Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
ZiSH Ein junger Regisseur und seine Inszenierung
Hannover ZiSH Ein junger Regisseur und seine Inszenierung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:49 14.05.2011
Jakob Weiss zeigt seine Version von PeterLichts „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“. Quelle: Nico Herzog

Das Sofa steht schief. Das soll es eigentlich auch. Aber nicht so schief, wie es sich gerade auf der Treppe in der Cumberlandschen Galerie neigt. „Bin gleich wieder da“, ruft Jakob Weiss den Schauspielern Wolf List und Dominik Maringer zu. Kurz darauf kommt der junge Mann mit dem „Clockwork Orange“-T-Shirt, den weißen Hosenträgern und den Springerstiefeln mit einigen Holzlatten zurück. Er stemmt sie unter die Sofakante, lässt sich noch einmal auf das Sofa fallen. Jetzt ist es stabiler. Der 26-Jährige weiß, dass andere Regisseure sich für solche Arbeiten zu schade wären. Von autoritärem Auftreten hält er jedoch wenig und einen Assistenten hat er auch nicht. Jakob Weiss ist selbst einer.

Normalerweise sitzt der Regieassistent mit seiner Kladde daneben, während andere Leute kreativ sind. Für viereinhalb Wochen ist er nun in die Mitte des Regiepults aufgerückt. Jakob ist nun selbst der kreative Kopf der Produktion. Neben ihm sitzt seine Hospitantin. Mit „Rohschnitt“ hat das Staatstheater Hannover eine Reihe geschaffen, die Theaterassistenten die Möglichkeit gibt, selbst kurze Stücke zu inszenieren. Jakob, der seit fast zwei Jahren für das Schauspielhaus arbeitet, zeigt derzeit seine Version von PeterLichts „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“. Mit dem Essay gewann der Indiepop-Musiker und Autor PeterLicht, der seinen wahren Namen und sein Gesicht geheim hält, den Ingeborg-Bachmann-Preis. Doch PeterLichts Popularität und das Geheimnis, das er aus seiner Person macht, waren nicht die Gründe dafür, dass Jakob sich diesem Werk annahm. „Der Text steht mit seinen gewaltigen, monströsen und zugleich sehr lustigen Bildern für sich“, sagt er. „Er ist wie gemacht fürs Theater.“

Eine Herausforderung war es dann aber doch, das Essay mit dem sperrigen Titel auf die Bühne zu bringen. Denn unterschiedliche Charaktere oder eine klassische Handlung gibt es in dem Text nicht. Vielmehr sitzt da eigentlich ein einzelner Erzähler auf dem Sofa, sinniert über sein Leben und gerät dabei in einen Strudel der Selbstrelativierung. Da heißt es etwa zu Beginn: „Es ging mir gut. Ich war gesund und hatte Geld“. Aus viel Geld wird „mittel Geld“, dann ist sein Geld „unten“ und schließlich zieht er die Zwischenbilanz: „Ich lag wie ein gestrandeter Erdteil auf dem Weltmeer meines Minusgeldes.“ „Solche Sätze sind großartig“, meint Jakob. „Sie erzählen von dem Profilierungswahn in Zeiten von Facebook und dem permanenten Druck, dass es einem immer gut gehen müsse.“

Aber es geht in dem Text nicht nur um den schönen Schein, sondern auch um die große Katastrophe, die sich an einem scheinbar kleinen Makel am Sofa entzündet. Das Sofa, das der Erzähler zuerst wegen seiner „hohen Qualität“ und seines „exzellenten Sitzkomforts“ lobt, entpuppt sich als „Gewölle aus synthetischen Schäumen, Wollfasern, Plastikknöllchen, Pressspanmehl, Drähten und sonstigem ermüdetem Material“.

