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ZiSH Auszüge aus Maries Biografie
Hannover ZiSH Auszüge aus Maries Biografie
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19:54 04.01.2010
Schreiben als erster Schritt aus der Krise: Annette Weber hilft Jugendlichen wie Marie Kaufmann bei ihrer Biografie. Quelle: Handout

Kindheit

Meiner Mutter wurde während der Schwangerschaft mit mir oft zur Abtreibung geraten. Sie war 17 und drogenabhängig. Mit meinem Vater verband sie eine Art Hassliebe. Auch er war jung und drogenabhängig. Er trank viel, und es interessierte ihn nur, wo die nächste Party war. So sollte es auch bis zum Schluss bleiben. Während ich spielte, feierte meine Mutter wilde Partys. Sie nahm immer wieder Heroin, experimentierte mit anderen Drogen, hatte verschiedene Typen. Irgendwann hat sie mir erzählt, dass sie Aids hat. (...) Dinge, die mich bedrückten, obwohl ich ihre Bedeutung nicht verstand, habe ich immer schon einfach jedem erzählt. Als wenn dadurch die Last kleiner würde, die ich tragen musste. Also habe ich eines Tages im Bus "Meine Mama hat Aids!" gerufen. Betretenes Schweigen und Blicke zum Boden waren die Antwort.

Eines Abends am Abendbrottisch, ich war 7 Jahre alt, träumte ich vor mich hin und hing irgendwelchen Gedanken nach. Wie aus dem Nichts schlug mir meine Mutter ins Gesicht. Vollkommen erschüttert fragte ich sie, warum sie mich geschlagen habe. "Guck nicht wie dein Vater", gab sie mir zur Antwort. In solchen Momenten habe ich sie gehasst, weil sie etwas in mir hasste. Mein Vater wurde mir in meiner Kindheit vorenthalten. Er rief manchmal an, wenn er getrunken hatte und er mich plötzlich vermisste. (...) Es tat damals weh, zu wissen, dass er am Telefon ist und mich sprechen wollte, dass ich es aber einfach nicht durfte. Egal, wie besoffen er gewesen wäre, ich hätte ihn sprechen wollen. Er war mein Vater, und ich liebte ihn, ohne zu wissen, warum.

Dann gab es immer wieder kurze Phasen, in denen Mama vor Leben und Energie sprühte. Manchmal tanzte sie nackt durch die Wohnung, lachte und sang. Wieder war sofort die Hoffnung da, dass alles gut werden würde. (...) Sie bekam Geschwüre auf der Kopfhaut und eitrige Wunden, die ihre Haare ausfallen ließen. Sie kochte spezielle Tinkturen aus Essig, mit denen ich ihr die Wunden auswusch. Ich kann den Geruch dieser Essigmischung heute noch riechen. (...) Als sie sah, dass ich weinte, zog sie mich zu sich heran. Mein Ohr berührte ihren Mund. Leise flüsterte sie: "Weine nicht, Liebgesicht."

Inzwischen kannte ich seine (Stiefvater Günther) Drogenverstecke. Ich suchte alles ab, die Ritzen der holzvertäfelten Decke, unter Teppichen, auf dem Küchenschrank. Was ich fand, warf ich weg. In der Küche gab es nur noch verbogene Löffel. Ihre Plastikgriffe waren teilweise schwarz verbrannt. Wenn ich Günther in der Küche beim Aufkochen von Heroin auf einem Löffel erwischte, wurde er wütend. "Ich koche mir nur einen Grog", behauptete er. "Verschwinde!" Als meine Mutter noch lebte, schlief ich oft bei ihr im Ehebett. Nach ihrem Tod lag ich nun alleine auf ihrer Seite neben Günther. Hier fühlte ich mich ihr besonders nahe. (...) Eines Abends, ich war gerade 11 geworden, erzählte ich Günther, weil sonst keiner da war, davon, dass es in meiner "Unterhose" juckte. "Oh, das müssen wir eincremen. Leg dich mal aufs Bett", sagte er. (...) Aus dem Dunkel um mich herum kam Günthers Stimme. "Damit wir das beide vergessen können, darf ich dich da unten mal küssen?" Ich schrie und sah mich schon nach der Vase um, die in der Nähe stand, um sie ihm über den Schädel zu schlagen. Da entschuldigte er sich hastig.

