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ZiSH Alles Porno?
Hannover ZiSH Alles Porno?
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16:01 04.04.2014
Quelle: Illustration: Stefan Hoch
Hannover

Clarence muss lachen und hält sich in gespieltem Schock die Hand vor den Mund. Die blondierte Schülerin der York High School soll erklären, was eine „Milf“ ist. Sie weiß die Antwort, doch es ist ihr zu peinlich, um die Abkürzung auszusprechen. „Milf“, das ist kurz für „Mother I’d like to fuck“ – also die obszöne Bezeichnung für eine Mutter, mit der man gerne schlafen würde. Den Begriff kannte die 16-jährige Clarence aus Pornos, die man „irgendwo mal gesehen hat“.

Die Szene stammt aus der viel diskutierten englischen Dokumentation „Porn on the Brain“ von Martin Daubney. Der arbeitete früher als Redakteur für das Männermagazin „Loaded“. Als Daubney Vater wurde, schmiss er seinen Job und drehte stattdessen einen Film darüber, wie einfach sein Sohn und andere Kinder heutzutage an Pornos kommen können. Dafür ging er an Schulen und zeigt Jugendliche, die einschlägige Schmuddelbegriffe kennen wie ihre Französischvokabeln. Begriffe, die wie das Phänomen „Sexting“ auch in Deutschland längst zum Alltag auf dem Pausenhof gehören. Mit 16 Jahren haben auch in hier 90 Prozent der Jungen und zwei Drittel der Mädchen bereits Kontakt mit Pornografie gehabt – zwei Jahre bevor sie nach dem Gesetz alt genug dafür sind.

Minderjährige wie Kilian. Der blonde Junge mit dem Simpsons-
T-Shirt ist zwölf Jahre alt und geht in die sechste Klasse eines Gymnasiums in Hannover. Eine Freundin hatte er noch nicht, Sexfilme hat aber auch er schon gesehen. „Einige Jungs aus der Parallelklasse haben sich manchmal an der Bushaltestelle nach der Schule Pornos auf ihrem Handy angeguckt.“ Manchmal hat dann auch Kilian mitgeguckt – und geschwiegen. „Die anderen haben dann Sprüche über die Brüste der Frauen oder so gemacht. Ich wusste nie, was ich sagen sollte.“ Woher die Videos auf den Handys stammen, weiß Kilian nicht genau. Wahrscheinlich aber seien sie aus dem Internet heruntergeladen.

Schwierig ist das nicht. Was früher in den Ab-18-Ecken der Videotheken noch räumlich vom Rest der Filme abgetrennt war, ist heute über den Computer oder das Smartphone immer und überall zu erreichen. Ein Klick auf den Button „Ja, ich bin 18 Jahre alt“ genügt bei einem der größten Internetportale für Sexfilme, um Zugang zu erhalten. Die meisten vergleichbaren Seiten haben gar keine Beschränkung. Wo früher in der Videothek noch der Personalausweis (oder der des großen Bruders) vorgezeigt werden musste, kommen heute schon Minderjährige wie Kilians Mitschüler mit wenigen Klicks an Hunderte Sexfilme.

Was macht das mit uns, wenn wir Pornos gucken – häufig schon vor dem eigenen ersten Mal? Verändert der Konsum unser Bild von Sexualität? Oder ist jedem stets klar, dass es sich um eine Überzeichnung handelt, um eine Cartoon-Variante von Erotik?
Genau lässt sich diese Frage noch nicht beantworten. Zwar sagen laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2009 nur 14 Prozent der Jungen und neun Prozent der Mädchen, dass sie Pornos gucken, weil sie sie für realistisch halten. Genaue Experimente zu den Auswirkungen bei Minderjährigen sind aber aus ethischen und juristischen Gründen gar nicht möglich.

Die Medienreferentin Andrea Urban veranstaltet als Leiterin der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen regelmäßig Fachtagungen zum Thema. Für sie können Jugendliche die Bilder, die in Pornos vermittelt werden, noch nicht verarbeiten.„Genau deswegen ist Pornografie erst ab 18 Jahren freigegeben. Erst dann hat man wenigstens schon erste Erfahrungen gesammelt und kann solche Bilder vielleicht besser einordnen.“ Wichtig ist für sie deswegen eine gute sexuelle Aufklärung und die Stärkung der Jugendlichen – von einer allgemeinen Panikmache hält die Medienreferentin aber nichts. Dass Jugendliche heute in ihrer Pubertät irgendwann Pornos konsumieren, ist für sie eine Realität, die man anerkennen muss. „Unsere Referenten zeigen immer wieder, wie flächendeckend die Verbreitung ist. Wir müssen akzeptieren, dass Pornos ein Teil der Lebensrealität von Jugendlichen sind.“

Doch Teil der Lebensrealität sind sie nicht erst seit gestern. Wo heute Videos gezeigt werden, wanderten früher Porno-Heftchen unterm Tisch durch die Reihen. Noch immer hat ein Jugendlicher, genau wie schon vor 30 Jahren, zwischen dem 16. und dem 17. Lebensjahr das erste Mal Geschlechtsverkehr. Die Porno-Rollenbilder vom omnipotenten Mann oder der stets willigen Frau werden dagegen laut Andrea Urban vielmehr durch populäre Medien verbreitet. „Was bedeutet es denn, wenn Rihanna in ihrem Musik-Clip breitbeinig auf einem Stuhl sitzt? So etwas wirkt viel stärker als irgendwelche Pornos, die man auf dem Handy hat.“

Populär war auch die Komödie „American Pie“, in der schon 1999 die Mutter einer der Hauptfiguren als „Milf“ bezeichnet wurde und den Begriff damit endgültig in den jugendlichen Wortschatz einbrachte.

Doch auch wenn Porno-Vokabeln durch Musik-Clips und Hollywoodfilme in unsere Sprache gelangen, zeigt das extreme Beispiel von Calum aus „Porn on the Brain“, dass Pornos deswegen nicht harmlos sind. Der 19-jährige Schüler ist schlank, eloquent und modisch gekleidet – kein sozialer Außenseiter. Sich selbst bezeichnet er als pornosüchtig. Bis zu 28-mal am Tag habe er seit Jahren Pornos geschaut und sich dabei selbst befriedigt. Eine Zeit lang versuchte er deswegen, auf sein Smartphone zu verzichten und so wenig wie möglich online zu sein – nur um dem Drang zu widerstehen, wieder eines der Filmchen im Netz anzuklicken. Sein einziger Ausweg war am Ende eine Therapie.

Ansgar Nehls

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