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ZiSH Ausbildung statt Studium: Warum wir erst mal arbeiten
Hannover ZiSH Ausbildung statt Studium: Warum wir erst mal arbeiten
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18:52 20.07.2018
Waschen, schneiden, föhnen statt Vorlesungen und Hausarbeiten: Die 23-jährige Nele hat sich vor dem Studium zur Friseurin ausbilden lassen. Quelle: dpa

Aus dem Friseursalon an die Uni

Nele (23) will nach der Lehre studieren. Quelle: Kutter

„Friseurin? Davon kannst du nicht leben und nicht sterben!“, rief mein Klassenlehrer an der Realschule entsetzt, als ich ihm von meinen Zukunftsplänen erzählte. Doch obwohl er mir davon abriet, entschied ich mich für meinen damaligen Traumberuf. Schließlich konnte ich schon immer besser arbeiten, sobald es ans Ausprobieren ging. Meine Erwartungen waren nicht gerade hoch: Ich wollte keine Arbeitskleidung tragen und jeden Tag Spaß haben. Und das hat geklappt. Nach der Ausbildung brauchte ich ein wenig Abwechslung und bin viel gereist. Jetzt habe ich mein Fachabitur nachgeholt und bewerbe mich für verschiedene Studiengänge. Ich bin noch unentschlossen und kann mir für meine Zukunft viele Berufe vorstellen – auch die Friseurschere habe ich noch nicht endgültig an den Nagel gehängt. Denn der Beruf macht viel Spaß, und ich bereue die Ausbildung nicht.

Nele Kolf

Hobel statt Hörsaal

Ben Richens (20) ist Tischler-Azubi. Quelle: privat

Schon als Kind habe ich mit meinem Vater kleine Tische und Türen gebaut, und in der Schule hat mir Werken am meisten Spaß gemacht. Da war nach dem Realschulabschluss schnell klar, dass ich eine Ausbildung zum Tischler machen und nicht studieren will. Denn das erfordert viel Zeit, ohne Geld zu verdienen. Später möchte ich zum Bund gehen, da ist eine abgeschlossene Ausbildung eine gute Voraussetzung für einen höheren Rang. Nach der ganzen Theorie in der Schule wollte ich mich außerdem an etwas Praktischem versuchen. Mir war wichtig, dass ich das Gelernte auch in meinem Alltag benutzen und meinen Freunden oder meiner Familie bei Handwerksarbeiten unter die Arme greifen kann. Natürlich gibt es auch anstrengende Tage, wenn ich zum Beispiel Fenster und Türen einbaue. Aber ich lerne jeden Tag etwas dazu, was ich auch im Privatleben gebrauchen kann. Aufgezeichnet von

Aufgezeichnet von Louisa Vietmeyer

Vom Kellnern zum Management

Erst mal ins Hotel: Kyra-Kristin Pfeiffer (22). Quelle: privat

Viele Freunde haben komisch reagiert, als ich erzählt habe, dass ich eine Ausbildung im Hotel anfange. Sie haben klischeehaft gefragt: „Du hast doch Abi, wieso studierst du nicht?“ Aber ich hatte einfach keine Lust, direkt von der einen Schulbank zur anderen zu wechseln. Deswegen dachte ich, dass eine studiumsvorbereitende Ausbildung keine schlechte Idee ist. Als Hotelfachfrau mit der Zusatzqualifikation Hotelmanagement habe ich auch Büroarbeit kennengelernt. Natürlich habe ich auch im Restaurant gekellnert und im Housekeeping Betten gemacht. Das gehört dazu und das habe ich nie als unter meiner Würde empfunden, nur weil ich Abi habe. Nach der Ausbildung arbeite ich erst mal als Servicekraft auf einem Kreuzfahrtschiff, später möchte ich Personalmanagement studieren. Aber unbedingt als Fern- oder Teilzeitstudium neben der Arbeit – denn die macht mir viel Spaß. 

Aufgezeichnet von Johanna Stein

Als Mechaniker ins Cockpit

Fabian Laufenburg (23) will Pilot werden. Quelle: privat

Mein Traum war es immer, Pilot zu werden. Deswegen wollte ich mich nach dem Abi eigentlich erst mal zum Fluggerätemechaniker ausbilden lassen. Trotzdem habe ich mich am Ende für die Ausbildung zum Industriemechaniker entschieden, weil die Abläufe dort sehr ähnlich sind. Außerdem ist man mit dieser Ausbildung auch in anderen Unternehmen einsetzbar – gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt also. Ein Studium direkt nach dem Abi kam nicht infrage: Nach 13 Jahren Schule hatte ich einfach keine Lust darauf, direkt zur Uni zu rennen und weiter zu lernen. Ich wollte etwas Neues machen und Geld verdienen. Mit der Ausbildung habe ich gute Chancen für meinen späteren Berufswunsch und auch einen gewissen Plan B. Sollte der Pilotentraum nicht klappen, kommen für mich nämlich auch ein Maschinenbaustudium oder die Meisterausbildung infrage.

Aufgezeichnet von Janosch Lübke

Interview

„Sich drei Jahre zu quälen ist unnütz“

Bettina Wolf-Moritz ist Beauftragte für Qualitätssicherung bei der Handwerkskammer Hannover. 

Frau Wolf-Moritz, welche Vorzüge hat die Ausbildung gegenüber dem Studium?Man ist sofort im Geschehen und erhält Praxiserfahrung. Ich sehe, wofür ich bestimmte Dinge lerne, wie das Endprodukt aussieht oder dass Kopfrechnen wichtig sein kann. Und das Interessanteste: Man erhält vom ersten Tag an einen Lohn.Nach welchem Schulabschluss fangen die meisten die Ausbildung an?Tatsächlich sind es 44,6 Prozent, die mit dem Realschulabschluss bei uns eine Ausbildung machen. 34,2 Prozent kommen mit dem Hauptschulabschluss zu uns. 13,1 Prozent haben Abitur oder Fachabitur. Tatsächlich haben wir auch Auszubildende ohne Schulabschluss, allerdings nur wenige: 4,1 Prozent.Was sollten Einsteiger beachten?Sich drei Jahre durch eine Ausbildung zu quälen ist unnütz, wenn sie am Ende nur das bessere Geld verspricht und man dabei keine Freude verspürt. Ein Praktikum, in dem man einen Einblick in den Alltag des Handwerkers bekommt, kann die Entscheidung leichter machen. Ferienjobs bieten sich auch an. Ich finde es wichtig, mit einem Lächeln zur Arbeit zu kommen.Wo fehlen derzeit Azubis?Die Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk brauchen immer Zuwachs. Ob als Bäcker, Konditor oder Fleischer: Hier sind die Mängel deutlich zu spüren. Es gibt auch vergessene Berufe wie Glaser oder Rollladen- und Sonnenschutzmechatroniker. Die beliebtesten Handwerksberufe sind derzeit Friseur und Kfz-Mechatroniker.

Interview: Nele Kolf

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