Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
ZiSH Stellt dir vor, es ist Sommer – und du sitzt in der Bib
Hannover ZiSH Stellt dir vor, es ist Sommer – und du sitzt in der Bib
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:27 16.08.2018
Von wegen Semesterferien: In Hannovers Bibliotheken sind voll. ZiSH-Mitarbeiterin Jacqueline Hadasch hat umgesehen und gefragt: Was macht ihr gerade? Quelle: Villegas
Hannover

Stell dir vor, es ist der schönste, sonnigste und wärmste Sommer seit Ewigkeiten. Und was machst du? Anstatt mit Freunden am See zu liegen, auf ein Festival oder in den Urlaub zu fahren, sitzt du in deinem aufgeheizten Zimmer, büffelst und schreibst, schreibst und büffelst. Du hast keine Lust mehr und bekommst das Gefühl, dort draußen etwas zu verpassen. Das macht wehmütig.

Irgendwann, noch bevor dieser Sommer richtig angefangen hat, hast du eine Deadline bekommen. Für eine Haus- oder Abschlussarbeit oder einen Klausurtermin. Damals hast du noch zu dir selbst gesagt: „Das geht schon vorbei.“ Jetzt hast du den Salat.

Doch da musst du jetzt durch. Eins der wenigen Dinge, die helfen: Sich unter Leidensgenossen in die Uni-Bibliothek zu begeben. Würde man alle Regale der Technischen Informationsbibliothek Hannover aneinanderreihen, würde das einer Länge von 210 Kilometern ergeben. Doch es reichen einige Meter entlang der Arbeitsplätze und 5,9 Millionen Bücher, um zu erkennen: Auch die anderen sind nicht zum Spaß hier. Ein kurzer Blickwechsel reicht, um sich im Vorbeigehen zu sagen: „Ach, du musst auch ...“

In die Bib geht man schließlich nicht, um sich häuslich einzurichten. Im Gegenteil: Bis auf wenige Gegenstände wird so ziemlich alles Persönliche am Eingang ins Schließfach gestopft. Ab dann gibt es außer dem Blick nach draußen nichts mehr, was dich ablenken kann: keine Netflix-Serie, die geschaut, keine Kaffeemaschine, die entkalkt, und keine Oma, die dringend besucht werden muss.

Jetzt gibt es nur noch dich, deine Arbeit und die für die Bib einzigartige Stille. Einziger Trost: Wenn die letzte Klausur dann geschrieben ist oder die Arbeit endlich beim Dozenten im Postfach liegt, bleibt dir hoffentlich noch ein bisschen Zeit, um den Sommer zu genießen.

„Ich lerne, wie man am besten nicht stirbt“

„Man sollte in die Bib gehen, damit man hier sehen kann, dass es den anderen genauso schlecht geht“, sagt die 20-jährige Freya. Quelle: Villegas

Geteiltes Leid ist halbes Leid, so lautet das Motto von Freya Waschkies. „Man sollte in die Bib gehen, damit man hier sehen kann, dass es den anderen genauso schlecht geht“, sagt die 20-jährige Medizinstudentin. Auf Lernen hat sie so überhaupt keine Lust. „Ich würde wirklich einfach alles lieber machen, auch zehnmal am Tag die Wohnung putzen.“ Das wäre allerdings zu viel Ablenkung – auch deshalb lernt Freya nicht zu Hause. Praktisch findet sie, dass ihre Wohnung nicht weit von der Bib entfernt ist. „Schade, dass man hier kein Essen mit reinnehmen darf.“

Was ich gerade mache: „Ich lerne für meine Abschlussprüfung in Physiologie.“

In einem Satz erklärt: „Wie stirbt man am besten nicht?“

„Wir Juristen haben kein Leben“

„So ist das mit Juristen, wir haben leider kein Leben“, sagt Sinja. Quelle: Villegas

Sinja Heuser setzt auf Verabredungen: „Dann hat man den Druck, wirklich in der Bibliothek zu erscheinen.“ Die Jura-Referendarin freut sich auf die Mittagspause. Denn dann sprechen sie und ihre Kommilitonen sich gegenseitig Mut zu. „So ist das mit Juristen, wir haben leider kein Leben. Statt der Fachbücher würde ich zu gern einen Roman lesen.“

Was ich gerade mache: „Ich pauke für mein zweites Staatsexamen.“

In einem Satz erklärt: „Das Staatsexamen ist wohl der einzige Grund, mal die AGB zu lesen – mit denen beschäftige ich mich gerade.“

„Ich pauke für mein Deutschexamen“

„Gerade befasse ich mich mit Nomen, Verben und Verbindungen“, sagt Narges. Quelle: Villegas

„Ich mag es, hier in der Bibliothek von Freunden Hilfe zu bekommen und auf Deutsch zu diskutieren“, sagt Narges Taghdir. Die 33-jährige Iranerin wird bald eine Elektrotechnikstudium beginnen, vorher muss sie ein Deutschexamen bestehen. Noch lieber als am Schreibtisch zu sitzen, wäre ihr aber ein Besuch mit ihren Freunden auf dem Maschseefest: „Neulich habe ich dort spanischen Fisch gegessen, das war toll.“

