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Hannover ZiSH Bewegte Szene
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14:09 16.10.2009
Breakdancer und "Battle Of The Year"-Macher Thomas Hergenröther. Quelle: Tobias Kleinschmidt

Die Breakdance-Weltmeisterschaft „Battle Of The Year“ (BOTY) gibt es seit 20 Jahren, du bist schon seit knapp 30 Jahren in der Hip-Hop-Szene. Wie erlebt die Jugend 
die Szene?

Hip-Hop ist in den letzten Jahren kommerzialisiert worden. Es wird eine Menge Geld in das „Produkt Hip-Hop“ gesteckt und viel damit verdient. Jeder kleine Trend wird aufgeblasen, bis er platzt. Was Hip-Hop und Breakdance angeht, wissen nur noch wenige Jugendliche etwas über die Ursprünge. Einige beschäftigen sich damit erst, wenn sie älter sind. Wenn ich bei Workshops erzähle, dass wir seit 1984 Breakdance machen, blicke ich in erstaunte Gesichter. Die Szene ist nicht mehr mit der damaligen zu vergleichen.

Wie war es denn Anfang der Achtziger?

Als Breakdance 1983 aus den Armenvierteln New Yorks nach Deutschland kam, war es hier erst eine Modeerscheinung. Wie Aerobik ein Jahr zuvor. Ein Jahr später war es für viele schon nicht mehr interessant. Hier in Hannover blieben nur wenige übrig. Meine Tanzgruppe 
„Burning Moves“ und ich, zusammen mit DJ Air-Knee, dem Jazzkantine-DJ und einem begnadeten BMX-Fahrer, ließen uns nicht beirren. Wir zählen uns zum Ursprung der hannoverschen Hip-Hop- und Breakdance-Szene.

Was hat euch am Breakdance fasziniert?

Anfang der Neunziger waren wir eine 20- bis 30-köpfige Gruppe. Der Zusammenhalt stand im Vordergrund. Wir waren auf Wettkämpfen in Braunschweig, Berlin und der Schweiz. Da die deutsche Szene klein war, kannte man sich untereinander. Wir zeigten uns gegenseitig neue Tanzschritte und knüpften Kontakte. Damals tauschten wir noch Adressen und Festnetznummern aus. Handys und Internet gab es damals nicht. Auf den Veranstaltungen wurden amerikanische Magazine verkauft oder verschenkt. Wir haben jede Zeile, jedes Bild aufgesogen.

Und wo habt ihr trainiert? Breakdance in Tanzstudios gab es ja noch nicht.

Uns reichten schon ein paar Quadratmeter Karton. Trainiert haben wir in Jugendzentren. Das war kostenlos. Keiner von uns hätte das Geld für einen teuren Tanzkurs gehabt. Wir brachten uns Breakdance einfach selbst bei.

Und wie seid ihr dann auf die Idee gekommen, Battles zu organisieren?

Wir wollten was bewegen in der jungen Szene. In Hannover gab es nichts Vergleichbares, also organisierten wir eigene Hip-Hop-Veranstaltungen. 1989 entstand so der Vorläufer des „BOTY“ im Haus der Jugend: ein Hip-Hop-Festival mit Rapgruppen aus Hannover. Ein Jahr später wurde der Breakdancewettbewerb „Battle Of The Year“ geboren. Das war 1990.

Beim Begriff Hip-Hop denken die meisten an Rapper wie 50 Cent. War Hip-Hop früher auch nur eine One-Man-Show?

Damals haben Rap-Musiker, DJs, Graffitimaler und Breakdancer mehr miteinander gemacht. Schließlich sind das die vier Disziplinen des Hip-Hop. Auf Wettkämpfen, sogenannten „Jams“, haben sich auch mal die Tänzer am Mikrofon probiert. Und jeder kannte jeden. Heute gibt es dieses Miteinander nicht mehr. Jede Disziplin hat ihr eigenes Event. Die Tänzer gehen zum „Battle Of The Year“, die Rapper zum „Splash“ in Stuttgart, und die Graffitimaler zum „Write 4 Gold“. Es gibt eigentlich keine Veranstaltung mehr, wo alle zusammenkommen. Das ist traurig.

