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Wiederaufbau Schloss Herrenhausen Das Geisterschloss
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13:02 07.04.2010
Von Simon Benne

Der Wiederaufbau des Schlosses war bereits beschlossene Sache: Die Fassade des zerstörten Laves-Baus sollte in Herrenhausen neu erstehen, im Inneren sollten moderne Räume eine zeitgemäße Nutzung ermöglichen. Stadt und Land hatten dem Projekt hocherfreut ihren Segen gegeben. Am Rande des Georgengartens waren bereits einige Kleingärten eingeebnet, da das Schloss einen neuen Standort bekommen sollte. Sogar die Größe der Teeküche (9,4 Quadratmeter, im Obergeschoss) war schon verhandelt – da kamen den Planern die Kosten in die Quere. Statt, wie ursprünglich angenommen, 840.000 Mark sollte der neue, alte Feudalbau plötzlich rund 1,4 Millionen Mark kosten. Zuviel für das Landwirtschaftsministerium, das in dem Bau unter anderem die Landesjägerschaft einquartieren wollte. Im Jahr 1970 legte man die Pläne ad acta. Und seitdem ist das Friederikenschlösschen endgültig Geschichte.

Derzeit ist erneut der Wiederaufbau eines Laves-Schlosses beschlossene Sache: Die Volkswagen Stiftung will für 20 Millionen Euro das im Krieg zerstörte Schloss in Herrenhausen wieder erstehen lassen. Doch es ist noch gar nicht so lange her, da wurde in Hannover ohne Not ein Laves-Schloss abgerissen, das den Krieg überstanden hatte – eben das Friederikenschlösschen, das nahe dem heutigen Waterloo-Biergarten stand.

Die Geschichte der beiden Laves-Schlösser, des 1943 zerbombten und des 1966 abgebrochenen, ist ein Paradebeispiel dafür, wie der architektonische Zeitgeist binnen weniger Jahrzehnte drehen kann: „Heute erkennt man viel stärker als früher, was solche Bauwerke für die Selbstvergewisserung einer Stadt bedeuten“, sagt Thomas Schwark, Direktor des Historischen Museums. Vielleicht aber ist das jetzt geplante Schloss in Herrenhausen auch nur deshalb so reizvoll, weil es verloren ist. Weil es als fast übermenschliche Großtat erscheinen muss, der Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen und es gewissermaßen aus dem Nichts wiederzuerschaffen. Es ist wie im Osten, wo man mittelalterliche Dorfkirchen achtlos verrotten lässt, während die Rekonstruktion der komplett kriegszerstörten Dresdener Frauenkirche ungeahnte Energien freisetzt: Die Zerstörung des Schlosses in Herrenhausen steht für das Ausradieren von Geschichte im Krieg. Die Zerstörung des Friederikenschlösschens hingegen steht nicht für die Vernichtung einer Identität, um deren Wiedergewinn sich zu kämpfen lohnt, sondern für deren Aufgabe.

Mit Laves-Bauten jedenfalls, die nicht auf so schicksalhafte Weise vernichtet wurden wie das Schloss am Großen Garten, ging man teils wenig pfleglich um – und zwar sowohl vor als auch nach 1945. Das von Laves umgebaute Schloss Monbrillant im Welfengarten wurde 1857 nach Georgsmarienhütte versetzt und dort 1925 abgerissen. Heute verfällt die kleine Ruine des Mausoleums der Familie von Alten, errichtet von Laves 1842 in einem Wäldchen in Hemmingen; von Jahr zu Jahr verschwinden mehr Steine aus dem Ruinenhaufen. Auch der 1853 von Laves“ Kollegen Conrad Wilhelm Hase entworfene Bahnhof in Nordstemmen, der architektonisch auf die nahe Marienburg abgestimmt ist, verfällt; seit Jahren verläuft die Suche nach einem Nutzer erfolglos.

Das zierliche Friederikenschlösschen mit seinem Steinsockel und seiner Holzfassade hatte Hofbaumeister Laves 1817 im romantisch-klassizistischen Stil für Waterloo-General Carl Graf von Alten von Grund auf umgebaut. Es war 14 Jahre zuvor als zweigeschossiges Walmhaus erbaut worden, als Fachwerkkonstruktion. König Ernst August kaufte es 1840 für die schon erkrankte Königin Friederike. Die Namensgeberin sollte den Einzug in ihr neues Domizil allerdings nicht mehr erleben. Im Grunde ging es ihr nicht anders als später Niedersachsens Ministerpräsidenten: Auch sie sollten die Staatskanzlei, für deren geplanten Neubau das Schlösschen 1966 abgerissen wurde, nie beziehen – denn diese wurde niemals gebaut. Bis heute ist dort nur eine leere Rasenfläche, manchmal gastiert da ein Zirkus.

