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ZiSH Als Au-pair in den USA
Hannover ZiSH Als Au-pair in den USA
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13:46 12.04.2011
American Way of Life: Svenja mit Grace und Kevin beim Burger essen. Quelle: Privat

20 Kilometer entfernt von Kapitol und Weißem Haus, wo Obama sich als neuer Präsident der USA feiern lässt, beginnt Svenja diesen historischen Tag damit, vier traurigen Kinder das Frühstück zu bereiten. Seit fünf Monaten ist die 19-Jährige aus Peine Au-pair bei den Hanlons, die in der Kleinstadt McLean leben.

Die gepflegte 40 000-Einwohner Stadt liegt idyllisch zwischen Wäldern. Sie steht auf Platz zwei der Städte mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen des Bundesstaates Virginia. Und das sieht man. Von der großen Hauptstraße, dem Dolley Madison Boulevard, zweigen Nebenstraßen in unterschiedliche Viertel ab. Eines besteht aus Reihenhäusern, ein anderes aus kleineren Häuschen, das nächste aus großen Villen. Und dann ist da noch das Viertel, in dem Svenjas Gastfamilie wohnt. Eines mit villen-gleichen Häusern, gepflegten Gärten und glitzernden Swimmingpools.

Schon zwei Jahre vor ihrem Abitur hat Svenja von einem längeren USA-Aufenthalt geträumt. „In Geschichte, Politik und Englisch hatte ich so viel über Land, Kultur und Sprache gehört, und das ,Sex and the City’-Feeling aus den amerikanischen Filmen hat mich fasziniert.“ Doch ein High-School-Jahr in Amerika konnte sich Svenja damals nicht leisten.

Den Traum vom fernen Amerika gab sie aber nicht auf. Als Babysitterin und Nachhilfelehrerin merkte sie, wie gut sie mit Kindern umgehen kann. Sie bewarb sich bei einer deutschen Au-pair-Agentur, die junge Frauen und Männer in amerikanische Familien vermittelt. Sechs Monate vor ihrem Abflug verabredet sich Svenja mit ihrer Gastmutter Querene am Telefon. Als auf dem Display die 001-703 steht, die Vorwahl des US-Bundesstaates Virginia, ist sie nervös. Ihre Gastmutter plappert fast 25 Minuten ununterbrochen und sagt, dass sie sich auf Svenja freut. Als sie auflegt, kann der amerikanische Traum beginnen.

Der Zeitpunkt, Peine zu verlassen, kommt für Svenja genau richtig. Sie hat Liebeskummer und will weit weg. Neun Freundinnen, ihre Eltern und ihre drei Jahre jüngere Schwester bringen sie zum Flughafen. Alle weinen. Mit ihrem Rucksack, an dem das pink-farbene Schildchen ihrer Au-pair-Agentur hängt, geht sie durch die Kontrolle, wo sie andere Mädchen mit pink-farbenen Schildern sieht. Weinend, winkend und aufgeregt, genau wie sie.

Bei den Hanlons wird Svenja sofort freundlich aufgenommen. Für Mutter Querene, die Professorin an einer Universität ist, und Peter Hanlon, der bei der Navy arbeitet, ist sie wie eine gute Freundin. Auch mit den Kindern versteht sie sich sofort und ist wie eine große Schwester für sie.

Jeden Morgen um halb acht bringt Svenja Grace (neun Jahre), Kevin (8) und Joseph (6), die drei Großen, zum gelben Schulbus, der an der Straße hält. Die fünfjährige Caroline bleibt noch zu Hause. Sie ist voller Energie und leicht glücklich zu machen. Mit ihr malt Svenja, bastelt, tobt auf dem Spielplatz oder fährt mit ihr Fahrrad. Dann bringt sie die kleine Balletttänzerin in den Kindergarten. Oft trifft sie sich mit anderen Au-pairs in der riesigen Tysons Corner Mall.

Svenjas neuer Freundeskreis besteht vorwiegend aus anderen Au-pair-Mädchen. Gemeinsam trinken sie geeisten Cappuccino mit Schokolade. Sie unterhalten sich darüber, ob „ihre Kinder“ vor oder nach den Hausaufgaben fernsehen dürfen, wann sie den Laptop zuklappen müssen, über fettige Portionen Chicken McNuggets, die eine Freundin täglich zubereiten muss und viel zu viel Erdnussbutter auf den Peanut-Butter-Jelly-Sandwiches. Svenja tut es gut, sich mit den anderen auszutauschen.