Hat es eine Jugendkultur heute schwer bei dem Überangebot an Freizeitmöglichkeiten?

Ich glaube, eine Jugendkultur hat es in unserer schnellen Zeit generell schwer. Ein Großteil der Szene fühlt sich nur einen kurzen Moment zugehörig und interessiert sich dann schon wieder für etwas anderes. Viele Anfänger möchten so schnell wie möglich richtig gut werden und etwas gewinnen. Wenn das nach zwei bis drei Monaten nicht klappt, geben sie auf. Das ist sehr schade und aus meiner Sicht auch ein Grund dafür, dass es kaum deutsche Tanzgruppen gibt, die international oben mittanzen. Die letzten erfolgreichen Gruppen waren die Flying Steps aus Berlin oder die Southside Rockers aus Stuttgart, die waren aber auch zehn bis 15 Jahre zusammen.

Passen Breakdance und Hip-Hop in ihren Grundgedanken in unsere Zeit?

Der Grundgedanke der Hip-Hop-Kultur ist der Zusammenhalt in einer Gruppe. Schaut man sich die Szene in Nigeria oder dem südamerikanischen Surinam an, bekommt man einen Eindruck, wie es in Europa vor 20 Jahren war. In Lagos in Nigeria flippte das Publikum total aus, als der holländische Juror – einer der ersten Weißen in der Szene – ein paar Schritte tanzte. Ich habe das Video gesehen und hatte Gänsehaut. Die Leute dort haben noch nicht die Möglichkeiten, die die Jugendlichen hier haben. Kein Internet, keine Satellitenschüsseln, und reisen können nur wenige. Breakdance ist dort noch roh und unentwickelt. Beim Vorentscheid im Senegal hingen Stromkabel von der Decke, und es gab einen Kurzschluss. In China guckten Nägel aus dem Teppich. Aber die Tänzer vorort waren total entspannt. Für sie zählte das Was – und nicht das Wie.

Ist in den Breakdance-Kursen der Tanzschulen der Hip-Hop-Ursprung verloren gegangen?

Tanzschulen legen meistens wenig Wert auf die Hip-Hop-Kultur und ihre Geschichte, sondern unterrichten einen Trend. Es gibt Tanzlehrer, die sich schon nach ein paar Workshops Breakdancer nennen. Aber es gibt auch Tanzschulen mit „echten“ Breakdancern. Breakdance ist in Jugendzentren und im Sozialarbeiterumfeld groß geworden, wo viele Jugendliche einen Migrationshintergrund haben oder aus sozialen Randgruppen kommen. Jugendliche in Tanzschulen bekommen das Geld von ihren Eltern. Die Jugendlichen in den Jugendzentren können sich das nicht leisten.

In Joghurtwerbung wird mittlerweile gerappt. Hip-Hop ist zu einer kommerzialisierten Kultur geworden. Lässt sich das Rad zurückdrehen?

Nein! Es gibt zwar jede Menge „Back to the Old School“-Partys, aber die sind gewollt. Ich bin froh, dass ich die ganze Entwicklung von Anfang an miterlebt habe. Aber wenn ich jetzt noch mal anfangen würde, wäre Hip-Hop, so, wie es heute ist, nichts, worauf ich Bock hätte.

Trotzdem ist Hip-Hop ein wichtiger Teil deines Berufs. Was treibt dich noch an?

