Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Wenn die Faust spricht

Gewaltverbrechen Wenn die Faust spricht

Menschen schlagen zu. Einfach so. Gewaltprävention soll Abhilfe schaffen. Es ist ein mühsamer Weg.

Voriger Artikel
Diebstahl 2.0
Nächster Artikel
Kein Raum für Straftäter

Ohne Hemmung: Gewalttäter kennen kein Mitgefühl.

Quelle: dpa

In der Nacht zum 17.Mai 2011 kommt es im Steintorviertel zu einem Raubüberfall. Ein 23-jähriger Mann verlässt gegen 3.15 Uhr die Bar Havana in der Scholvinstraße. Vor der Tür sprechen ihn vier etwa 18 Jahre alte Jugendliche an, fordern ihn auf, seine Taschen zu leeren. Als der Mann sich weigert, versetzt ihm einer der Täter einen Kniestoß in die Rippen, ein anderer legt ihm ein Messer an den Hals. Ihre Komplizen kassieren das Bargeld und die zwei Handys des Opfers ein.

Die Tat ist alles andere als ein Einzelfall. „Abzocke“ ist für viele Jugendliche Alltag – Gewaltbereitschaft sowieso. Im Jahr 2010 kam es in Niedersachsen laut Kriminalstatistik zu 42 140 Körperverletzungen. 7627 der Taten wurden von Minderjährigen begangen, weitere 6682 Taten von Heranwachsenden im Alter von 18 bis 21 Jahren. In Hannover waren es insgesamt 9056 Körperverletzungen, in 1393 Fällen machten die Ermittler minderjährige, in 1040 Fällen heranwachsende Täter aus. Die jungen Angreifer suchen sich zumeist junge Opfer. Sie holen ihre Klappmesser hervor oder schlagen mit der bloßen Hand zu. „Das hat es früher so nicht gegeben“, sagt Kriminalhauptkommissarin Tanja Volkmer. Die 39-Jährige beschäftigt sich beim Landeskriminalamt mit den Themen Gewalt und Opferschutz, und es gibt eine Frage, die sie besonders bewegt: „Wann war der Knick? Wann haben Aggressivität und Rücksichtslosigkeit in unserer Gesellschaft um sich gegriffen und wieso?“ Die Wissenschaft bemüht sich um Erklärungen, aber die sind weder einfach noch eindeutig.

Ende April randaliert ein 15-jähriger Walsroder mit zwei Bekannten am Nachmittag in der U-Bahn-Station Kröpcke. Die Jugendlichen treten mit Füßen gegen eine Stadtbahn, zetteln Streit mit zwei betrunkenen Fahrgästen an. Als ein 30-jähriger Mann sich einmischt, zieht der 15-Jährige ein Messer, einer seiner beiden Freunde nimmt eine glühende Zigarette und drückt sie am Hals des couragierten Zeugen aus. Der 15-Jährige kann Wochen später mithilfe einer Videoaufzeichnung überführt werden. Ein Motiv kann er nicht angeben, der polizeibekannte Jugendliche handelte offenbar aus Lust an der Gewalt.

Auf der Suche nach der Ursache von Rücksichtslosigkeit, mangelndem Mitgefühl und Gewaltbereitschaft sind Wissenschaftler sich zumindest in einem Punkt sicher: Die Wurzeln werden bereits in der frühen Kindheit gelegt. „Niemand kommt als Schwein zur Welt“, sagte der renommierte Neurobiologe Gerald Hüther auf dem Deutschen Präventionstag im vergangenen Jahr. Wie schnell und wie nachhaltig negative Erfahrungen und schlechte Vorbilder junge Menschen aber prägen, dafür führte der Wissenschaftler ein eindrucksvolles Beispiel an: „Für eine Studie hat man Babys im Alter von sechs Monaten drei Filmsequenzen vorgespielt“, erklärte der Professor aus Göttingen. Im ersten Abschnitt laufe ein gelbes Männchen einen Berg hoch. „Es müht sich ab, aber schließlich kommt es oben an.“ Im zweiten Abschnitt, tauche plötzlich ein grünes Männchen auf. Es eilt dem gelben Männchen zu Hilfe und schiebt es nach oben. In der dritten Sequenz kommt ein blaues Männchen ins Spiel – und schubst das gelbe Männchen zurück nach unten. „Danach hat man den Kindern zwei Männchen vorgehalten, ein blaues und ein grünes. Alle Babys entschieden sich für das grüne“, sagte Hüther. Nur wenige Monate später sah das ganz anders aus: Im Alter von einem Jahr griffen mehr als zehn Prozent der jungen Probanden nach dem blauen Männchen. „Diese Kinder haben bereits in ihren Familien die Erfahrung gemacht, dass es lohnt, sich auf Kosten anderer durchzusetzen“, sagt der Forscher.

Am 19. Mai verurteilt das Landgericht Hannover einen 19-jährigen Hannoveraner wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft. Sein 18-jähriger Komplize muss für sechs Jahre hinter Gitter. Im Januar hatten die beiden einen Penny-Markt in der Vahrenwalder Straße überfallen. Sie planten die Tat bis ins Detail und steckten ein Handwerkermesser ein, um das Personal zur Herausgabe des Tresorschlüssels zu zwingen. Doch der stellvertretende Marktleiter setzte sich zur Wehr. Wie wild stach der 19-Jährige daraufhin auf sein Opfer ein und verletzte ihn lebensgefährlich.