Erster Drogenkontakt

An einem Abend wurde dort eine Coladose herumgegeben, auf der ein Stück Haschisch lag. Alle in der Runde zogen an dieser Dose, und wir machten natürlich auch mit. Schließlich gehörten wir dazu und wollten uns nicht selbst ausschließen. (...) Ich war 15, und die Gesetze, die bei meinen Eltern gegolten hatten, schienen mir längst überholt. Warum sollte ich süchtig werden? Das passiert immer nur anderen, dachte ich.

Ein paar Mal rauchten wir etwas, das "Shore" genannt wurde. Ich fragte gar nicht erst nach, was das für eine Droge war. Ich machte einfach mit. Und als ich irgendwann hörte, dass es Heroin war, in dem noch viele Streckmittel enthalten waren, war ich auch nicht gerade geschockt. Es ist im Grunde so: Man ist so betäubt, dass man denkt, es geht einem gut, obwohl man beschissen aussieht und sich auch so fühlt.

"Ich bin niemandem mehr Rechenschaft schuldig", dachte ich. Dieser Gedanke machte mich gleichzeitig stolz und traurig. Es zeigte ja auch, dass ich niemandem mehr wichtig war und keiner Verantwortung für mich übernahm.

Leben mit Drogen

Wenn wir genug Geld zusammen hatten, holten wir Shore. Dann rauchten wir das erste Blech auf irgendeiner öffentlichen Toilette oder in einem Auto, wenn wir mit jemandem, der eins hatte, unterwegs waren. Danach fuhren wir in meine chaotische Wohnung und fingen an, uns zu streiten, oder saßen einfach stumpfsinnig vor dem Fernseher und konsumierten weiter. In dieser zeit schrieb ich viele düstere Gedichte. Das war mein einziges Ventil.

So fuhr ich damals oft per Anhalter und erzählte den Leuten, die mich mitnahmen, von meiner schwierigen Kindheit und den finanziellen Problemen. Oft genug funktionierte meine Masche. Besonders junge Männer halfen mir gerne mal aus.

"Ich kann dir Geld leihen", sagte er. "Ich habe eine Spielothek und immer genug Bargeld im Handschuhfach meines Autos." (...) Wenn man drogenabhängig ist, kann man sich Ängste nicht leisten. (...) "Du gewinnst 500 DM, wenn du "Street Fighter" auf dem Nintendo gegen mich gewinnst. Wenn du verlierst, musst du tun, was ich von dir verlange." (...) Er legte sich auf mein Bett und forderte mich zu sexuellen Handlungen auf. Mir war kotzübel. Aber ich tat, was er von mir verlangte. Am Ende gab er mir tatsächlich das Geld.

Nach dem Entzug

Plötzlich fühlte ich mich von der Welt so ausgeliefert. Ich stand vor den Trümmern meines Lebens, und es blieb mir nichts anderes übrig, als hinzusehen. Kein wärmendes Eingelulltsein beschützte mich vor meinen Gedanken.

Da das gewohnte "Scheiß-egal-Gefühl", das ich mit den Drogen erlebt hatte, fehlte, trank ich jetzt oft Alkohol, kiffte und nahm auch manchmal Ecstasy und andere "Partydrogen".

Neuanfang

Mein Leben war bis vor ein paar Jahren ein riesiges Chaos. Jetzt habe ich das Gefühl, endlich zur Ruhe gekommen zu sein. Vieles von dem, was ich getan habe und wer ich gewesen bin, muss ich noch verdauen. Aber in mein altes Leben möchte ich nie mehr zurück.

Das Buch „Abgestürzt“ (120 Seiten) von Marie Kaufmann und Annette Weber ist im Verlag an der Ruhr erschienen und kostet 6,50 Euro.

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