Von all dem ist auf der Bühne in der Cumberlandschen Galerie nichts zu sehen. Stattdessen steht da ein mit rosa Wolken bemaltes hellblaues Sofa auf einem türkisen Teppich. Ein Teil des Treppenhauses ist in rosafarbenes Licht getaucht, der andere ist blau ausgeleuchtet. Bonbonfarbene Papierschmetterlinge fallen zu Boden. „Es ging mir darum, eine scheinbar perfekte Kulisse zu schaffen, die durch das Schauspiel dann dekonstruiert wird und so das Abgründige zutage fördert“, sagt Jakob. „Mich hat der schmale Grat zwischen der Banalität des Alltags, der sich vor allem im Bühnenbild und Kostüm widerspiegelt, und der Katastrophe gereizt.“

Das kitschig bunte Bühnenbild soll in einen Widerstreit mit der authentischen Spielweise von List und Maringer geraten. Wenn die beiden auf dem Sofa sitzen oder im Treppenhaus herumlaufen, versuchen sie den sprachlich oft witzigen Text ohne Ironie zu spielen. Denn während das Bühnenbild vor allem eine scheinbar heile Welt zeigt, erzählt der Text von der Katastrophe. „Im besten Fall erzeugt dieser Widerstreit etwas Horrormäßiges, das einen Gruseln lässt“, sagt Jakob.
Und das Abgründige lauert nicht nur in der Gefühlswelt des Erzählers, sondern auch in der äußeren Welt. Von zwei Detonationen, die alles zum Zerbersten bringen, ist im Text die Rede. Da liegt die Assoziation zum 11. September nahe. Die Motive, die rund um den Terroranschlag auf das World Trade Center kreisen, ziehen sich dann auch wie ein roter Faden durch die Inszenierung. Die rosa Wolken auf dem Sofa, der hellblaue Orientteppich, der an fliegende Teppiche aus orientalischen Märchen erinnert, die mit einem „I Love New York“-Schriftzug bedruckten Flugzeuge, die sich die Schauspieler am Ende umschnallen. Sogar der Spielort greift die Thematik des Wankens und Fliegens auf. Schließlich kann man im Treppenhaus der Cumberlandschen Galerie gleich auf drei Ebenen blicken und das Sofa auf den Stufen schief abstellen. Das ist aber eher ein Zufall, denn in der Cumberlandschen Galerie werden alle Inszenierungen der „Rohschnitt“-Reihe gezeigt.

Beim Bearbeiten der Stoffe hilft es, dass der Jungregisseur auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. Denn Jakob arbeitet seit rund fünf Jahren als Assistent am Theater. Er war an der Schaubühne Berlin, am Berliner Ensemble, am BAT-Studiotheater in Berlin und dem Staatstheater Stuttgart beschäftigt. Erst als Bühnenbildpraktikant, dann als Assistent der Regie. Er traf auf unterschiedliche Regisseure, auf nachdenkliche, autoritäre, lockere und intellektuelle und beobachtete ihre jeweilige Arbeitsweise. Bei manchen beschränkte sich seine Arbeit darauf, Probenabläufe zu koordinieren und dem Regisseur zur Seite zu stehen. Andere forderten, dass er die Proben minutiös protokollierte. Manche sahen in Jakob einen Künstler, andere behandelten ihn wie einen Leibeigenen, aber das störte ihn nicht. „Ich habe mir irgendwann vorgenommen, das wie Jesus zu sehen“, sagt er. „Man muss die Sünden der anderen auf sich nehmen, damit es ihnen besser geht.“ Und Jakob meint so einen Satz ernst.

Die Arbeit mit den Regisseuren war es dann auch, die Jakob am stärksten beeinflusste. Denn ein Studium hat er nicht abgeschlossen. „Ich hatte schon das Gefühl, dass es der Anspruch der Gesellschaft an mich war, nach dem Abitur zu studieren“, sagt er. „Letztlich wollte ich mir die Sachen aber immer selbst klarmachen, selbst hingucken und mir nicht vorsetzen lassen, wie die Welt funktioniert.“

Es ist vielleicht auch dem fehlenden Hochschulabschluss geschuldet, dass Jakob einen etwas unorthodoxen Zugang zum Theater hat. Der Zugang kommt durch den Bauch, das Herz, dann erst schaltet sich der Kopf ein. Es ist ein intuitiver Zugang. „Ich nehme meine Arbeit nicht zu ernst. Für mich ist Theater ein großer Abenteuerspielplatz. Und ich weiß genau, wo die Geräte stehen, die mir Spaß machen.“

Stefanie Nickel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!