Was ich gerade mache: „Ich lerne für mein Deutschexamen.“

In einem Satz erklärt: „Gerade befasse ich mich mit Nomen, Verben und Verbindungen.“

„Ein Stierkampf um die Plätze“

Mert kämpft jeden Morgen um einen Sitzplatz in der Uni-Bib. Quelle: Villegas

Ehrliche Selbstkritik ist für Mert Kanmaz die größte Motivation, um wirklich in die Bibliothek zu gehen. „Man sollte es sich eingestehen, wenn man hier produktiver ist als zu Hause.“ Kritisch sieht der 22-jährige Bauingenieurstudent auch den vorherrschenden Platzmangel. „Es gibt hier morgens einen regelrechten Stierkampf!“

Was ich gerade mache: „Ich lerne für vier Klausuren. Die nächste Prüfung heißt Projekt- und Vertragsmanagement.“

In einem Satz erklärt: „Es geht darum, wie ein Bauprojekt gemanagt wird.“

„Ich vermisse den Sportplatz“

„Die Motivation sollte sein, an Lerntagen überhaupt aufzustehen“, sagt Moritz. Quelle: Villegas

Zu Hause zögert Moritz Clasen immer alles hinaus. In der Bibliothek dagegen fängt er direkt mit dem Lernen an. „Die Motivation sollte sein, an Lerntagen überhaupt aufzustehen“, sagt der 23-Jährige, der daheim oft im Liegen lernt. Der Mathematikstudent vermisst es, sich auf dem Sportplatz auszupowern. „Ich spiele Rugby in der Bundesliga bei Germania List. Die Vorbereitung für die Saison fällt genau in die Klausurenphase.“

Was ich gerade mache: „Mich für die Datenstrukturen- und Algorithmus-Klausur vorbereiten.“

In einem Satz erklärt: „In Mathe gibt es einen recht hohen Informatikanteil, der sehr theorielastig ist.“

„Die absolute Stille hier stört mich“

Statt in der Bib, lernt Samia eigentlich lieber in Cafés. Quelle: Jacqueline Hadasch

Samia Khallafi ist wegen einer Eigenart kein Freund der Bib: „Ich mag die absolute Stille nicht und brauche eigentlich eine etwas lautere Umgebung. Deshalb lerne ich sonst eher in Cafés, oft im Corner in Linden-Nord“, erzählt die 24-Jährige, die Geschichte und Deutsch auf Lehramt studiert. Lieblingsorte hin oder her – wenn die Zeit zu knapp fürs Café ist, verschlägt es Samia dann doch in die Bib.

Was ich gerade mache: „Ich schreibe mal wieder eine Hausarbeit.“

In einem Satz erklärt: „Das Thema handelt davon, wie es für Menschen, die ihren Schulabschluss nachholen, ist, wieder in die Schülerrolle zu treten.“

„Hier kann ich mich konzentrieren“

„Das Horrorszenario ist, an einem Achtertisch zu sitzen“, findet Can. Quelle: Villegas

„Nach den Prüfungen will ich mal wieder Zeit verdaddeln. Das ist einfach das Schönste“, sagt Can Demir. Gerade paukt der 19-jährige Wirtschaftsingenieur- Student für eine Klausur. In der Bibliothek kann er sich besser konzentrieren. „Das Horrorszenario ist aber, wenn man an einem Achtertisch sitzt. Einer haut auf die Tastatur und am besten kaut noch jemand laut Kaugummi.“

Was ich gerade mache: „Ich lerne für die Mechanik-Prüfung.“

Erklärt in einem Satz: „Dabei geht es um Kräfte, die auf ein Objekt einwirken – zum Beispiel wie sich einzelne Teile eines Schranks verhalten, wenn man eine der Türen schließt.“

„Zitroneneis in der Stadt wäre besser“

Chantal freut sich auf Licht am Ende des Lerntunnels. Quelle: Jacqueline Hadasch

„Ein persönliches Highlight habe ich hier nicht – bis auf das Licht am Ende des Tunnels“, scherzt Chantal Ihle. Die 24-Jährige ist nicht wegen der ruhigen Atmosphäre, sondern schlichtweg wegen der Bücher in der Bibliothek. „Wäre ich nicht hier, würde ich in der Stadt ein Zitroneneis essen“, sagt die Soziologiestudentin.

Was ich gerade mache: „Ich schreibe eine Hausarbeit über die soziale Beziehung von Vater und Mutter zum Kind.“

In einem Satz erklärt: „Die zentrale These ist, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung genauso erziehungsfähig ist wie eine zweigeschlechtliche.“

Von Jaqueline Hadasch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Sommerferien sind schon wieder vorbei: Wer auch im Alltag hin und wieder eine kurze Auszeit braucht, kann mit unseren Buchtipps in andere Welten entfliehen.

14.08.2018

Was gehört aufs Deckblatt, und wann schreibe ich die Einleitung? ZiSH listet auf, was ihr bei wissenschaftlichen Arbeiten beachten müsst.

09.08.2018

ZiSH-Autorin Anna Neela ist Fleischesserin. Immer öfter hat sie das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Doch warum eigentlich?

09.08.2018