Sind junge Menschen erst einmal auf die schiefe Bahn geraten und haben Schläge und Tritte als vermeintliches Konfliktlösungsmittel für sich entdeckt, ist der Weg zurück in ein normales Leben lang und zäh. „Die Annahme, dass harte Strafen die Welt verbessern, ist ein Trugschluss“, sagt Siegfried Löprick, Vorsitzender der Jugendhilfe in Göttingen und Vorstandsmitglied des Landespräventionsrates mit Sitz in Hannover. Junge Menschen, die anderen schwere Verletzungen zugefügt haben, würden nach ihrer Entlassung aus der Haft oft erneut straffällig. „Sie leiden unter einer absoluten Beziehungsunfähigkeit und sind im Zuständigkeitswirrwar von Hilfesystemen verloren“, sagt der Experte. Mit dem Göttinger Projekt „BASIS – Integrative Entlassungsbegleitung jugendlicher Straftäter“, einer Kooperation zwischen offenem Jugendvollzug und der Jugendhilfe Göttingen, wurden zwischen 1999 und 2006 erstaunliche Ergebnisse erzielt. Mit „BASIS“ wurde die Entlassungssituation mit dem jeweiligen Jugendlichen trainiert und ein individuelles Netzwerk aufgebaut, in dem die beteiligten Einrichtungen und Behörden zusammenarbeiten. Von etwa 90 Straftätern, die die Fachleute auf ihrem Weg in ein straffreies Leben begleiteten, wurden nur wenige rückfällig. „Die kann man an einer Hand abzählen“, sagt Löprick. Das aber setzte ein außerordentliches Engagement und viel Kraft aufseiten der Sozialarbeiter voraus. „Die Jugendlichen sind über Jahre intensiv von einem festen Ansprechpartner individuell betreut worden. Sie brauchen Kontinuität, das ist das Wichtigste“, sagt Löprick. Das Projekt ist inzwischen ausgelaufen. Eine Neuauflage scheiterte vor allem am Geld.

„Gewaltprävention im besten Sinne bedeutet, dass jungen Menschen grundlegende Werte konsequent vermittelt werden, von Anfang an“, sagt Kriminalhauptkommissarin Volkmer. Es geht um ein respektvolles Miteinander, Geduld, Fairness und ganz viel Zuwendung – gerade in Konfliktsituationen. Konkrete Handlungsanweisungen gibt es nicht. Präventionsprojekte an Schulen können nicht ausgleichen, was zu Hause versäumt, nicht Tag für Tag vorgelebt wurde. Niemand kann eine Patentlösung anbieten, auch die Polizei nicht. „Gewaltprävention ist unser aller Aufgabe. Jeder ist im Umgang mit jungen Menschen dafür verantwortlich, stets ein gutes Vorbild zu sein“, sagt Kriminalhauptkommissarin Tanja Volkmer. „Auch wenn das richtig anstrengend ist.“

Nach Lösungen suchen

Kinder sind mitunter aggressiv, und das ist ganz normal. Nehmen solche Aggressionen ein auffälliges Ausmaß an, fällt es vielen Eltern schwer, sachlich zu reagieren. „Eltern müssen ihrem Kind vermitteln, dass sie an einer gemeinsamen Lösung interessiert sind“, sagt Hauptkommissarin Volkmer. Sie sollten Schuldzuweisungen vermeiden und nicht davor zurückschrecken, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Hilfe vermittelt unter anderem die Jugend- und Familienberatungsstelle der Stadt Hannover unter der Telefonnummer (0511)-16844403.

Nicht zum Opfertyp machen

Täter suchen sich grundsätzlich unsichere und schwächere Opfer. „Gerade Kinder und Jugendliche dürfen sich nicht zum Opfertyp machen“, sagt Hauptkommissarin Tanja Volkmer. Es ist Aufgabe der Eltern und Erziehungsberechtigten, ihnen zu vermitteln, dass sie wertvoll sind und niemand ein Recht hat, sie anzugreifen oder zu unterdrücken. Gewalt, Beleidigungen, Beschimpfungen und menschenverachtende Aussagen dürfen nicht toleriert werden.

Unterstützung anbieten

Wer Opfer von Gewalt geworden ist, braucht Unterstützung, Entlastung und Trost. Gerade Jugendliche offenbaren sich nicht sofort ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten. „Wenn Kinder oder Jugendliche sich auffällig verhalten, sollten Eltern mit viel Zeit und Ruhe versuchen dahinterzukommen, woran das liegt“, sagt Hauptkommissarin Volkmer. Das Kind sollte aber nicht unter Druck gesetzt werden. „Dann machen die Betroffen im Zweifelsfall dicht“, sagt die Polizistin.

Hilfe annehmen

Als Opfer von Gewalt – sowohl körperlicher als auch psychischer Art – fühlen sich Kinder und Jugendliche häufig hilflos und allein. Für solche Situationen stehen eine Reihe professioneller Hilfsangebote zur Verfügung, die dringend genutzt werden sollten, wie zum Beispiel das kostenlose Kinder- und Jugendtelefon des Deutschen Kinderschutzbundes. Kinder wählen die (0800)-1110333, Eltern die (0800)-1110550. Hilfe gibt es auch bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring ( www.weisser-ring.de) und der Stiftung Opferhilfe ( www.opferhilfe.niedersachsen.de).

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tatorte
Von Redakteur Vivien-Marie Drews

Region