Lange Partynächte mit den Freundinnen sind jedoch die Ausnahme – Alkohol ist sowieso tabu. In der Woche soll Svenja um 23 Uhr zu Hause sein, am Wochenende um 1 Uhr. Wenn sie mal ausgeht, bekommt sie mit ihren 19 Jahren dicke, schwarze Kreuze auf die Hände gestempelt. So weiß jeder in der Bar, dass sie noch nicht 21 ist und keinen Alkohol trinken darf. „Ganz anders als zu Abizeiten“, sagt Svenja.

Anstatt ihr Geld für Alkohol und Partys auszugeben, geht Svenja mit ihren umgerechnet 200 Euro Taschengeld, das sie wöchentlich von ihrer Gastfamilie bekommt, lieber shoppen. Die neuen Kleidungsstücke ihrer Lieblingsmarke „Old Navy“ stapeln sich im begehbaren Kleiderschrank des Au-pair-Zimmers. In dessen Mitte steht das rosa Doppelbett mit Plüschkissen. Mit dem flauschigen Sofa, in das sie tief einsinkt, der Musikanlage, dem Schreibtisch und den Regalen erinnert das Zimmer an die Barbie-Welt der US-Teenie-Soaps.

„Wow! cool!“, staunt Svenja bei dieser Imposanz. Das Haus hat einen eigenen Swimmingpool, einen großen Empfangsraum mit Kamin, Klavier, vielen Familienfotos und schicken Sofas. Am Ende der zweispurigen Auffahrt des Anwesens steht eine Doppelgarage mit zwei Autos, davor ein drittes. In dem dunklen Geländewagen, den Svenja ganz alleine nutzen darf, bringt sie die Mädchen zum Ballett, die Jungs zum Baseball.

An den freien Wochenenden fährt Svenja mit der Familie in Freizeitparks oder mit anderen Au-pairs durch das große Land und sieht sich die Städte an, die sie bisher nur aus Filmen kannte: Silvester feiert sie in New York, auch Baltimore, Philadelphia, Boston und Chicago lernt sie auf ihren Trips kennen. Sie schaut sich die Niagarafälle an und ist oft im nahe gelegenen Washington D.C. Mit dem Auto vollkommen unabhängig zu sein, zu tun, was sie will, diese Freiheit genießt Svenja in den zwölf Monaten.

Für Heimweh hat die Peinerin keine Zeit. Abends fällt sie müde und geschafft von den Eindrücken des Wochenendes und den vollen Tagen mit den vier Kindern ins Bett. Aber als der erste Schnee fällt und die Weihnachtsbäume aufgestellt werden, vermisst sie ihre Familie in der Heimat. Trotzdem denkt sie nur kurz sehnsüchtig an Weihnachtsmärkte und den Winter in Peine.

Es ist eine ganz andere Welt jenseits des Ozeans. Begegnet man sich auf der Straße, fragt man „how are you?“, obwohl es einen nicht interessiert, wie es dem Gegenüber geht. Auch die übertriebene Dankbarkeit und die Superlative in jedem Gespräch sind für Svenja gewöhnungsbedürftig. Wenn sie für ihre Gastfamilie kocht, ist es „the best thing we’ve ever eaten“. Und egal, was sie ihnen schenkt, etwas Schöneres haben sie noch nie bekommen. Für Svenja ist es schwierig, herauszufiltern, was gespielt und was ernst gemeint ist. „Man weiß nie, woran man ist. Nur bei den Kindern konnte ich immer erkennen, ob sie sich wirklich freuen.“ Trotzdem genießt sie die Zeit in den USA. „Amerika, mit seiner Gastfreundschaft, der offenen Art und Herzlichkeit der Menschen, auch wenn sie manchmal ein bisschen übertrieben ist, ist genau mein Ding“, sagt sie.

In den zwölf Monaten Amerika ist Svenja gewachsen. „You did it“, sagt sie noch heute oft zu sich selbst und ist stolz. Sie ist selbstbewusster geworden, traut sich nach einem Jahr allein in der Ferne mehr zu und hat gelernt, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Grace, Caroline, Kevin und Joseph waren dabei gute Lehrer.

Von Rebecca Weyers

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