Im Großen und Ganzen kann ich mich mit der Szene nicht mehr richtig identifizieren. Aber es sind noch Leute mit dabei, denen die Kultur so wie mir am Herzen liegt und die ehrenamtlich hinter der Bühne oder als Juror arbeiten. Wenn wir als Veranstalter das so durchziehen würden wie vor 15 Jahren, würde das „BOTY“ nicht funktionieren. Dann hätte ich nach meinem Referendariat in einer Hauptschule weitergearbeitet oder wäre Sozialarbeiter geworden. Aber das „BOTY“ ist eine Institution, die ein gutes Stück bewegen kann. Wir wollen den Jugendlichen kein Hip-Hop-Leitbild aufdrängen, sondern die Hip-Hop-Kultur mit ihrer Geschichte und ihrem Spirit am Leben halten.

Der Macher Thomas Hergenröther

Das habe ich lange nicht mehr gemacht“, sagt Thomas Hergenröther (Bild) und schwingt sich dennoch locker in einen „Freeze“. Die akrobatische Bewegung ist nur eine von vielen, über die sich die Zuschauer bei der morgigen Breakdance-Weltmeisterschaft „Battle Of The Year“ in Braunschweig freuen können. Bei Wettbewerben tanzt der 40-Jährige nicht mehr. Dafür ist zu wenig Zeit. „Die Vorbereitung und Planung des ,Battle Of The Year‘ ist ziemlich anstrengend“, sagt Thomas. Aber er und sein Team funktionieren gut zusammen.

Seit 1989 organisiert Thomas Hip-Hop-Veranstaltungen, und seit 1990 heißt der Wettbewerb „Battle Of The Year“. In den Neunzigern ist das „BOTY“ ständig gewachsen, und der Macher hat es sich als Warenzeichen eintragen lassen. Eigentlich ist er Hauptschullehrer, hat aber nach seinem Referendariat nicht mehr unterrichtet. Breakdance liegt Thomas schon seit Anfang der Achtziger am Herzen. Damals war die Szene noch klein, und man hat sich im Bahnhof und in Jugendzentren zum Tanzen getroffen – oft auf Pappkartons als Untergrund. Für Sentimentalität hat Thomas jetzt aber keine Zeit. Morgen steht der „Battle Of The Year“ an.

von Felix Klabe

Das "Battle Of The Year"

Am Sonnabend treten sie wieder gegeneinander an, die besten Breakdancegruppen der Welt. 18 Crews von Belgien über Japan und Südafrika bis Weißrussland werden in Braunschweig vor 8­000 Zuschauern um insgesamt 3000 Euro Preisgeld und den Applaus der Zuschauer kämpfen. Moderiert wird das „Battle Of The Year“ vom hannoverschen Rapper Spax. Gefeiert wird der 20.Geburtstag bereits seit Montag: Neben einer Ausstellung zur Veranstaltungsgeschichte gibt es Workshops und eine Lesung. Am Freitag ab 19 Uhr Uhr wetteifern die Breakdancer beim „We B-Girlz-Battle“ zwei gegen zwei und beim „Funkstyles Battle“ in der Diskothek Jolly Joker (Broitzemer Straße 220 in Braunschweig). Anschließend wird bei der „Warm Up Party“ gefeiert. Der Eintritt für Vorkämpfe, Lesung und Party kostet 8 Euro.

Parallel findet ab 19 Uhr in den Schloss-Arkaden (Platz am Ritterbrunnen 1) erstmals ein internationaler Solo-Tanzwettbewerb mit den 16 weltbesten Einzeltänzern statt. Am Sonnabend geht es dann ab 18.30 Uhr in der Braunschweiger Volkswagen Halle (Europaplatz 1) beim „BOTY“ um den inoffiziellen Weltmeistertitel. Beurteilt werden die Crews in ihrer Performance durch eine Jury, die Kriterien wie Tanzstil und Choreografie bewertet. Der Eintritt kostet 28,50 Euro. ZiSH verlost zweimal zwei Karten und zwei Fanpakete. Einfach am Freitag, 16. Oktober, um 16 Uhr unter (05 11) 5 18 17 58 anrufen und mit etwas Glück gewinnen.

von Manuel Becker

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