Nutzer sollten weder ihre PIN- oder TAN-Nummern noch sonstige Zugangscodes auf dem Rechner abspeichern. Das Passwort für das Bankportal sollte stets aus einer Kombination aus Buchstaben, Zahlen und Zeichen bestehen. Dann ist es deutlich schwieriger zu knacken. Größte Vorsicht sollte derjenige aufbringen, der eine E-Mail seines Kreditinstitutes mit der Aufforderung erhält, die PIN- oder TAN-Nummer preiszugeben. Vermutlich stecken Betrüger dahinter. „Derartige Auskünfte werden niemals per E-Mail eingeholt“, erklärt Gerald Lomp vom LKA. Weitere Tipps zur Kriminalprävention gibt es im Internet unter der Adresse www.polizei-beratung.de.

Gehen Sie vorsichtig mit persönlichen Daten im Netz um. Die Informationen können ausgespäht und zum Beispiel für Betrügereien oder andere Straftaten missbraucht werden.

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