Die Zerstörung des Friederikenschlösschens hatte viele Väter: Besonders Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf hatte 1960 auf den Abbruch des Schlösschens gedrängt, auch sein Nachfolger Georg Diederichs hielt es nicht für möglich, den historischen Bau in die neue Staatskanzlei zu integrieren. Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht war ohnehin kein Freund von Architektur des 19. Jahrhunderts. Ein Jahr nach dem Abbruch bezog die Staatskanzlei dann ihre Räume in der Planckstraße. „Unter diesen Umständen hätten wir das Friederikenschlösschen besser erhalten“, räumte Hillebrecht 30 Jahre später ein.

Dicke Aktenordner im Hauptstaatsarchiv dokumentieren, wie vehement Hannoveraner jahrelang für den Erhalt des Schlösschens kämpften: Bürgervereine stritten gegen den Abriss, auch der FDP-Landesverband bekniete Stadt und Land. Sogar der Bund der Architekten ergriff Partei für den historischen Bau: Er beauftragte einen Gutachter und entkräftete den offenkundigen Vorwand, die alte Bausubstanz sei marode: Bei kleinen Reparaturen sei das Schlösschen noch „weitere 80 bis 100 Jahre benutzbar“, hieß es.

Alles vergebens: Das Schlösschen fiel dem zum Opfer, was Kritiker heute als „zweite Zerstörung Hannovers“ brandmarken – der Vernichtung historischer Denkmäler nach dem Krieg. Im Jahr 1952 wurden das Palais Simon am Goetheplatz und bald darauf das Ratsgymnasium am Georgsplatz Opfer der Wiederaufbauplanungen, 1956 fiel das Wohnhaus von Campe am Friedrichswall, 1963 wurde die Wasserkunst am Landtag zerstört, und 1959 brach man die Garnisonskirche in der Calenberger Neustadt ab. Vor sieben Jahren entdeckten Studentinnen Säulenfragmente und Altarteile des Gotteshauses auf einem Bauhof in Hildesheim.

Den Überresten des Friederiken-schlösschens ging es nicht besser. Zwar hatte die Bezirksregierung dem Abbruch nur unter Auflagen zugestimmt; unter anderem wurden Pläne und Detailfotos für die Nachwelt angefertigt, das Staatshochbauamt hütet die Dokumentation noch heute. Teile des Schlosses sollten als Muster eingelagert werden. Doch HAZ-Recherchen brachten vor neun Jahren nur ein paar klägliche Trümmer im Keller des Umweltministeriums an der Archivstraße ans Tageslicht: ein paar morsche Bretter, ein paar rostige Nägel, ein paar Steine.

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie historisch bedeutsame Gegenstände sich im Zwielicht eines Behördenkellers und mit wachsender Staubschicht allmählich in banales Gerümpel verwandeln. Ein zerbrochenes Kamingesims, Säulensegmente und ein Spiegelrahmen kamen schließlich ins Depot des Historischen Museums. Eine Portaltür des Friederikenschlösschens ziert heute eine Wand im Staatshochbauamt an der Celler Straße. Sie führt ins Nichts, hinter ihr ist eine Wand. Es hat eine unfreiwillige Symbolik: Das einzige, was vom Schlösschen blieb, sind Museumsstücke. Und eine Sackgasse.

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Viel Stadtprominenz will den Aufbau des Schlosses in Herrenhausen nicht nur ideell, sondern auch materiell vorantreiben. Lesen Sie hier den Artikel von der Gründung des Freundeskreises vom 11. Dezember 2007.

Conrad von Meding 07.04.2010

64 Jahre nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ist der Wiederaufbau des Schlosses im Großen Barockgarten Hannover-Herrenhausen beschlossen worden. Lesen Sie hier den Artikel über die Entscheidung vom 24. November 2007.

Alexander Dahl 07.04.2010

Das im Krieg zerstörte Schloss Herrenhausen soll wieder aufgebaut werden. Teile der Inneneinrichtung überstanden den Krieg – und sind immer noch in Herrenhausen. Sofern die Welfen sie nicht zu Geld gemacht haben.

Simon Benne 07.04.2010